Digitale Hochschule Studenten, zurück an die Kopierer!

Digitale Texte ade, es gibt wieder Papierkopien: Ab Januar könnten viele Onlineaufsätze für Studenten gesperrt werden. Grund ist ein Streit ums Urheberrecht - jetzt wird nach einer Lösung in letzter Minute gesucht.

Studentin am Fotokopierer
Getty Images

Studentin am Fotokopierer

Von


Wenn sich die Bildungs- und Wissenschaftsminister der Länder derzeit treffen, dann reden sie besonders gerne über die Digitalisierung: Smartphones und Tablets im Schulunterricht, Onlineseminare an der Uni, Blended Learning.

Schon beim IT-Gipfel im November standen digitale Bildung und digitale Kompetenzen im Mittelpunkt, und am Donnerstag verabschiedete die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre Digitalisierungsstrategie für die Schulen.

Zumindest an Unis und FHs aber steht zum Jahreswechsel nicht der nächste Digitalisierungsschritt an, stattdessen droht ein Rückfall in analoge Zeiten. Der Grund: Digital zur Verfügung gestellte Texte auf Lernplattformen wurden bisher mit der VG Wort, welche die Rechte der Urheber vertritt, pauschal abgerechnet. Das hatte das Bundesverfassungsgericht kritisiert, der entsprechende Vertrag läuft Ende 2016 aus.

Im Oktober hatten KMK und VG Wort deshalb einen neuen Rahmenvertrag zur Einzelabrechnung ausgehandelt. (Den Vertrag im Wortlaut finden Sie hier.) Er sollte am 1. Januar in Kraft treten und sieht vor, dass in Zukunft 0,008 Euro pro Seite, Student und Semester von der Universität zu zahlen sind.

"Das ist nicht praxistauglich"

"Der enorme Mehraufwand durch die geforderte Einzelerfassung sowie zahlreiche offene rechtliche, technische und organisatorische Fragen" würden die Neuregelung aber blockieren, sagt Klaus Hoffmann-Holland, Vizepräsident für Studium und Lehre an der FU Berlin. Die FU werde deshalb, wie die anderen Berliner Unis auch, dem Vertrag nicht beitreten. Ähnliche Ankündigungen gab es aus allen Bundesländern.

Für Studenten heißt das: Die Copycard erlebt ein Revival. Was bisher digital auf Laptop oder Tablet geladen und auch ausgedruckt werden konnte, muss jetzt wieder Seite für Seite aus den entsprechenden Lehrbüchern kopiert werden. So kündigten etliche Hochschulen an, ihre Onlinekurse zum Ende des Monats abzuschalten. "Sie sollten daher vorsorglich alle Dokumente, die für Ihre Arbeit wichtig sind, bis zu diesem Datum auf Ihre Rechner herunterladen", rät etwa der Kölner Rektor Axel Freimuth seinen Studenten in einer Rundmail.

Fast alle Hochschulen haben sich mittlerweile entschlossen, den Rahmenvertrag zwischen KMK und VG Wort zu boykottieren. Sie verweisen auf einen Testlauf an der Uni Osnabrück, wo durch das neue Meldeverfahren enorme Kosten entstanden waren. "Das Verhandlungsergebnis konnte genauer auf seine Praxistauglichkeit geprüft werden", sagt Svenja Schulze, Wissenschaftsministerin in NRW - und kritisiert, "dass vor allem der administrative Aufwand aus Sicht der Hochschulen unverhältnismäßig hoch ist". Ihr Urteil: "Das ist nicht praxistauglich."

Rückschritt ins analoge Zeitalter

Auch Studenten unterstützen den Boykott, obwohl sie die Leidtragenden sind. Weil in der Lehre ohnehin viel Geld fehle, begrüße er die Ankündigung seiner Uni, den Vertrag zu boykottieren, sagt Holger Rosebrock vom Asta der Goethe Universität Frankfurt: "Es geht nicht darum, keine Vergütung an die Autorinnen und Autoren zu leisten - die Neuregelung führt jedoch lediglich zu einem Rückschritt im Bereich der Digitalisierung", so der Studentenvertreter. Das Meldeverfahren sei so kompliziert, dass es in Zukunft kaum noch Onlinetexte geben werde: "Der Effekt ist der erzwungene Rückschritt ins analoge Zeitalter für viele Studierende in Deutschland."

Kultusminister und VG Wort, die den Vertrag ausgehandelt hatten, haben mittlerweile eingesehen, dass die Vereinbarung nicht zu retten ist, wenn die Hochschulen nicht mitziehen. Am Freitagnachmittag kündigten die Verwertungsgesellschaft, die KMK und die Hochschulrektorenkonferenz deshalb die Gründung einer Arbeitsgruppe an, um "eine einvernehmliche Lösung für die Handhabung des Urheberrechts im Kontext der Lehre an den Hochschulen zu entwickeln".

Den Mitgliedern der AG steht ein sportliches Adventsprogramm bevor: Man werde "rechtzeitig vor dem Jahresende 2016 einvernehmlich einen Lösungsvorschlag vorlegen", heißt es in einer Erklärung. Mit anderen Worten: Die Studenten sollten vielleicht doch noch ein wenig warten, bevor sie hohe Copycard-Guthaben auf ihren weihnachtlichen Wunschzettel schreiben.



insgesamt 93 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MisterD 11.12.2016
1.
Und so geraten wir weiter ins Hintertreffen, was Digitalisierung angeht. Ist ja nicht so, dass wir vo dieser Entscheidung schon vorbildlich oder gar führend waren... ich fasse es nicht...
feilhammer 11.12.2016
2.
Ja was die Digitalisierung angeht haben wir noch Nachholbedarf...
crazy_swayze 11.12.2016
3.
Ausgerechnet im wissenschaftlichen Bereich sperrt man das Wissen aus Digitalplattformen aus. Hat man den Richtern nicht gesagt dass dies unser einziger "Rohstoff" ist?
Hamberliner 11.12.2016
4. nennen wir es semi-analog
Einen Rückfall zur Fotokopie auf Papier wird es nicht geben. Auch Scanner sind inzwischen überflüssig. Man kann jedes normal gedruckte Dokument doch mit dem Smartphone knipsen um ein durchaus lesbares PDF zu bekommen. Damit ist es zwar noch lange nicht digital, aber das Gerenne zum Kopierer und Papierwirtschaft wie anno dunnemals bleiben einem erspart. Sehr oft, wenn auch mit mieser Qualität, kann man danach den überwiegenden Teil des Textes auch mit der OCR-Schrifterkennung von Adobe digitalisieren. Ich finde es schon OK, wenn Hochschulen sich hemmungslosen Abzock-Versuchen von Urheberrechte-Inhabern widersetzen.Ich finde es schon OK, wenn Hochschulen sich hemmungslosen Abzock-Versuchen von Urheberrechte-Inhabern widersetzen.
Newspeak 11.12.2016
5. ...
Das ist halt alles "Neuland" in der "Bildungsrepublik" Deutschland. Faktisch sind wir in der DDR. Da hat sich auch immer alles toll angehört und die Realitäten waren ganz andere. Dieses Land belügt sich ständig selbst und es finden sich genug Doofe, die alles auch noch glauben. In 20, nein in 10 Jahren sind wir dann Entwicklungsland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.