"Unis in Not" Tausende Studenten protestieren bundesweit

Sie wollen mehr Luft zum Atmen in überfüllten Seminaren und faire Verträge für Hiwis und Uni-Personal: Tausende Studenten haben an ihren Hochschulen demonstriert, die meisten im Südwesten.

DPA

Überfüllte Seminare, marode Uni-Gebäude, miese Arbeitsverträge: In mehreren Bundesländern haben am Mittwoch Tausende Studenten gegen die schlechte Finanzsituation ihrer Hochschulen demonstriert.

In Baden-Württemberg protestierten Studenten und Mitarbeiter an allen neun Universitäten. In Stuttgart-Hohenheim beteiligten sich rund 3000 Demonstranten, in Konstanz nahmen rund 1300 Mitarbeiter und Studenten an dem Aktionstag "Unis in Not" teil.

"Es werden viele Stellen einfach nicht mehr besetzt, das merkt man, das Angebot an Vorlesungen und Seminare wird immer geringer. Ich habe montags ein Seminar mit 45 Leuten, die Leute können nicht mehr, die Luft kann nicht mehr, aber es ist eben interessant", sagte eine Studentin dem "Deutschlandfunk".

In Saarbrücken protestierten rund 2000 Studenten und Uni-Beschäftigte gegen die Sparpläne der Landesregierung. Das Land hatte seine Sparvorgaben Anfang des Jahres vom Wissenschaftsrat durchrechnen lassen. Demnach sollen mehrere Studiengänge geschlossen oder zusammengelegt werden, was bereits im Januar die Gemüter erregte. Mit dabei war bei den Protesten am Mittwoch daher auch die Hochschulleitung, vertreten durch Uni-Präsident Volker Linneweber, sowie Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD).

Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es Proteste, in Greifswald beteiligten sich etwa 600 Studenten, laut den Studentenvertretern des fzs kamen sogar tausend Demonstranten. Die Universität Greifswald hatte in einem Schreiben an den Ministerpräsidenten für 2014 und 2015 einen finanziellen Mehrbedarf von 13 Millionen Euro angekündigt, davon sollen 77 Mitarbeiterstellen abhängen. Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) hatte die Forderung der Uni mit Verweis auf Rücklagen eine Absage erteilt und auf zusätzliche Mittel aus dem Hochschulpakt verwiesen.

Die Studenten nutzten die Eröffnung eines neuen Fusionsreaktors durch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) zu Protesten gegen die schlechte finanzielle Ausstattung ihrer Universität. Darauf angesprochen sagte Wanka dem Studentenmagazin "Webmoritz": "Dass die Uni Greifswald bedroht ist, ist mir neu." Sie wolle sich außerdem nicht in landespolitische Entscheidungen einmischen.

In Magdeburg, der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, demonstrierten 1500 Studenten gegen die zwischen Landesregierung und Hochschulchefs vereinbarte jährliche Budgetkürzung von fünf Millionen Euro. In Berlin fielen die Bildungsproteste dagegen klein aus: Nur rund 150 Protestler gingen auf die Straße, um auf die schlechten Lern- und Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen.

Weitere Demos geplant

Weitere Aktionen gab es laut fzs in Karlsruhe, Frankfurt am Main, Jena, Halle, Leipzig und Bremen. Der Aktionstag sei "ein voller Erfolg" gewesen, teilten die Studentenvertreter mit. Weitere überregionale Demonstrationen seien für Ende Juni geplant.

Das Bildungsstreik-Bündnis fordert unter anderem das Ende des Kooperationsverbots und die Abschaffung der Schuldenbremse zur Ausfinanzierung der Bildung. Ein ähnlicher Appell kam von dem Präsidenten der deutschen Hochschulkonferenz, Horst Hippler. Er forderte in Freiburg, der Bund müsse in die finanzielle Grundfinanzierung der Hochschulen endlich einsteigen, dürfe diese nicht länger den Bundesländern allein überlassen.

Union und SPD hätten die Abschaffung des Kooperationsverbots im Koalitionsvertrag zwar vereinbart, doch getan habe sich nichts. "Das einzige, was aus Berlin kommt, ist langes Hinhalten", kritisierte Hippler.

