Studenten gegen Sarkozy Protestwelle legt Frankreichs Unis lahm

In ganz Frankreich formieren sich Studenten zum Protest gegen Hochschulreformen der Sarkozy-Regierung. Ihre Parole: "Wer die Fakultäten privatisieren will, dem antworten wir mit Widerstand." Die Demonstranten befürchten einen Ausverkauf der Unis an die Wirtschaft.


Französische Studenten: "Gegen die Privatisierung der Lehre"
AFP

Französische Studenten: "Gegen die Privatisierung der Lehre"

Überall in Frankreich rebellieren Studenten gegen eine von der Regierung beschlossene Hochschulreform. Die Proteste begannen vor zwei Wochen, beim Aktionstag am Donnerstag beteiligten sich mehrere tausend Hochschüler an den größten Kundgebungen in Aix-en-Provence, Toulouse und Paris. In der Hauptstadt zogen die Studenten vom Platz der Bastille zum Bildungsministerium. "Gegen die Privatisierung der Lehre", "Zusammen ist alles möglich, auf die Straßen!" und "Studieren wird zur Schuldenfalle" stand auf ihren Transparenten.

Weitere Proteste sollen folgen. Die Bewegung hat sich inzwischen auf rund 30 Universitäten ausgeweitet, zehn Fakultäten werden zum Teil seit Tagen blockiert. Die Studenten wehren sich gegen die Reformpolitik von Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Vor allem linksgerichtete Studentenorganisationen wollen die Umsetzung der im Sommer verabschiedeten Hochschulgesetze verhindern.

Die Neuregelungen sehen höhere Einschreibegebühren vor; die Universitäten sollen mehr Autonomie bekommen und stärker an Unternehmen angebunden werden. Nach Ansicht der Studentenvereinigungen entsteht durch das Gesetz eine Zwei-Klassen-Uni-Landschaft, in der nur einige wenige Elite-Institutionen gefördert werden. Außerdem befürchten sie, dass die Wirtschaft zu starken Einfluss auf die Fakultäten bekommen.

"Jeder Streik gefährdet den Studienerfolg"

Schon in der Vergangenheit sind französische Studenten immer wieder gegen politische Entscheidungen auf die Straße gegangen. Zuletzt kam es im Frühjahr 2006 zu heftigen Demonstrationen, als der damalige Premierminister Dominique de Villepin eine Arbeitsrechtsreform durchsetzen wollte. Unter anderem sollte der Kündigungsschutz für Berufsanfänger unter 26 Jahren praktisch abgeschafft werden - damit Firmen junge Beschäftigte schnell und kommentarlos kündigen dürfen. Über eine Million Menschen beteiligten sich an den Protesten; es kam teilweise zu gewaltsamen Ausschreitungen, bei denen Pflastersteine und Flaschen flogen. Viele Unis konnten ihren Betrieb nur eingeschränkt fortführen. Am Ende lenkte die Regierung überraschend ein.

Bei den aktuellen Protesten beklagte Bildungsministerin Valérie Pécresse, die Aktionen seien parteipolitisch motiviert. "Jeder Streik gefährdet den Studienerfolg", sagte sie dem Sender LCI. Sie wies darauf hin, dass die Regierung den Etat für die Universitäten in den nächsten fünf Jahren "um 50 Prozent anhebt" und das Parlament die Reform bereits vor Monaten beschlossen habe. Studentengewerkschaften halten die Gesetze für eine Bedrohung der Chancengleichheit und einen ersten Schritt zum Ausverkauf an die Wirtschaft.

"Die Ministerin hat auf unsere Forderungen nicht reagiert, deswegen rufen wir alle Kommilitonen zur Mobilisierung auf", sagte Jean-Baptiste Prévost, Vizepräsident der Studentenunion UNEF. "Wer die Fakultäten privatisieren will, dem antworten wir mit Widerstand", riefen rund 1500 Studenten in Toulouse. Bei Vollversammlungen an 35 Hochschulen soll über eine Ausweitung der Proteste entschieden werden.

Der Studentenstreik reiht sich ein in eine ganze Serie von Protestaktionen gegen Sarkozys Politik. Nächste Woche wollen die Eisenbahner und die Pariser Metro- und Busfahrer erneut den öffentlichen Verkehr lahmlegen, um die Streichung von Rentenprivilegien zu verhindern. Mehrere Studentenorganisationen planen, sich dem Aktionstag anzuschließen. Für den 20. November wurde außerdem ein Streik im Öffentlichen Dienst und bei den Gas- und Stromversorgern angekündigt, am selben Tag wollen auch die Schüler auf die Straße gehen.

kat/AP/Reuters

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