Strongman-Run in Dessau Hauptsache ankommen

Warum rennt man nachts einen Halbmarathon durch Matsch, Gummireifen und Partyschaum? In Dessau gingen jetzt fast 3000 Läufer beim Strongman-Run an den Start. Ein Spaß-Rennen - aber mit echten Qualen.


Beim Start ist sie noch ambitioniert. Francesca Klein, 19 Jahre alt und Kölner Sportstudentin, hat in diesem Jahr schon zwei Strongman-Runs (SMR) mitgemacht, auf dem Nürburgring und in Belgien. Läufe über die Halbmarathon-Distanz, gespickt mit über 30 Hindernissen: Schlammbecken und Kletterwänden, Wasserrutschen und Parcours zum Kriechen, Schaumbecken und kurzen Schwimmstrecken in eiskaltem Wasser.

"Mal schauen, ob es fürs Podium reicht", sagt die angehende Sportlehrerin vor dem Lauf - schließlich hat sie im Frühjahr beim belgischen SMR in der Frauenwertung den 15. Platz belegt. Doch diesmal hat die 19-Jährige kein Glück.

Bei dem Nachtlauf im ehemaligen Tagebaugebiet bei Dessau, in Ferropolis, vertritt sie sich schon früh den Fuß. "Ich bin fast die gesamte Strecke mit Schmerzen gelaufen und musste ziemlich die Zähne zusammenbeißen, um überhaupt anzukommen", erzählt sie.

Fotostrecke

12  Bilder
Extrem-Hindernislauf: Dreckig, klebrig, extra anstrengend
Keine Angst, aber Respekt vor der Strecke

Francesca ist in Ferropolis gemeinsam mit ihren Kommilitonen Ann-Kathrin Lambertz, 19, und Dominik Minn, 20, von der Deutschen Sporthochschule in Köln und mit Fabian Klöcker, 18, einem angehenden Zahntechniker, an den Start gegangen.

Außer ihr hat bislang nur Dominik schon Erfahrungen bei einem Hindernislauf gesammelt. "Im Vergleich zu einem normalen Marathon ist der Strongman-Run interessanter und dreckiger", sagt Francesca, "außerdem gibt es mehr Hilfe untereinander."

Francesca beim SMR im Mai 2015 am Nürburgring

Francesca Klein
Für Ann-Kathrin und Fabian ist es dagegen der erste SMR-Start. "Angst habe ich keine, nur Respekt vor den Hindernissen", sagt Ann-Kathrin, bevor es losgeht: "Für mich steht dabei der Spaß im Vordergrund, nicht die Leistung." Auch Fabian gibt sich zurückhaltend: Ankommen wolle er, zumal er vorher "überhaupt nicht" trainiert habe - aus Zeitmangel.

Ein Rückzieher kam für ihn aber nicht in Frage. Schließlich hat er mit seinem Bruder gewettet, dass er durchhält bei diesem - nach Angaben des Veranstalters - weltweit ersten Hindernislauf bei Nacht.

Mit Lockenwickler auf die Strecke

Auch die anderen hatten eigentlich vor, sich besser vorzubereiten. Als Sportstudenten wissen sie schließlich, wie das geht - beziehungsweise besser gehen könnte. Mit Zirkeltraining für die Kraft, längeren Läufen für die Ausdauer und mit einem Trainingsplan, der passgenau auf den Tag der Veranstaltung zugeschnitten ist.

"Ich muss jetzt auch mal anfangen mit dem gezielten Training", hatte sich Dominik noch Mitte Juli vorgenommen. Nur: Klausuren und Prüfungen am Semesterende, dazu ein paar Hausarbeiten und Urlaubspläne standen den Studenten dann doch im Weg.

Vielleicht liegt es aber auch am leicht karnevalsartigen Charakter des SMR, dass die Vorbereitungspläne schnell Makulatur waren: Viele Teilnehmer treten verkleidet an und gehen als geflügelte Engel, als ältere Damen mit Lockenwicklern, Hausfrauenkittel und (aufblasbarem) Rollator oder in Schottenröcken auf die Strecke.