Im Koalitionsvertrag hatten sich Union und SPD darauf geeinigt, einen Schwerpunkt auf Bildung und Forschung zu legen. Neun Milliarden Euro sollte es dafür zusätzlich geben: "eine Milliarde für Kitas, fünf Milliarden für die allgemeine Bildung und die Hochschulen und drei Milliarden für die Forschung", so hatte es Bildungsministerin Johanna Wanka versprochen. Inzwischen droht der Streit zwischen SPD und Union darüber zu eskalieren, wo das Geld ankommen soll.


 

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lgr/dpa

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Jakobskaffee 22.05.2014
1. Es wurde auch mal wieder Zeit...
Wenn man sich ansieht, wie die Landesregierungen und die Hochschulleitungen mit den Studierenden und ihrem Bildungsanspruch umspringen, wurde es auch mal wieder höchste Zeit für einen Protest. Hoffentlich weitet sich das Ganze noch etwas aus.
biogeo 22.05.2014
2. bundesweite Lösung
Die einzige Lösung ist das Ende des Föderalismus auf diesem Gebiet. Also eine bundesweit einheitlich gute und gesicherte Finanzierung. Mehr Studenten bei weniger Angebot ... die Rechnung kann jeder Grundschüler lösen. Auch Bayern und BW sind auf dem Gebiet der Uni Finanzierung keine Vorreiter!!!
kanadasirup 22.05.2014
3. Auf und nieder immer wieder
Alle 5 bis 10 Jahre gibt es einen solchen Studentenprotest. Und jedesmal zeigt sich: es bringt überhaupt nichts. Die Studienbedingungen bzw. Lehrbedingungen sind seit Jahrzehnten eher nur schlechter geworden. Es gibt in den Bundesländern einfach kein Interesse etwas an der Bildung zu ändern. Viel wichtiger sind Bankenrettung und Frau Wurst aus Österreich. Liebe Studenten, in Anlehnung an ein anderes Sprichwort dieser Satz von mir: "Wenn Protestieren etwas verändern könnte, wäre es verboten." Werdet lieber Politiker und setzt euch selbst an die Hebel der Macht.
rxzlmn 22.05.2014
4.
es ist doch ganz einfach. es gibt immer mehr Studenten, und immer weniger Personal. man könnte an beidem ansetzen: a) zumindest grundlegende Anforderungstests für alle Studiengänge einführen, die niemanden überfordern aber zumindest abfragen ob sich jemand überhaupt ernsthaft mit dem Thema des Studiengangs auseinander gesetzt hat. b) Mehr Leute einstellen, und stellen schaffen die primär der Lehre dienen und (hier kommt der revolutionäre Ansatz) nach sowas wie 5 Jahre Evaluation UNBEFRISTET sind. es gäbe genügend Leute mit Doktor und Forschungserfahrung die Talent fürs lehren haben und für eine vernünftige Bezahlung und Perspektive hauptberuflich Vorlesungen geben und Praktika halten würde. Wer macht has heute? Professoren die - auch zwangsläufig - auf Forschung fokussiert sind, TAs die oft zu wenig wissen um exzellent auszubilden, Studenten und Doktoranden die ausgebeutet werden. Was spricht gegen eine hauptsächliche Lehr-Professur? Durch weniger Forschungsbudget waeren diese Stellen theoretisch günstig. Nachteil: Kein Uni ranking zieht ernsthaft die Lehre in Betracht. damit kann sich kein Direktor profilieren, kein Minister schmücken, niemand tolle Nobelpreisträger präsentieren.
christiewarwel 22.05.2014
5. Forschung in D
"Nachteil: Kein Uni ranking zieht ernsthaft die Lehre in Betracht. damit kann sich kein Direktor profilieren, kein Minister schmücken, niemand tolle Nobelpreisträger präsentieren." Von den Geldern, die (normale) Professoren in D für die Forschung bekommen, auch nicht. Wo in den USA 1 (Assistant)Professor, 5 Postdocs, 2 TAs und 1 PhD-Student dran arbeiten, stehen in D bestenfalls 1 Prof, 2 Doktoranden und eine Halbtags-TA zur Verfügung. Und was machen die, um nicht unterzugehen? Überstunden, Überstunden, Überstunden. Was erwarten Sie, das dabei heraus kommt?
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