Student entdeckt Kriegsverbrecher "Ich bin kein Nazi-Jäger"

Im Burgenland erschossen SS-Männer kurz vor Kriegsende über 60 jüdische Zwangsarbeiter. Andreas Forster, 28, spürte einen der mutmaßlichen Haupttäter jetzt auf: Jahrzehntelang lebte der alte Mann unbehelligt im Ruhrgebiet - bis zu einer simplen Recherche des Wiener Studenten.

Von Benedikt Mandl, Wien


Andreas Forster wehrt sich. "Nazi-Jäger bin ich mit Sicherheit keiner", sagt der 28-jährige Österreicher. Dass gleich mehrere Medien ihn genau so bezeichnen, passt ihm gar nicht in den Kram.

Wien, 1938: SS-Chef Heinrich Himmler (links) kurz vor dem "Anschluss" Österreichs an das "Dritte Reich"
AP

Wien, 1938: SS-Chef Heinrich Himmler (links) kurz vor dem "Anschluss" Österreichs an das "Dritte Reich"

Dass es dazu kam, liegt an einer überraschenden Entdeckung: Der Student der Politikwissenschaft enttarnte im Rahmen eines Forschungspraktikums einen mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher, der 1945 an der Ermordung von 60 bis 80 ungarischen Juden beteiligt gewesen sein soll. Seit Jahrzehnten lebt der inzwischen 89-Jährige unbehelligt und kleinbürgerlich im Ruhrgebiet - bis Andreas Forster im letzten Herbst daran ging, an der Universität Wien in alten Gerichtsakten zu stöbern.

Der Student ist Mitglied einer Arbeitsgruppe, die sich mit NS-Verbrechen im österreichischen Burgenland befasst. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs versuchten die Nazis, unter Einsatz von Zwangsarbeitern den Osten des "Dritten Reichs" gegen die vorrückende Sowjetarmee zu befestigen. Dabei kam es zu zahlreichen Verbrechen an den Arbeitern, vor allem rund um die Ortschaft Rechnitz in Österreichs östlichstem Bundesland.

Das Massaker von Deutsch-Schützen

Forster konzentrierte sich auf einen anderen Fall: ein Massaker im Dorf Deutsch-Schützen. "Eigentlich reiner Zufall", sagt der Student, der betont, dass er keinen persönlichen Bezug zu dem Thema hat. Es sollte ein außergewöhnlicher Zufall werden: Aus Prozessakten, Fachliteratur und Zeitzeugeninterviews ergab sich ein recht detailliertes Bild des Massakers gut einen Monat vor Kriegsende.

Deutsch-Schützen, 29. März 1945, Gründonnerstag: Eine Handvoll Hitlerjungen bewacht 60 bis 80 ungarische Zwangsarbeiter, allesamt Männer. Auf einer Waldlichtung nahe einer kleinen Kirche übergeben sie die Männer an drei Mitglieder der Waffen-SS. Die erschießen die Zwangsarbeiter. Danach verscharren die Hitlerjungen die Leichen in einem Massengrab.

Das Grab wurde 1995 geöffnet und nach jüdischen Riten vom Wiener Oberrabbiner in eine reguläre Grabstätte umgewandelt. "Nach Kriegsende kam es 1946 zu einem Prozess vor dem Volksgerichtshof", sagt Student Andreas Forster. "Dabei wurden einige der Hitlerjungen verurteilt" - aber nicht die drei Haupttäter der SS.

Ein Name, viele Hinweise - und Hilfe aus Berlin

Erst 1956 wurde Anklage gegen einen NS- und HJ-Funktionär erhoben, unter dessen Aufsicht die später ermordeten ungarischen Juden arbeiten mussten. Ein Geschworenengericht sprach ihn aus Mangel an Beweisen frei; der Bauleiter wies die Schuld an der Erschießung den drei Männern der Waffen-SS zu. "In den Gerichtsakten fand ich neben Personenbeschreibungen von zweien dieser Männer auch den Namen des dritten - allerdings in zwei verschiedenen Schreibweisen", erzählt Andreas Forster.

