Student unter Hochspannung "Sie haben der Deutschen Bahn Strom entwendet"

Ein Trierer Student zog am Kasseler Bahnhof Saft für seinen Laptop aus der Steckdose - und den Ärger des Bundesgrenzschutzes auf sich. Die Polizei ermittelte wegen "verbotener Stromentnahme". Der Schaden: weniger als ein Cent.


Studenten mit Klapprechnern: Ohne Strom nix los
AP

Studenten mit Klapprechnern: Ohne Strom nix los

Jan Michael Ihl hatte am 20. November letzten Jahres ein denkwürdiges Erlebnis, und das dicke Ende kam nach. Als der 23-jährige Student aus Trier am Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe ankam, war es schon spät: Um halb zwölf entstieg er mit seinem orange-blauen Trekkingrucksack dem ICE aus Frankfurt. Ihl war zu einer Tagung angemeldet und sehnte sich nach seinem Bett im Tagungshaus in Kassel-Niederkaufungen.

Auf dem Weg zur Straßenbahn fiel ihm ein, dass er die Zieladresse in seinem Laptop gespeichert hatte - nur war der Akku dummerweise leer. Die Rettung war in der Nähe des verwaisten Informationsschalters um eine Säule gewickelt: ein Verlängerungskabel samt frei zugänglicher Steckdose. Ihl stöpselte sein Gerät ein, fand flugs die ersehnte Adresse und machte sich auf den Weg zur Straßenbahn.

Bahnsinns-Einsatz in der Straßenbahn

Die erreichte er auch, sah sich aber kurz vor Abfahrt von drei uniformierten Beamten des Bundesgrenzschutzes umringt. Die Grenzschützer befahlen ihm, die Straßenbahn wieder zu verlassen: Er sei vorläufig festgenommen, weil er einen Rucksack gestohlen habe. Ihl wies das Gepäckstück als sein Eigentum aus, ebenso wie - inzwischen auf der BGS-Wache - sein Apple-Notebook und das passende Netzteil.

Bhf, ICE, MfG vom BGS: "Verbotene Stromentnahme"
DPA

Bhf, ICE, MfG vom BGS: "Verbotene Stromentnahme"

Die Beamten erklärten, sie hätten beobachtet, wie Ihl mit dem Rucksack an der Steckdose stand, sich immer wieder umdrehte und schließlich weglief. Seine Erklärung: Er musste die Straßenbahn erwischen. "Sie haben der Deutschen Bahn Strom entwendet. Wir müssen ihre Personalien aufnehmen", konterten die Grenzschützer laut Ihl.

Nach einer halben Stunde konnte der Student die Wache verlassen, die letzte Straßenbahn war inzwischen abgefahren. Ihl bezahlte 19 Euro für ein Taxi zum Tagungshaus, verfasste verärgert noch in der Nacht ein Gedächtnisprotokoll und hielt die ganze Sache damit für abgeschlossen.

Mitte Januar flatterte dem Selbstversorger jedoch ein Schreiben der Bundesgrenzschutzinspektion Kassel auf den Küchentisch: Es laufe ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, nach § 242 und § 248c StGB wegen Diebstahl und "Entziehung elektrischer Energie (verbotene Stromentnahme)".

"Zwingend gebotenes Ermittlungsverfahren"?

"Der Polizist ist angehalten, Straftaten aufzuklären", erklärt der Pressesprecher des Bundesgrenzamtes in Frankfurt auf Nachfrage. "Vielleicht hat ein Mitarbeiter da wirklich etwas ganz Gravierendes dahinter vermutet." Bei der Bundesgrenzschutzinspektion in Kassel heißt es, der Kollege habe nur seine Pflicht getan und nach der Feststellung der Straftat das "zwingend gebotene Ermittlungsverfahren" eingeleitet.

Unterdessen betont die Deutsche Bahn, dass es auf Bahnhöfen normalerweise keine öffentlich zugänglichen Steckdosen gebe, sondern nur im Erste-Klasse-Bereich der DB-Lounges und in modernen Zügen. Ihl sagt aber, sein Zug, ein ICE der ersten Generation, sei nicht mit solchen Tankstellen für Klapprechner ausgestattet gewesen.

Inzwischen ist die Ermittlung abgeschlossen, der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft. Sie muss entscheiden, ob das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt werden soll oder nicht.

Ihl, zufälligerweise auch Energie-Spezialist bei der Umweltorganisation Greenpeace, rechnete derweil schon einmal den von ihm verursachten Schaden aus. Das Netzteil seines iBooks nimmt 100 Watt Leistung auf, die Deutsche Bahn bezahlt für den Saft höchstens 15 Cent - "dafür kriegt man 1-A-Ökostrom" - pro Kilowattstunde. Ergebnis unter dem Strich: "Ich habe Strom im Wert von weniger als einem Cent gestohlen."

Von Jan Friedmann



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