Hausarbeiten als Literatur Banal, genial, egal

Sie entstehen in wochenlanger Arbeit oder einer einzigen Nacht: Hausarbeiten für die Uni, doch nach der Abgabe vegetieren sie auf Festplatten dahin. Hamburger Studenten wollten das ändern - und ließen Poetry Slammer auf ihre akademischen Schätze los.

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SPIEGEL ONLINE

Es beginnt harmlos, doch das tun Horrorfilme auch: "Konkret beschäftigt sich diese Hausarbeit mit der Aufarbeitung von einem Jahr Bastel-AG an der Friedrich-Ebert-Grundschule", säuselt Mona Harry unter dem Gelächter des Publikums. Doch rasch senkt sich die Stimme der 22-jährigen Slam-Poetin, es dräut Unheil im Bastelbericht:

"Wieso mich die gemachten Erfahrungen so bewegen, als dass ich nun darüber schreiben möchte, darum soll es hier gehen."

Die anonyme Nachwuchspädagogin, deren Text Mona Harry vorträgt, stößt schon bald an die Grenzen ihrer Kunst. Der Versuch, sich mit den Kindern durch "Kommunikation auf Augenhöhe" beim "Arbeiten mit Tonkarton, Draht, Perlen, Papier usw." gegenseitig zu "inspirieren", endet im Desaster. "Es traten Disziplinprobleme auf - auch das Nachdenken war ihnen zu anstrengend."

Der Bericht der gescheiterten Grundschullehrerin ist eine von 90 Hausarbeiten, die 20 Hamburger Studenten zu einer lyrischen Collage verdichtet haben. Sie engagierten Mona Harry und ihren Poeten-Kollegen Fabian Navarro, den Dialog im Hamburger Literaturhaus vorzutragen.

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Absolventen über ihre Abschlussarbeit: "Goethe mochte Italien"
Die Grundschüler bringen die Studentin, die das Papier verfasst hat, an den Rand einer Existenzkrise:

"Was soll ich antworten, wenn ein Kind (...) fragt: 'Warum soll ich das aufkleben und anmalen?'? Verunsichert und spontan sagte ich: 'Mir gefällt es, wie es aussieht, und mir macht das Spaß.' Das klingt, als würde Spaß und Schönheit alles sein, was Kunst ausmacht."

Ihre Zerrissenheit steigert sich ins Kafkaeske, vom namenlosen Adressaten der Zeilen erwartet die verzweifelte Bastel-Anleiterin statt Trost nur Verurteilung:

"In der Universität wurde mir in Didaktik vermittelt, dass es meistens an der Lehrperson liegt, wenn sich Kinder nicht für die Aufgabe interessieren"

Düster resümiert sie schließlich:

"Schon bald ging ich mit ungutem Gefühl zur AG"

Welch einzigartiger Blick in die Seele der Bildungselite

Die Idee zu "Pimp your Paper" hatte der Germanistik-Student Sebastian Knorr, 26, in einem Seminar, in dem die Teilnehmer ein Bühnenspiel organisieren sollten. "Die meisten Hausarbeiten werden nur von einem Professor gelesen. Das ist doch schade", sagt er.

Schätzt man konservativ 20 Seiten pro Nase und Semester, schreiben alleine Deutschlands angehende Geistes- und Sozialwissenschaftler jedes Jahr mehr als 40.000.000 Seiten voll. Welch Verschwendung an Gehirnschmalz, Lebenszeit und Festplattenspeicher! Andererseits: Welch einzigartiger Blick in die Köpfe der Bildungselite des Landes - und in ihre Seele.

Und wie besser den Sprachpomp von Proseminaristen entlarven, als ihn bedeutungsvoll intoniert vorzulesen? SPIEGEL ONLINE dokumentiert ausgewählte Textstellen, die die Hamburger gesammelt haben, und aus folgenden Abteilungen stammen:

  • Bildungssprachliche Gefallsucht

    "Die Texte als solche sind nicht nur polyvalent, sie ostendieren ihre eigene Überstrukturiertheit."

  • Philosophisches, allzu Philosophisches

    "Sind wir es, die die Speise schmecken, oder schmeckt die Speise? Kann man noch vom Geschmack einer Speise sprechen, wenn niemand da ist, der sie schmeckt?"

  • Plumpe Annäherungsversuche an den Forschungsgegenstand

    "Wo der eine zum Tee greift, bevorzugt der andere eine Tasse Kaffee. (...) Doch wie sieht die Situation bei ästhetischen Geschmacksurteilen aus?"

  • Wortreiche Leere

    "Abschließend ist zu sagen, dass man sehr viel analysieren kann, wenn man sich einen Tarantino-Film anguckt und auch viele Möglichkeiten, Dinge unterschiedlich zu interpretieren, gegeben sind."

"Ich fand es total geil, 90 Hausarbeiten durchzuackern", sagt Knorr. Bei allem Spott über studentische Manierismen - einfach nur lustig machen wollten sich die Studenten nicht: "Klar denkt man manchmal: 'Alter, das kannst du doch nicht schreiben.' Aber unsere Hausarbeiten sehen ja genauso aus", sagt Slam-Poet Navarro, der selbst Philosophie studiert.

So ist der Abend eher eine Ode an das wissenschaftliche Trockenschwimmen, an die vereinende Erfahrung praktisch aller Menschen, die je eine Hochschule besucht haben. Und die manchmal statt sich selbst den Wissenschaftsbetrieb entlarven:

"In der Lektüre bin ich auf zwei verschiedene Vorwürfe gegen die Kulturindustrie gestoßen, zum einen, sie betrüge, weil sie zu abstrakt sei, zum anderen, sie betrüge, weil sie zu konkret sei."


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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
HarrySe 31.01.2014
1.
Ich kann mir vorstellen, dass die Dozenten sich mal freuen mal die etwas andere Hausarbeit zu lesen aber trotzdem sollte man es nicht übertreiben.
Fuchswerk 31.01.2014
2. Massenbetrieb Universität
das ist die Strafe für die verfehlte Deutsche Bildungspolitik: die Universität verkommt zur Massenabfertigung. Klar das einige junge Menschen die Fresse voll davon haben, aber kein Schwein reagiert ja auf direkte Kritik, also muss man subtil und indirekt werden.
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