Mit Hilfe von Zeitzeugen aus der Region konnte er aber auch einen möglichen Herkunftsort dieses Verdächtigen in Erfahrung bringen. "Mit diesen Informationen stellte ich dann eine Anfrage an das deutsche Bundesarchiv in Berlin, wo sämtliche Akten der Heeresarchive zusammengeführt werden."

Binnen kurzer Zeit lieferte ihm das Bundesarchiv eine detaillierte Zusammenstellung mit personenbezogenen Daten des Verdächtigen. "Eine super Institution", freut sich Forster. "Beim Schreiben meiner Seminararbeit las ich dann das Geburtsdatum und dachte mir, dass der eigentlich noch leben könnte." Forster informierte seinen Professor Walter Manoschek. Der Wiener Wissenschaftler forscht seit Jahren mit dem Schwerpunkt NS-Militärjustiz und Judenverfolgung in der Nazi-Zeit.

Blick ins Telefonbuch: Es kann so einfach sein

Es folgte ein simpler Blick ins Telefonbuch - mit Konsequenzen: Forster und sein Professor fanden den Mann im Ruhrgebiet. Professor Manoschek reiste kurz entschlossen nach Deutschland und sprach mit dem Verdächtigen, an mehreren Tagen zeichnete er mehrstündige Interviews mit der Kamera auf. "Der Mann ist noch sehr rüstig, erinnert sich an viele Details auch aus der Zeit vor 1945", sagt Forster, der das Material zusammen mit Manoschek sichtete.

Allerdings: Ausgerechnet den Tag der Erschießungen könne der Mann sich partout nicht mehr ins Gedächtnis rufen. "Im Juli haben wir dann die Staatsanwaltschaft informiert", sagt Forster. Seit einigen Wochen sei der Verdächtige nicht mehr bereit, mit den Wiener Wissenschaftlern zu sprechen. Seine Familie schotte den alten Mann ab.

Andreas Forster schließt derzeit die Zeitzeugeninterviews in Österreich ab. In den nächsten Monaten will Walter Manoschek eine Arbeitsgruppe aufbauen, in der vier Mitarbeiter noch mehr Hintergründe des Massakers aufklären sollen. Dort will sich Forster weiter engagieren: "Wir wollen Angehörige der Opfer finden und aus den Videos der Interviews mit dem Tatverdächtigen soll ein Dokumentarfilm entstehen."

Student Forster hofft auf eine Anklage

Seine Zukunft sieht Andreas Forster trotzdem nicht in den Fußstapfen des berühmten Nazi-Jägers und Holocaustüberlebenden Simon Wiesenthal. "Meine Diplomarbeit widmet sich einem ganz anderen Gebiet", unterstreicht er.

Negative Reaktionen fürchtet der Student Forster zwar nicht - die erste Nachricht über seinen Fund auf der Webseite des ORF sorgte aber für ein gemischtes Echo. Viele Forenbeiträge lobten Forsters Engagement, einige jedoch kritisierten ihn und forderten, der Student solle sich um Dinge kümmern, "die ihn etwas angehen". Ein User schrieb, als "Sohn eines Ritterkreuzträgers" könne er das "alles nicht mehr hören". Dass Forster sich nicht auf einem Foto zeigen will, hängt auch mit der weiteren Forschung zusammen, sagt der Student. Er wolle die Zeitzeugen, mit denen er noch Interviews vereinbart hat, nicht verschrecken.

