Streit um Fassade Wie eine Hochschule mit einem Gedicht ringt

Seit sechs Jahren prangt ein Gedicht auf der Fassade einer Berliner Hochschule. Studierende wollen es weg haben: Die Zeilen seien patriarchalisch. Das Rektorat will das Werk nun "in einen anderen Kontext rücken".

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin
David von Becker/Alice Salomon Hochschule Berlin

Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin


Es war als Dankeschön gemeint: Als der Dichter Eugen Gomringer 2011 den Poetik-Preis der Berliner Alice Salomon Hochschule gewann, gab er eines seiner berühmtesten Gedichte - gegen eine Gebühr - für die Südfassade her. Seither ragt es dort in schwarzen Lettern in den Himmel.

Das Werk ist auf Spanisch, stammt aus dem Jahr 1951 und ist schnell übersetzt:

"Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer"

Die damalige Rektorin Theda Borde freute sich über die Geste des inzwischen 92 Jahre alten Gomringers. "Wir sind uns sicher, dass die Strahlkraft des Kunstwerkes weit über unsere Hochschule und den Bezirk Hellersdorf hinausgeht", sagte sie damals.

Das jetzige Rektorat dürfte ein getrübteres Verhältnis zu dem Werk haben. Denn seit der Asta im April 2016 einen offenen Brief an die Hochschulleitung veröffentlichte, ringt die Hochschule um den richtigen Umgang mit dem Gedicht.

"Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren", kritisierte der Asta. "Es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."

Zwei Monate später stellten Studenten im Akademischen Senat einen Antrag, das Gedicht zu übermalen - und die Fassade neu zu gestalten. Daran sollten sich alle Angehörigen der Hochschule beteiligen dürfen.

Der Akademische Senat nahm den Antrag an, doch Rektor Uwe Bettig war dagegen, Gomringers Geschenk zu entfernen. Der Dichter zählt zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur seit den Fünfzigerjahren. Er gilt als Initiator der Konkreten Poesie, bei der es weniger um den Inhalt von Sprache geht und mehr darum, Wörter anschaulich aneinanderzureihen.

"Die Hochschulleitung möchte das Gedicht gern erhalten und durch eine Erweiterung in einen anderen Kontext rücken", sagt Bettig. Denkbar wäre zum Beispiel eine weitere Strophe, fügte eine Sprecherin hinzu. Dafür sei auf der Fassade auch noch Platz.

Noch bis Mitte Oktober läuft die interne Ausschreibung. An der Hochschule in Berlin-Hellersdorf belegen rund 3700 Studenten Bachelor- sowie Masterstudiengänge für Soziale Arbeit, den Gesundheitsbereich sowie Erziehung und Bildung. Alle Hochschulangehörigen können Vorschläge einreichen, was mit der Fassade passieren soll.

Leseraufruf
(Einsendung gilt als Zustimmung zur Veröffentlichung. Wir werden die Beispiele im Artikel anonymisieren.)

Anmerkung der Redaktion: Wir haben präzisiert, dass das im ersten Absatz erwähnte Gedicht gegen eine Gebühr überlassen wurde. Außerdem haben wir die Zahl der Studenten im letzten Absatz konkretisiert.

lov

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
ted211 30.08.2017
1. Verhüllen
Ich schlage vor, die Fassade zu verhüllen. So entsteht ein neues Kunstwerk.
cherrypicker 30.08.2017
2. Man sollte sich Sorgen machen ...
... wenn die Freiheit der Kunst eingeschränkt werden soll, nur weil man sich vor Assoziationen ängstigt, die jedoch einzig und allein in der Vorstellungskraft des jeweiligen Lesers liegen. Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt, lieber Asta.
toll_er 30.08.2017
3. irre
Ein Gedicht ist ein Gedicht ist ein Gedicht. Und die Bewunderung von Frauen ist gleichzusetzen mit sexueller Belästigung. Und jetzt krabbeln die Weicheier und Warmduscher rum und wollen das Gedicht in einen anderen Kontext stellen. Eine weiter Strophe? Sorry, Herr--- Frauschaften... Eugen Gomringer hat das Gedicht so und nicht anders geschrieben. Wie wäre es mit Warnhinweisen ähnliche denen auf den Zigarettenpackungen: "Das Lesen dieses Gedichtes verführt den männlichen Leser zu sexueller Belästigung von Frauen und zu einem völlig falschen Menschenbild!" Ich halt es langsam nicht mehr aus.
Americanet 30.08.2017
4.
Wir driften gefährlich hin zu einem Land, in dem so fanatisch zu einer Seite hingedrängt wird, dass die andere Seite irgendwann überkocht. Beispiel siehe USA, November 2016. Diese Geschichte erinnert mich an Bilderstürmerei; betrieben weil Kunstwerke nicht ins eigene, irrsinnig beschränkte Weltbild passen. Der gleiche politisch verblendete Wahn wird von denselben Leuten übrigens an den Tag gelegt, wenn es um echte geschlechtliche Diskriminierung und Belästigungen im richtigen Leben geht. Bei solchen werden dann konsequent die Augen vor Realitäten verschlossen, deren Benennung in Asta-Kreisen zumeist als rassistisch gelten.
tropfstein 30.08.2017
5. Mir gefällt es, schöne Frauen zu sehe (mehr noch als schöne Männer)
Ich mag es, schöne Blumen anzuschauen, schöne Landschaften, und - ja ich gestehe es, oh Asche auf mein Sexistenhaupt - schöne Frauen. (Ja, mehr noch als schöne Männer anzuschaeun, ich muss wohl mit dem Makel des weißen männlichen Heteros leben). Und ich mag es, wenn sich Menschen beiderlei Geschlechts attraktiv anziehen und herrichten - auf die Gefahr, dass eine Frau oder ein Mann denkt: "Der/Die sieht aber gut aus." Nach dieser Beichte (oh, ich Übler) muss ich wohl Buße tun und nach Saudi-Arabien. Dort wenigstens wird jede Frau eingeknastet, die nur ein wenig mehr zeigt als einen schwarzen Sack über dem Kopf. Recht so?
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