Student droht Abschiebung "Ich gehöre doch hierher"

Hassan Khateeb ist in Deutschland aufgewachsen und studiert Jura an der Uni Frankfurt. Jetzt soll er nach Jordanien abgeschoben werden. Seine kleine Schwester hat eine Notfalltasche gepackt - falls die Polizisten mal wieder überraschend vor der Tür stehen und Hassans Familie holen kommen.

Frankfurter Jurastudent Khateeb: Trotz Abschiebeangst glaubt er weiter an den Rechtsstaat
Karin Hieronymi

Frankfurter Jurastudent Khateeb: Trotz Abschiebeangst glaubt er weiter an den Rechtsstaat


Hassan Khateeb ist ein lausiger Schauspieler. Er hört nicht auf Regieanweisungen. Khateeb sitzt in der Cafeteria der Frankfurter Goethe-Universität, vor ihm steht ein Pappbecher mit Kaffee. Er soll sich selbst spielen. "Ich will dir ja nichts in den Mund legen", sagt der Reporter vom Fernsehen. "Aber sag doch mal etwas wie: 'Ich will verdammt noch mal mit meiner Familie hier bleiben und weiter studieren!' Sag es emotional, dann kommt das viel besser."

Khateeb antwortet: "Aber so rede ich gar nicht." Der Reporter: "Aber so klingt es besser." Der Fernsehmann startet noch mehrere Versuche - auch ein dreiminütiger Beitrag will ordentlich inszeniert sein. Khateeb lässt sich filmen, in der Bibliothek, in der Vorlesung, in der Cafeteria. Als ihn die Sache irgendwann nervt, reagiert der Reporter ungehalten: "Ich kann auch gehen, wenn du keinen Bock hast." Khateeb spielt also noch einmal mit.

Hassan Khateeb, Palästinenser, 22 Jahre alt, zweites Semester Jura, kann es sich im Moment nicht leisten, Fernsehleute abzuweisen, selbst penetrante nicht. Er und seine Familie sollen aus Deutschland abgeschoben werden. In ein Land, das er nur aus dem Fernsehen kennt: nach Jordanien.

Jeden Tag denkt Hassan daran, dass er bald aus seinem Leben gerissen werden könnte, dass es ihn in ein Flüchtlingslager verschlägt, dass er nie Anwalt werden wird.

"Es geht um meine Zukunft"

Im Vorlesungssaal wissen die meisten Kommilitonen Bescheid, viele unterstützen ihn. Heute wird Strafrecht gelehrt, Professor Cornelius Prittwitz steht am Pult. Er sieht ein bisschen aus wie Obi-Wan Kenobi aus "Star Wars", hager, weißbärtig. Mit einem Laserpointer fuchtelt er sich durch seine Power-Point-Präsentation. Es geht um Unterlassungsdelikte. Während andere tuscheln, Kurznachrichten verfassen, Papier mit Mustern verzieren, hört Khateeb aufmerksam zu. Wer weiß, dass sein Studium morgen schon vorbei sein könnte, lernt es als Privileg zu schätzen. "Es geht um meine Zukunft", sagt Khateeb nach der Vorlesung.

Prittwitz hat ihm zu einem Stipendium für Studenten aus bildungsfernen Schichten verholfen. "Es wäre doch töricht, einen jungen Mann abzuschieben, in dessen Ausbildung schon so viel investiert wurde", sagt er. Heißt das, einen mit geringerer Bildung darf man abschieben? Prittwitz stockt. "Nein, natürlich nicht." Das Thema ist heikel. Es gibt sie hier nicht, die einfachen Wahrheiten.

Seit bald 18 Jahren ist Familie Khateeb in Deutschland, sie wohnt in Dietzenbach, knapp zwanzig Kilometer von Frankfurt entfernt. Davor, sagen die Khateebs, hätten sie im palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin im Westjordanland gelebt, Hassan sei dort geboren. Als der Junge nach Deutschland kam, war er vier Jahre alt und sprach zwei deutsche Wörter: Apfel und Arschloch. Später auf dem Gymnasium, ein gutes Stück Integration war offenbar geglückt, wählte er Deutsch als Leistungskurs.

Das Drama der Khateebs beginnt im Juli 2006. Deutschland träumt gerade vom Weltmeistertitel. Hassan und seine sechs Geschwister sind mit Leidenschaft dabei, sie lieben Fußball. Drei Tage vor dem WM-Finale, morgens um fünf, klingelt es an der Tür. Ein Polizeitrupp, 15 Mann, stürmt die Wohnung. Sie durchsuchen alles, öffnen Schränke, schrauben den Fernseher auseinander, wühlen in den Kleidern und Schubladen, schauen in den Kühlschrank.

"Ein Polizist hat gesagt: 'In zwei Wochen seid ihr weg'"

Was die Ermittler suchen, sind jordanische Pässe oder andere Beweise, dass die Familie nicht aus Palästina stammt. Denn Palästina hieße: ein Recht auf Asyl. Jordanien dagegen: Abschiebung. Die Behörden glauben, dass sich die Khateebs das Bleiberecht erschwindelt haben. "Ein Polizist hat gesagt: 'In zwei Wochen seid ihr weg'", erzählt Hassan.

Doch erst am 25. November 2007 rückt die Polizei wieder an, drei Einsatzbusse, ein Kripo-Fahrzeug. Die Khateebs bekommen kaum Zeit, das Nötigste in Koffer und Taschen zu packen. Die Ausländerbehörde hat angeblich Beweise, Geburtsurkunden: Die Familie stamme doch aus Jordanien. "Sie haben uns allesamt zum Flughafen gekarrt, um uns abzuschieben."