Die meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher
Alois Brunner
Die Nazi-Karriere von Alois Brunner (Jahrgang 1912) beginnt 1931: Wenig später lernt er Adolf Eichmann kennen, der ihn bald darauf zu sich in die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" nach Wien holt. Ab 1939 ist es seine Aufgabe, die Stadt "judenfrei" zu machen. Innerhalb von drei Jahren lässt er 180.000 Menschen deportieren und ins Gas schicken. Vom Wiesenthal-Zentrum wird er als schlimmster der Nazi-Verbrecher geführt. Ob Brunner, der lange in Damaskus untergetaucht war, heute noch lebt, ist unklar. Immer wieder melden sich Touristen, die ihn gesehen haben wollen. "Solange wir nicht den gegenteiligen Beweis haben, gehen wir davon aus, dass er noch lebt", sagt Efraim Zuroff, der Direktor des Wiesenthal-Zentrums.
Aribert Heim
DPA
Aribert Heim , 1914 in Bad Radkershof in Österreich geboren (undatierte Aufnahme), wird vorgeworfen, als Arzt im KZ Mauthausen Tausende Häftlinge ermordet zu haben. Aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichts Baden-Baden wird der als "Dr. Tod" berüchtigte Mediziner seit 45 Jahren international gesucht. Einer Recherche von "New York Times" und ZDF zufolge soll Heim jedoch schon lange tot sein: Der frühere KZ-Arzt sei bereits am 10. August 1992 in Kairo an Krebs gestorben. Die Zielfahnder des baden-württembergischen Landeskriminalamts haben dafür aber keine Belege und suchen weiter.
Sandor Kepiro
Sandor Kepiro war Gendarmerist der ungarischen Gendarmerie und laut Wiesenthal-Zentrum aktiv am Massenmord an Zivilisten vom 23. Januar 1942 in Novi Sad beteiligt. Mindestens 1300 Menschen starben an diesem Tag. Kepiro wurde noch während des Krieges in Ungarn für dieses Verbrechen verurteilt, aber kurz nach dem Prozess besetzten die Nazis Ungarn und ließen ihn wieder frei.
Søren Kam
DPA
Der Däne Søren Kam , 1921 in Kopenhagen geboren (Bild von 1945), gehörte dänischen SS-Einheiten an. Gemeinsam mit Helfern soll er 1943 einen dänischen Journalisten ermordet haben und die Deportation der jüdischen Gemeinde in Dänemark in deutsche Konzentrationslager ermöglicht haben. Kam lebt heute in Bayern. Deutschland lehnte die Auslieferung an Dänemark in der Vergangenheit mehrfach ab.
Károly (Charles) Zentai
Der Ungar Károly Zentai floh nach dem Krieg nach Australien. Er soll im November 1944 als Soldat den 18-jährigen ungarischen Juden Péter Balázs gequält, ermordet und seine Leiche in der Donau versenkt haben. Ungarn hat 2005 von Australien die Auslieferung Zentais verlangt, gegen die Zentai jedoch Widerspruch eingelegt hat.
Michail Gorschkow
Der aus Estland stammende Michail Gorschkow soll an der Ermordung von Juden in Weißrussland beteiligt gewesen sein. Die USA haben ihm die Staatsbürgerschaft entzogen, in Estland wird gegen ihn ermittelt.
Algimantas Dailide
Algimantas Dailide soll Juden festgenommen haben, die anschließend von Nazis und litauischen Kollaborateuren ermordet wurden. Er wurde von den USA ausgeliefert und in Litauen verurteilt, musste die Haft aber wegen seines Gesundheitszustands nicht antreten. Er lebt in Deutschland.
Klaas Carl Faber
Klaas Carl Faber In den Niederlanden wurde er für den Tod von Gefangenen 1944 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde 1948 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. 1952 flüchtete er aus dem Gefängnis. und lebt seit Jahrzehnten in Ingolstadt.
Milivoj Asner
Der ehemalige Polizeichef in Kroatien, Milivoj Asner , soll aktiv an der Verfolgung und Deportation von Serben, Juden sowie Sinti und Roma beteiligt gewesen sein.

Forster hofft darauf, dass gegen den mutmaßlichen Mörder von Deutsch-Schützen Anklage erhoben wird. Die Chancen dafür stünden in Deutschland gar nicht so schlecht, sagt er. Österreich sei da leider ein anderes Pflaster. Mit einer Haftstrafe sei bei dem hohen Alter wohl auch in Deutschland nicht mehr zu rechnen, aber schon eine Anklage wäre ein wichtiges Zeichen für die Angehörigen der Opfer.

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