4000 Reifen, 450.000 Liter Schlamm

Das Kölner Team hat sich diesmal auf einheitliche T-Shirts beschränkt. "Nachts sieht dich keiner heulen" haben sie vorne drauf gedruckt, den SMR-Werbespruch "No pain no glory" auf die Rückseite.

So kämpfen sich die vier durch Kies- und Sandbetten, suchen sich in der Dunkelheit ihren Weg über einen schlecht beleuchteten Stoppelacker und versuchen, im Kriechtunnel den weißen Bändern auszuweichen, die sonst bei Weidezäunen eingesetzt werden und mit knackendem Geräusch kurze Stromschläge austeilen. Es wird ziemlich viel geflucht unterwegs, auch wenn die Flüche eher nach Spaß als nach Frust klingen.

Seit mittlerweile neun Jahren gibt es die Strongman-Läufe, außerdem etliche andere Hindernisläufe von "Tough Mudder" bis zu den "Mud Masters". Bei der größten Veranstaltung dieser Art, dem SMR auf dem Nürburgring, kamen im Mai 13.500 Läufer.

Am Samstag in Ferropolis waren es immerhin 2600, die sich bei Dunkelheit auf den Weg machten, um unter anderem 4000 Autoreifen, 100.000 Liter Partyschaum, 450.000 Liter Schlamm in einer Grube und sechs Überseecontainer zu überwinden.

Nur: Warum tun sie das? "Man muss natürlich schon ein bisschen verrückt sein", lacht Ann-Kathrin. Da steht sie schon im Ziel, ziemlich dreckig, mit schlammverkrusteten Beinen und der Finisher-Medaille um den Hals. Würde sie den Lauf nochmal machen? Die Antwort der 19-Jährigen kommt sofort: "Na klar!"

Auch für Francesca und Dominik ist ausgemacht: Das war nicht das letzte Mal. Nur Fabian winkt ab. "Das muss erst mal reichen", sagt er nach gut zwei Stunden Quälerei: "Hauptsache, ich habe meine Wette gewonnen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
batmanmk 16.08.2015
1. Die Antwort
Frage: Warum rennt man nachts einen Halbmarathon durch Matsch, Gummireifen und Partyschaum? Antwort: Massenhaft Instagramm- und FB-Selfies, likestorms, gediegene Langweile in der gentrifizierten Altbauwohnung, fame, fame und nochmals fame... reicht das erstmal?
Mindbender 16.08.2015
2. ...
Danke für den Hinweis, das SMR abgekürzt für Strongmanrun steht. Jungejunge, hätte ich fast nicht gepeilt.
Stäffelesrutscher 16.08.2015
3.
Zitat von batmanmkFrage: Warum rennt man nachts einen Halbmarathon durch Matsch, Gummireifen und Partyschaum? Antwort: Massenhaft Instagramm- und FB-Selfies, likestorms, gediegene Langweile in der gentrifizierten Altbauwohnung, fame, fame und nochmals fame... reicht das erstmal?
... damit man nachher ein Bier kippen darf. In den Biergarten gehen ist ja langweilig. ;-)
k70-ingo 16.08.2015
4.
Zitat von batmanmkFrage: Warum rennt man nachts einen Halbmarathon durch Matsch, Gummireifen und Partyschaum? Antwort: Massenhaft Instagramm- und FB-Selfies, likestorms, gediegene Langweile in der gentrifizierten Altbauwohnung, fame, fame und nochmals fame... reicht das erstmal?
Nachts im Matsch bei körperlicher Verausgabung Selfies zu machen, ist nicht ganz so einfach. Ansonsten war Ihr Kommentar für SPON erwartbar.
Flying Rain 16.08.2015
5. Das
Das tolle für den Veranstalter sind vor allem die hohen Startgebühren wie man sie vielleicht noch vom Triathlon kennt wobei beim Triathlon auch Straßen gesperrt werden müssen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.