Studenten benoten Dozenten Prüf den Prof!

Die Notengebung an deutschen Hochschulen war lange Zeit den Lehrenden vorbehalten. Doch das Monopol bröckelt. Auf einer neuen Webseite dürfen nun die Studenten ran – sie bewerten dort ihre Professoren.

Von Florian Steglich


"Not only is the book a better teacher, it also has a better personality" - Das Buch ist nicht nur ein besserer Lehrer, es hat auch eine bessere Persönlichkeit. Dieser kratzige Kommentar über einen Dozenten stammt von der amerikanischen Webseite "Ratemyprofessor.com". Seit 1999 benoten dort Studenten ihre Profs. Über fünf Millionen Bewertungen haben sie bislang abgegeben.

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Die Umkehrung der Verhältnisse findet Anklang - seit kurzem auch in Deutschland. Inspiriert vom amerikanischen Original machten sich drei Studenten der TU Berlin im vergangenen Herbst daran, eine deutsche Version aufzubauen. An gerade einmal sieben Abenden entstand so die Webseite "MeinProf.de".

"Die Seite soll Studenten bei der Entscheidung helfen, welchen Kurs bei welchem Dozenten sie belegen sollen", erklärt Jonathan Weiss, einer der drei Entwickler. Der 24-jährige angehende Wirtschaftsingenieur hatte die Idee und übernahm die Programmierung. Neben dem Nutzen für die Kommilitonen an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien ist das Ganze auch als Werbung für "Juniter" gedacht, eine studentische IT-Beratung, bei der alle drei Studenten mitarbeiten.

25.000 Bewertungen in den ersten drei Monaten

Für ihr Projekt orientierten sich die Studenten an offiziellen Evaluationsbögen, die an Hochschulen zunehmend verwendet werden. Im Unterschied zum amerikanischen Vorbild werden bei MeinProf nicht unmittelbar die Professoren, sondern einzelne Lehrveranstaltungen bewertet. Erst aus dem Durchschnitt der Bewertungen aller Kurse ergibt sich die Gesamtnote des Dozenten.

Es fließt auch ein, ob ein Professor gute Materialien bereit stellt und ob das Interesse am Stoff durch die Veranstaltung gestiegen oder doch eher gesunken ist.

Diese Art der Dozentenbenotung scheint Anklang zu finden: Obwohl die Website bislang vor allem durch Mundpropaganda beworben wird, wurden in den ersten drei Monaten über 25.000 Bewertungen abgegeben.

Witzigste Juravorlesung in Bochum

Eine Top-/Flop-Auswertung sorgt für den Spaßfaktor. Damit lässt sich beispielsweise herausfinden, dass die witzigste Juravorlesung des Landes an der Ruhr-Uni Bochum gehalten wird und das beste Begleitmaterial zu einer Mathematikübung in Karlsruhe zu haben ist.

Dass die Aussagekraft solcher Rankings von der Anzahl der abgegebenen Bewertungen abhängt, wissen auch die Betreiber. Oft helfe jedoch die Kommentarfunktion. "Ein guter Kommentar ist eigentlich am nützlichsten", findet Weiss.

Und was halten die Dozenten selbst von ihrer neuen Rolle? "Arge Bedenken" habe er, sagt Rainer G. Spallek von der TU Dresden. Der Professor für technische Informatik kritisiert, dass aus den Bewertungen der Charakter der Lehrveranstaltungen nicht hervorgehe. Eine Pflichtveranstaltung im Grundstudium mit vielen Teilnehmern erhalte leicht schlechtere Beurteilungen als ein kleines Seminar im Hauptstudium, das nur interessierte Studenten besuchen.

Mehr Zuspruch gibt es von Uwe Keim. Der Softwareentwickler mit Lehrauftrag an der FH Esslingen ist zufällig auf die Website gestoßen und hat sie sogleich im eigenen Weblog seinen Studenten empfohlen.

Stimmen von registrierten Benutzern wiegen schwerer

Die Gefahr eines Missbrauchs - sei es durch rachedurstige Studenten oder eitle Professoren - sehen beide Dozenten eher gelassen. "Der Durchschnitt wird solche Schnitzer schon rauswaschen im Laufe der Zeit", sagt Keim. Ein offenes System ohne umständliche Anmeldungen sei ihm lieber als ein reglementiertes.

Auf ein möglichst einfaches System legen auch die Betreiber Wert. Um mögliche Falschbewertungen etwas abzufedern, haben sie aber mittlerweile eine optionale Registrierung eingeführt. Die Stimmen registrierter Benutzer sollen künftig stärker berücksichtigt werden als anonym abgegebene.

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