Studenten am Tropf Neue Armut auf dem Campus

Von wegen feistes Studentenleben - das Einkommen vieler Studenten liegt weit unter der Armutsgrenze. Selbst wenn sie Bafög bekommen, reicht das kaum für den Lebensunterhalt. Die Siegener Studentin Inga S. zum Beispiel ernährt sich hauptsächlich von Nudeln.


Studentenprotest (in Halle): Weit unter der Armutsgrenze
DDP

Studentenprotest (in Halle): Weit unter der Armutsgrenze

"Entschuldigung! Haben sie noch die Milch aus dem Sonderangebot da?" - "Nein! Leider nicht." Inga S. bei ihrem Wochenendeinkauf. Die Studentin besucht in Siegen immer denselben Billig-Supermarkt. Gleich am Eingang steht ihr Hauptnahrungsmittel - Nudeln. "Also ich leb eigentlich fast nur von Nudeln. Denn Nudeln schmecken gut und sind billig. Und die kann man gut variieren."Außer den Nudeln legt die Studentin zwei Tüten Milch in ihren Warenkorb. Dazu kommen eine Packung Toastbrot, zwei Flaschen Saft und ein paar Fertiggerichte. Der Speiseplan ist fast immer gleich. Für Fleisch oder frisches Gemüse fehlt einfach das Geld. "Ich bin halt Studentin und bekomme Bafög und dann noch ein bisschen Unterstützung von meinen Eltern", sagte S. Auch ihre Oma steckt ihr was zu, und Inga S. jobbt nebenbei. Viel bleibt wegen der Miete und laufenden Kosten davon jedoch nicht übrig.Inga S. lebt im Monat von 650 Euro. Sie bekommt 250 Euro Bafög. Der Rest ist Kindergeld und ein kleiner Zuschuss der Eltern und Großeltern. Fast die Hälfte davon zahlt sie für Miete und Nebenkosten. Wenn sie ihre Fahrkarten und die Semestergebühr bezahlt hat, bleiben der jungen Frau noch 250 Euro zum Leben. Das sind rund acht Euro pro Tag, um genau zu sein.Statistisch gesehen lebt die Studentin weit unter der Armutsgrenze. "Mein Vater ist arbeitslos seit anderthalb Jahren. Mit den Hartz-Reformen greift dann das Arbeitslosengeld II. Meine Mutter ist Rechtsanwaltssekretärin. Und als Rechtsanwaltssekretärin verdient man ja auch nicht so viel, dass man noch jemanden mit unterhalten könnte", erzählt S.Zerplatzter Traum vom heilen StudentenlebenInga S. ist kein Einzelfall. Bundesweit bekommen immer mehr Studierende Bafög, weil ihre Eltern nicht genügend Geld haben. In Nordrhein-Westfalen ist in den vergangenen beiden Jahren die Zahl der Bafög-Empfänger um 4,5 Prozent auf über 100.000 gestiegen.An der Universität Siegen ist die Situation besonders prekär. Studentenwerksleiter Detlef Rujanski berichtet, der Trend sei eindeutig: In Siegen habe das Studentenwerk in den letzen fünf Jahren einen Anstieg der Zahl der Bafög-Empfänger von zehn Prozent verzeichnet. "Die andere Seite der Medaille ist, dass die Elternhäuser auch nicht mehr finanziell in der Lage sind, die Leistung, die sie vielleicht noch vor 15 Jahren erbringen konnten, heute noch zu erbringen", erklärt Rujanski. Der Grund für die steigende Gefördertenzahl liegt in der Bafög-Reform 2001. Seit vier Jahren ist es einfacher, die staatliche Finanzhilfe zu bekommen. Das Deutsche Studentenwerk in Berlin beobachtet, dass jetzt immer mehr finanzschwächere Studenten in die Hochschulen drängen. Den Studien-Zuschuss erhalten mittlerweile eine halbe Millionen Studenten bundesweit. Trotzdem muss fast jeder Dritte neben dem Studium arbeiten, um über die Runden zu kommen.Der Traum vom heilen Studentenleben sei deshalb schon lange zerplatzt, meint Achim Meier auf der Heide vom Deutschen Studentenwerk. "Ich denke, dass dieses Klischee bei weitem nicht mehr greift. Und es ist zu erwarten, dass durch die Einführung der neuen Studiengänge, also Bachelor und Master, die Studien noch viel straffer werden. Und dadurch das Studieren nicht einfacher wird."Trotz allem ist die Siegener Studentin Inga S. zufrieden. Sie meint, dass ihre Situation sicherlich nicht einfach sei. Aber immerhin bekomme sie wenigstens Bafög. Wäre das nicht der Fall, könnte sie überhaupt nicht studieren.Eines macht der 21-Jährigen allerdings großen Sorgen - nämlich das Vorhaben der nordrhein-westfälischen Landesregierung, bald allgemeine Studiengebühren einzuführen. Für Bafög-Empfänger wie Inga S. bedeutet das: Ohne weitere Hilfsprogramme sind sie wahrscheinlich aufgeschmissen. "Wenn es keine Programme geben würde, müsste ich aufhören. Dann wüsste ich nicht, was ich machen würde."Von Mike Roth,



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