Stress an der Uni "Ein Studium bedeutet auch Frust und Enttäuschungen"

Lernprobleme, Zukunftsängste, Depressionen: Immer mehr Studierende benötigen psychotherapeutische Hilfe. Was ein junger Mensch braucht, der nicht mehr weiterweiß, erzählt Uni-Psychologin Sabine Köster.

Lernstress im Studium
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Lernstress im Studium

Ein Interview von


Zur Person
  • Studierendenwerk Karlsruhe
    Sabine Köster ist Diplompsychologin und leitet seit 2006 die psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks Karlsruhe. Das Team ist für die rund 48.000 Studierenden der acht Hochschulen in Karlsruhe zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Studierende suchen Hilfe. Allein die Deutschen Studentenwerke haben im Jahr 2015 fast 32.000 angehende Akademiker in Einzelgesprächen beraten - vier Jahre zuvor waren es noch 26.000. Wo liegen die Gründe für diesen Anstieg?

Sabine Köster: Studieren ist für viele junge Menschen richtig schwierig. Ich sehe dafür vor allem drei Gründe. Erstens: Es gibt so viele Möglichkeiten, zwischen denen sie sich entscheiden können - sie fragen sich also permanent: Welcher ist der richtige Weg zu meinem passenden Beruf? Zweitens gibt es im Studium mittlerweile recht viele Vorgaben und Prüfungen, an denen man also ständig scheitern kann. Drittens - und das ist am wichtigsten - ist die Studienzeit ja seit jeher eine Umbruchphase mit ohnehin vielen Unsicherheiten und großen Lebensfragen: Wer bin ich, wo will ich hin, wie soll mein Leben aussehen?

SPIEGEL ONLINE: Was sind die häufigsten Probleme, mit denen Studierende zu Ihnen kommen?

Köster: Viele habe Lernschwierigkeiten und Prüfungsangst. Sie sind häufig in der Schule mühelos durch alle Prüfungen durchgekommen, fallen jetzt vielleicht zum ersten Mal durch eine Klausur und stellen fest: Es ist doch nicht alles so einfach.

SPIEGEL ONLINE: Eine nicht bestandene Prüfung sollte aber doch kein Drama sein. Schließlich gehört Scheitern zum Leben.

Köster: Auf jeden Fall ist es wichtig, auch das Scheitern zu lernen. Nur der Weg dorthin kann sehr schmerzhaft, verunsichernd und leidvoll sein. Hinzu kommen viele, die mit Depressivität und Zukunftsängsten zu kämpfen haben. Sie befürchten, nicht selbstbewusst genug zu sein. Sie denken sich: Was passiert, wenn ich dem Studium nicht gewachsen bin? Oder die Zweifel am Berufsziel nehmen zu. Es gibt Studierende, die nicht mehr aus dem Bett kommen.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennen Sie eine Depression, wenn ein Studierender zu Ihnen kommt?

Köster: Unsere Einzelgespräche dauern jeweils 50 Minuten. Und auch, wenn man depressive Symptome bei jungen Erwachsenen zwischen Anfang und Ende 20 nicht erwarten würde, berichten viele, dass sie keinen Antrieb haben, die Lebensfreude verloren gegangen ist und sie sich selbst nicht wiedererkennen. Die sagen dann: "Ich war früher anders und habe gern und neugierig gelernt." Wenn jemand gravierende Probleme hat und eine sehr regelmäßige Begleitung braucht, schicken wir ihn weiter zu niedergelassenen Psychotherapeuten. Die anderen kommen durchschnittlich fünf Mal zu uns.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Rat erteilen Sie in solchen Fällen?

