Streit um Schulverweise Rausschmiss mit Folgen

Der Erfurter Täter Robert Steinhäuser war von der Schule verwiesen worden, was offenbar Auslöser des Massakers war. Wer kurz vor dem Abitur fliegt, steht in Thüringen mit leeren Händen da - anders als in allen anderen Bundesländern. Diese Regelung ist jetzt umstritten.


Täter Robert Steinhäuser: Sturz ins Bodenlose?
THÜRINGER ALLGEMEINE/AP

Täter Robert Steinhäuser: Sturz ins Bodenlose?

Nachsitzen und Strafarbeit, Tadel und Eintrag ins Klassenbuch, zeitweiliger Ausschluss vom Unterricht oder von besonderen Veranstaltungen, schriftlicher Verweis und Versetzung in eine Parallelklasse - die Liste der Sanktionsmöglichkeiten bei Schülern ist lang. Der Ausschluss von der Schule gilt als letztes Mittel und wird an deutschen Schulen recht selten angewandt.

Der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser, der am Freitag 16 andere Menschen und schließlich sich selbst erschoss, hatte nach Angaben von Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel zunächst die elfte Klasse wiederholt. Im Oktober letzten Jahres wurde er dann in der zwölften Klasse von der Schule verwiesen. Offenbar war aufgeflogen, dass Steinhäuser mehrfach ärztliche Atteste gefälscht hatte.

Bei einem Rausschmiss so kurz vor dem Abitur stehen Schüler in Thüringen mit leeren Händen da. Wer dort in der Oberstufe war und nur an der Abiturprüfung scheiterte, erhält nicht einmal einen qualifizierten oder erweiterten Hauptschulabschluss, sondern nur einen einfachen Hauptschulabschluss nach der neunten Klasse. In sämtlichen anderen Bundesländern haben Schüler dann zumindest die mittlere Reife in der Tasche, häufig sogar die Fachhochschulreife. Damit können sie an Fachhochschulen studieren.

Wie die Kultusministerkonferenz mitteilte, bildet Thüringen bundesweit die Ausnahme. Dort können Gymnasiasten, wenn sie am Abitur scheitern, allenfalls nach einer Sonderprüfung oder zusammen mit einer Berufsausbildung den Realschulabschluss erwerben oder sich um die Aufnahme an einer anderen Schule bemühen.

Blumen vor dem Erfurter Gymnasium
DPA

Blumen vor dem Erfurter Gymnasium

Steinhäuser hatte offenbar Kontakte zum Schulamt, zu einem Gymnasium, das aber keinen Physik-Leistungskurs anbot, und zu einem weiteren Gymnasium. Ab 1. November 2001 habe er sich dann "nicht mehr gemeldet", sagte Ministerpräsident Vogel am Dienstag. Die Eltern seien auf Bitte Steinhäusers nicht über den Verweis informiert worden. Dies sei möglich gewesen, weil er volljährig und nicht mehr schulpflichtig war. Steinhäuser habe seine Eltern selbst informieren wollen, das aber offensichtlich unterlassen.

Um den Umgang mit Schülern nach Verweisen ist nach der Erfurter Tragödie eine Kontroverse entbrannt. Thüringens Kultusminister Michael Krapp will allerdings an der umstrittenen Thüringer Regelung festhalten, die Eltern- und Schülervertreter kritisiert hatten. "Wir sehen keinen Anlass, gegenwärtig eine andere Diskussion zu führen als vor dem Attentat", sagte der CDU-Politiker am Dienstag. Er verwies darauf, dass der Realschulabschluss auf Antrag durch eine externe Prüfung nachträglich abgelegt werden könne. "Realschüler in Thüringen würden es nicht verstehen, wenn ihr Abschluss an Gymnasien ohne Prüfung vergeben würde", so Krapp.

Unterdessen plädierte Rainer Dahlem, Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg, für eine bessere Betreuung von Schülern nach einem Verweis. "Solche Dinge dürfen nicht nur über Papier und Briefe geregelt werden, sondern in direkten Gesprächen mit dem Elternhaus", sagte Dahlem.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hat sich für eine stärkere Betreuung durch Schulpsychologen eingesetzt. "In Anbetracht des Erfurter Amoklaufes halte ich es für sinnvoll, dass eine Institution darauf achtet, dass ein betroffener Schüler nicht in ein Loch fällt, und ihm eine Perspektive aufzeigt", begrüßte Carl-Anton von Gleichenstein von der Vereinigung der Schulpsychologen die Initiative. Damit in Rheinland-Pfalz 5000 Schüler von einem Psychologen betreut werden könnten, wären allerdings 100 neue Planstellen nötig.

Auch der Bundeselternrat hält die "Beratungskultur" an den Schulen für "einfach unterentwickelt", so die Vorsitzende Renate Hendricks. Sie kritisierte, dass es bei Schulverweisen oder Scheitern im Abitur keine individuellen Verarbeitungshilfen der Schulen gebe. Nach Auffassung von Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler muss Schule den Jugendlichen auch vermitteln, dass es bei jedem Versagen noch "eine neue, andere Möglichkeit gibt, so dass nie eine Sackgasse entsteht". In der bildungspolitischen Debatte mündeten solche Fragestellungen jedoch meist nur in die Forderung nach Einstellung von Sozialarbeitern oder Psychologen, nicht in ein neues Verständnis der Lehrerrolle.

Das kritisiert auch der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer und fordert einen Wandel im Selbstverständnis der Schulen. "An den Schulen gilt bisher das Prinzip: Wir suchen nach den Schwächen der Schüler, statt ihre Stärken zu entdecken und zu fördern", sagte der Soziologe im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Jochen Leffers



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