Doch dann haben die Khateebs Glück. Sie sitzen schon in der Maschine, schildern dem Piloten ihre Situation, woraufhin der sich weigert, sie mitzunehmen. Vorerst bleibt die Familie in Deutschland. Aber bald darauf kommt Vater Majed Khateeb in Abschiebehaft und wird letztlich nach Jordanien abgeschoben. Dort lebt er in einem Flüchtlingslager für Palästinenser, bis heute, hat einen Bandscheibenvorfall erlitten und sei auch psychisch angeschlagen, sagt Hassan.

Ein Beamter von der Ausländerbehörde erklärt Hassan später die Maßnahme. "Er sagte, dass eine arabische Frau es doch kaum ein paar Tage ohne ihren Mann aushalte und dass wir bald freiwillig ausreisen würden." Das Diktum des Beamten trifft auf Hassans Mutter zwar nicht zu, aber die Botschaft war klar. Nun rechnen die Khateebs fest mit ihrer Abschiebung. Ihre Duldung wird immer nur um vier Wochen verlängert. Sie haben Anwälte eingeschaltet und eine Petition an den hessischen Landtag gerichtet. Bis über diese entschieden wird, kann man sie nicht abschieben. Der Petitionsausschuss hat die Entscheidung am Mittwoch dieser Woche vertagt und will sich am 17. Juni erneut mit dem Fall der Familie beschäftigen.

Deutsch sprechen die Geschwister perfekt, nur ihr Arabisch ist schlecht

Die Wohnung der Khateebs liegt in einem Industriegebiet von Dietzenbach. Alle Böden sind gefliest, keine Bilder an den Wänden. Die Klamotten in Hassans Zimmer, das er sich mit seinem Bruder Haitham teilt, hängen auf einem Kleiderständer vor dem Fenster. Im Wohnzimmer steht der Fernseher wie ein Thron im Raum, darauf liegt der Koran, gebundene Ausgabe, auf dem Bildschirm ist gerade "SpongeBob" zu sehen, wie er auf seiner Nase flötet. Die Kleineren schauen zu. "Meine Kinder sind gut in der Schule und nicht kriminell", sagt Mutter Najah Khateeb. "Andere Kinder schlagen sich ständig, aber meine will man abschieben."

Freunde von Hassan, die selbst einen Migrationshintergrund haben, sagen oft zu ihm, er sei zu deutsch. "Aber Deutschland ist meine Heimat, ich gehöre hierher", sagt er selbst. Er spielt Fußball im örtlichen Verein, arbeitet ehrenamtlich als Schiedsrichter. Es ist, wie seine Mutter sagt: Ihre Kinder erfreuen sich guter Schulnoten, sie sprechen perfekt Deutsch, ihr Arabisch ist schlecht. Haitham, der Zweitälteste, steht kurz vor dem Abitur.

Ihre palästinensische Identität wollen die Khateebs mit Dokumenten der Vereinten Nationen aus dem Lager Jenin belegen. "Aber selbst wenn man annimmt, meine Eltern hätten damals gelogen", sagt Hassan Khateeb, "kann man eine so gut integrierte Familie doch nicht einfach abschieben." Nach all der Zeit - für ihn sieht es so aus, als verjähre in Deutschland alles, nur nicht Mord und eine - aus seiner Sicht nicht nachgewiesene - Täuschung der Ausländerbehörde.

Hassan hat keine Notfalltasche, er glaubt an den deutschen Rechtsstaat

An der Uni kann er von Tag zu Tag auf mehr Unterstützer zählen. Es begann damit, dass eine Kommilitonin ihn fragte, ob er Hilfe brauche. Am Ende organisierte sie eine Kundgebung auf dem Campus, viele backten einen Kuchen, es gab 5000 Flyer und Musik, Professoren hielten Reden, es war eine große Party. Freunde aus Dietzenbach stellten sich, als regelmäßige Mahnwache, vor der Ausländerbehörde auf. Auf ihren Transparenten stand: "Lasst die Khateebs zu Hause".

Das Interesse der Fernsehsender war geweckt, so kam es zu dem Dreh an der Uni. Hassan macht alles mit, was helfen könnte. Auch wenn er sich wegen der Solidarität manchmal geniert. "Am liebsten hätte ich über all das gar nicht gesprochen. Es ist ja etwas sehr Persönliches."

Hassan weiß natürlich, dass am Ende Mahnwachen nicht helfen. Petitionen gegen Abschiebung werden meistens abgelehnt. Dann bliebe noch ein Ausweg: die Härtefall-Kommission. Der Anwalt der Familie kann sich vorstellen, bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.

Was passiert, wenn sie abgeschoben werden? Hassan zieht scharf die Luft ein und verzieht das Gesicht, als hätte ein Schmerz ihn überfallen. "Ich kann es nicht sagen. Es darf einfach nicht passieren. In Jordanien hätten wir doch null Chance."

Seine zwölfjährige Schwester Sara hat einen Notfallbeutel gepackt, in dem sie das Wichtigste aus ihrem Leben verstaut hat, darunter Fotos von ihrer Schulklasse und alle Zeugnisse. Falls die Polizisten wiederkommen. Ein Stück Heimat in einer Tasche. Hassan hat keine Notfalltasche. Er glaubt an den deutschen Rechtsstaat, hofft sogar, dass sein Vater nach Deutschland zurückkehren darf. Dann wären sie wieder eine ganz normale Familie.

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