Köster: Gar keinen, denn Beratung heißt nicht, Ratschläge zu erteilen. Mach Sport, geh früh schlafen, mach dir einen Zeitplan - solche Tipps sind nicht das, was die Studierenden brauchen, die zu uns kommen. Die haben sie nämlich längst im Internet selbst recherchiert und oft genug von Freunden, Kommilitonen oder den Eltern gehört. Wer zu uns kommt, sagt meist als Erstes: Ich weiß nicht mehr weiter, ich bin am Ende, ich will es anders machen, kann aber nicht. In so einem Moment hilft kein Rat. Diese Studierenden brauchen Begleitung auf der Suche nach einer Lösung, die zu ihnen persönlich passt - und die damit immer individuell ist. Ein Ansatz könnte sein, an Themen wie Selbstwertgefühl, Zukunftsperspektiven und Lebenszufriedenheit zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Und was würden Sie einem Erstsemester generell gern mitgeben?

Köster: Studieren ist nicht notwendigerweise die tollste, schönste, freieste Zeit im Leben, auch wenn das häufig die Erwartung ist. Ein Studium ist eine Herausforderung, und es wird nicht alles reibungsfrei laufen, es wird Frust und Enttäuschungen geben. Man sollte aber nicht an sich selbst zweifeln, nur weil man sich nicht ständig glücklich und frei fühlt oder Spaß hat. Eine gute Balance aus Uni und Leben ist immer wichtig. Und wer nicht zurechtkommt, sollte sich schnell Unterstützung suchen.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt man, dass man nicht mehr nur ein ruhiges Wochenende, sondern tatsächlich Hilfe braucht?

Köster: Körperliche Warnsignale werden häufig lange übersehen, sind aber eindeutig: Wer oft Kopfschmerzen hat, Schwindel oder schon morgens beim Aufstehen Bauchschmerzen, wer ständig müde und erschöpft ist, ohne dass es dafür eine körperliche Ursache gibt, braucht auf jeden Fall Hilfe. Genau wie jemand, der das Gefühl hat, neben sich zu stehen, der versucht, zu verbergen, wie es ihm geht. Auch sollte es nicht zum Dauerzustand werden, dass man sich zu allem zwingen muss, was der Studienplan vorgibt - weil die Lust am Lernen abhandengekommen ist.



