Student als libyscher Rebell Der Turnschuh-Krieger aus Bielefeld

Naser Hagagi zog vom Hörsaal in den Krieg: Er sah im Internet, wie seine Landsleute starben, und flog in seine Heimat Libyen. Der Bielefelder Student stand als Rebell an der Front, ohne je zuvor eine Waffe in der Hand gehabt zu haben. Zurück in Ostwestfalen verfolgen ihn die Bilder des Krieges.

Von Martina Kix


Den libyschen Bürgerkrieg, der mehr als vier Jahrzehnte Gaddafi-Herrschaft beendete, klickt Student Naser Hagagi, 36, bei YouTube an: Schlaff liegt der Körper eines Mannes in einer Blutlache am Straßenrand. Das Gesicht blutüberströmt, das Kamerabild wackelt. Männer tragen ihn weg. Eine Frauenstimme kommentiert, alle seien bereit, die Stadt Adschdabija gegen die Söldner zu verteidigen. Eineinhalb Minuten Krieg, dann ist der Film zu Ende.

Naser hat Hunderte dieser Videos gesehen. Immer wieder klickt er auf Wiedergabe, weil das Leid, das Muammar al-Gaddafi seinem Volk angetan hat, vom Schreibtisch in Bielefeld aus betrachtet nur schwer zu glauben ist. Dabei hat Naser die Bilder mit eigenen Augen gesehen.

Naser dreht eine Zigarette. Eine Gitarre hängt an der Wand und ein Poster des Jazz-Masters, ein Musik-Festival. Sein Zimmer sieht aus wie das eines Studenten, nicht wie das eines Kriegers.

Mitte März bricht der Kontakt zur Familie ab

Vor elf Jahren floh er aus Libyen. Er wollte nicht in einem Land leben, in dem Menschen umgebracht werden, wenn sie ihre politische Meinung öffentlich äußern. Deutschland gewährte ihm Asyl. Nachdem er Deutsch gelernt hatte und sein libyscher Schulabschluss anerkannt worden war, bekam er 2008 endlich einen Studienplatz und begann an der Fachhochschule in Bielefeld ein Studium im Fachbereich Sozialwesen. Er finanzierte sich die Ausbildung als Pflegehelfer im Altenheim. In seiner Freizeit spielte er am liebsten mit Freunden im Park Gitarre. Dann kam der Februar 2011, da sollte er eigentlich im Hörsaal sitzen, erzählt er.

Doch als die Revolution in Libyen beginnt, holen ihn Bilder aus seiner Vergangenheit ein. Er erinnert sich daran, wie Systemkritiker in der Universität gehenkt wurden, wie Menschen verschwanden. Gebannt verfolgt er die Nachrichten über die Proteste und die Reaktionen Gaddafis. Im Internet sieht er die Filme, die Libyer in den umkämpften Städten aufnehmen.

Seine Familie lebt in der Hafenstadt Bengasi, wo der Aufstand begann. Naser versucht fast täglich, mit seiner Mutter zu telefonieren. Mitte März bricht der Kontakt ab und Naser packt die Angst um seine neun Schwestern und zwei Brüder.

Er organisiert Demos für einen Einsatz der Nato in Libyen. "Gaddafi sollte sehen: Die Welt schaut ihm zu", sagt Naser. Als er sieht, dass Gaddafis Truppen bei Demos in die Menge schießen, reicht es ihm nicht mehr, in Deutschland zu demonstrieren. "Es ging nicht darum, dass ich lebend zurückkehre. Es ging um die Menschen, die über vier Jahrzehnte unter dem Terrorregime gelitten haben", sagt Naser.

Völlig unvorbereitet steigt er an einem Sonntag Mitte März in den Touristen-Flieger von Düsseldorf nach Hurghada am Roten Meer. Von dort fährt er mit dem Bus nach Kairo, dann mit dem Auto über die Ostgrenze. Am Morgen des 21. März betritt er zum ersten Mal seit elf Jahren libyschen Boden - und ein Land im Bürgerkrieg.

An den Kontrollposten stehen junge bewaffnete Männer, die ihn willkommen heißen. "Die Stimmung war ausgelassen, wie bei einer riesigen Feier", sagt Naser. Auf dem Weg ins Landesinnere begegnen ihm jubelnde Libyer, die die Fahne des freien Libyens schwenken und auf den Straßen Wasser und Cola verteilen.