insgesamt 77 Beiträge
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xireney 23.03.2017
1. BItte korrektes Deutsch... in der Beschreibung der Interviewten
die psychotherapeutische Beratungsstelle Studierendenwerk Karlsruhe. Ist es zuviel Aufwand "des Studierendenwerkes Karlsruhe " zu schreiben? :)
Kradfahrer 23.03.2017
2. Nach meiner Erfahrung
beginnt das Problem schon in Familie und Grundschule. Das Leben ist nun einmal kein Ponyhof und da ist die Familie gefragt, dem Kind Grundlegendes mitzugeben. Ich habe z.B. mit meinen beiden angeheirateten Söhnen Wanderungen im Elbsandsteingebirge gemacht. Der Kleine war 7 Jahre alt, als wir an einem Tag 40 km gewandert sind. Er wollte das, er hat die Strecke auf der Karte ausgearbeitet, er sagte mir voller Überzeugung, dass das zu schaffen ist, er führte uns und wir schafften es. Von solchen Erfahrungen zehrt der Mensch sein Leben lang. Schule. In einer Mathehausaufgabe sollten sich die Kinder in der 1. Klasse Subtraktionsaufgaben selbst ausdenken. Ich sagte noch, dass der Lütte von einer großen eine kleine Zahl abziehen soll. Nein, er konnte nicht hören, also brachte ich ihm binnen weniger Minuten das Rechnen im negativen Bereich bei. Dass er es begriffen hatte, bewies er gleich am folgenden Tag, indem er seinem besten Schulfreund das auch vermittelte. Beide durften forthin im negativen Bereich rechnen, während der Rest der Klasse solche Aufgaben als "unlösbar" kennzeichnen sollte. Methodik und Didaktik kommen aber auch in allen Fächern zum Tragen, etwa in Berichtigungen in Deutsch. Dreimal das falsche Wort zu schreiben, ist nicht nur aus Sicht des Schülers öde, es ist schlicht und ergreifend dumm, bringt lerntechnisch gar nichts und zwingt den Schüler auch nicht, sich mit seinem Fehler zu befassen, um ihn zu begreifen. Wer z.B. komem statt kommen schreibt, der sollte das berichtigen, indem er etwa kommen, können, kämmen schreibt, weil in allen 3 Fällen die Regel kurzer Vokal gefolgt von doppeltem Konsonanten gilt. Ja, und wenn diese Grundsteine in Familie und Schule gelegt sind, dann kommt das Studium mit seiner unsäglichen Bologna-Verschlimmbesserung. Heute muss man sogar auf der Uni-Toilette seine Anwesenheit belegen und nach dem Spülen einen Leistungsnachweis erbringen. Wie dumm! Ich habe teilweise nur an weniger als 50 % der Vorlesungen teilgenommen und die restliche Zeit zum wesentlich effektiveren Selbststudium genutzt. Nicht nur duch Lesen, auch durch das Überarbeiten und Korrigieren der Skripte vorhergehender Semester. Letzteres ist ein sehr effizienter Weg, um sich mit dem Stoff zu befassen und ihn zu begreifen. Wenn dieser denn nicht durch irgendwelche dummen Vorschriften verbaut wird. Fazit: Wenn Elternhaus, Schule und Uni an dem gleichen Strick ziehen, um Menschen heranzubilden, die nicht nur auf eigenen Füßen stehen, sondern auch damit gehen können, dann sollten eine Menge der angesprochenen Probleme schon aus der Welt sein. Wenn dann noch die Unis der Politik klar machen, dass sie sich gefälligst um Dinge kümmern soll, von denen sie etwas versteht, dann sind noch eine Menge weiterer Probleme aus der Welt.
vox veritas 23.03.2017
3. Scheitern gehört zum Leben
"Scheitern gehört zum Leben" Hier steckt m.E. der Kern des Problems. Ursache sind Helicopter Eltern, die sich um alles kümmern, ein Schulstoff, der nur noch im Hauruck-Verfahren und sehr oberflächlich bearbeitet wird und eine zunehmende Verdichtung von Schule (und später Arbeitswelt). Die Heranwachsenden kommen doch gar nicht mehr in die Verlegenheit, sich an Themen abzuarbeiten bzw. mit Widerstand umzugehen und sich durchzusetzen.
Newspeak 23.03.2017
4. ...
Ich frage mich ja, warum war es frueher moeglich, mit weniger Pruefungen und anderer Bevormundung stressfreier und oft schneller und besser zu studieren, als heute (besser nicht im Sinne von Noten, sondern dem, was die Leute anschliessend wirklich koennen)?
nici_d 23.03.2017
5. Der Dativ...
Zitat von xireneydie psychotherapeutische Beratungsstelle Studierendenwerk Karlsruhe. Ist es zuviel Aufwand "des Studierendenwerkes Karlsruhe " zu schreiben? :)
ist dem Genitiv sein Tod. Jetzt scheiben sie "vom Studierendenwerk". Zum Thema: woran liegt's? Die fachlichen Anforderungen in den Studiengängen sinken, dafür ist mehr Druck durch starre Studienpläne vorhanden. Gestern konnten wir lesen, dass viele nicht studierfähige Schulabgänger ein Studium aufnehmen. Wenn Kinder heute von Anfang an dauernd eingebläut bekommen, dass jeder alles schaffen kann, dann fehlt die gesunde Selbsteinschätzungsfähigkeit. Viele wären in einer Ausbildung mit nine-to-five oder von acht bis sechzehn Uhr besser bedient als mit einem Studium, dies selbst zu erkennen ist eine unschätzbare Gabe. Auffällig ist auf der Karte, dass in den Regionen, in welchen nach landläufiger Meinung viel Bier (Bayern) oder viel Wein (Rheinpfalz) getrunken wird, der Stress geringer ist. Kausalität oder nur Korrelation?
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