In Converse-Turnschuhen an die Front

Am Abend erreicht er seine Familie, die wohlauf ist. Ein alter Schulfreund aber liegt im Krankenhaus, angeschossen, wie Naser erfährt. Er besucht ihn in der Klinik. "Ständig wurden Tote und Verwundete reingetragen. Es war schrecklich", sagt er.

So wie er sonst zur FH geht, in Converse-Turnschuhen und mit einem braunen Sakko, macht er sich auf den Weg zur Basis der Aufständischen und meldet sich freiwillig zum Kampf. Männer mit Patronengurten und Kalaschnikows gehen an ihm vorbei. Ein Pick-Up fährt vor, die Fahrer holen Munition, Nachschub für die Front. Naser springt auf und fährt mit in die Frontstadt Adschdabija. In der Gegenrichtung fahren Familien, die nach Bengasi fliehen. Am Straßenrand brennen Panzer.

In der Stadt laufen Männer durcheinander, immer wieder fallen Schüsse. Nie zuvor hat Naser eine Waffe gehalten. Einer der Aufständischen zieht ihn zur Seite und erklärt ihm, wie eine Kalaschnikow funktioniert. Sicherung lösen und steuern. "Wenn du schießt, musst du den Mund dabei öffnen, wegen dem Druckausgleich", sagt Naser, das war seine Grundausbildung.

Wann er das erste Mal geschossen hat, will er nicht erzählen. Er blickt auf den Boden und redet schnell weiter. Er erzählt von den Scharfschützen im verlassenen Adschdabija, von schlaflosen Nächten in der Wüste, von vielen, vielen Toten. Vor ein paar Wochen erreichte ihn in Bielefeld die Nachricht, dass ein Freund, mit dem er gekämpft hat, erschossen wurde. Naser redet leiser und dreht sich die nächste Zigarette. Er erinnert sich noch gut daran, wie sie in einen Hinterhalt gerieten: Wenige Kilometer von Gaddafis Geburtsstadt Sirt entfernt, am Ende einer Kurve, winkt ein Mann mit einer weißen Fahne um Hilfe. Der will sich ergeben, denken Naser und sein Trupp. Doch dann kreisen Gaddafis Soldaten die Kämpfer ein und schießen. Drei Aufständische sterben.

Wenn er genug gespart hat, fährt er zurück

"Gaddafis Truppen zeigten keinerlei Moral", erinnert sich Naser. Sechs Wochen blieb Naser in Libyen. Er kehrte immer wieder für mehrere Tage zu seiner Familie zurück, um sich zu erholen. Als sich die Lage in Bengasi entspannte, die Nato im Land war und an der Front nur noch Aufständische mit militärischer Ausbildung kämpften, flog er zurück. "Ich konnte nicht länger bleiben, sonst hätte ich alles in Deutschland verloren. Mein Studium, meinen Job", sagt er, als wolle er sich entschuldigen.

Er kann nicht erklären, warum er in den Krieg gezogen ist. Er weiß, er hätte sterben können. "Die Entscheidung war für mich sehr emotional. Ich konnte nicht warten und aus Deutschland zusehen, wie meine Landsleute sterben" sagt er. Die Menschen in Libyen sollten sehen, dass der Westen sie nicht vergessen hat.

Nach seiner Rückkehr verkroch er sich in sein Zimmer. Er musste erst begreifen, dass er in Bielefeld nachts keine Angst vor Schüssen haben muss. Erst nach ein paar Wochen ging er wieder zur Hochschule, traf Freunde und schrieb weiter an seinen Semesterarbeiten. Geblieben sind ihm Alpträume, sagt er. Er könne einfach nicht über alles sprechen, was er in Libyen erlebt habe. Bereut er seine Reise in den Krieg? Nein, sagt Naser. Und über den Todestag des Diktators Gaddafi sagt er, das sei für ihn "ein Feiertag". Ob er wieder nach Libyen fahren wird? Schon, sagt Naser. Aber erst will er Geld sparen, um damit beim Aufbau des Landes zu helfen.

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