Studenten im Downloadrausch Surfen, bis der Rektor kommt

Studenten-Wohnheime gleichen bisher einem Surfer-Paradies. Ihre Bewohner genießen eine Internet-Freiheit, von der andere Kommilitonen nur träumen. Nun verlangen die Universitäten Mäßigung - das Datenschaufeln wird ihnen zu teuer.

Von Carsten Heckmann


Weniger ist mehr: Techniker regeln den Surfbetrieb in Chemnitz
CSN

Weniger ist mehr: Techniker regeln den Surfbetrieb in Chemnitz

"Ihr Zugang wird bereits genutzt", lautete die Fehlermeldung, die Kerstin Kinszorra einen bis dahin makellosen Tag verhagelte. Wird schon wieder, dachte sich die Leipziger Studentin der Politikwissenschaft: Bisher hatte sich die Internet-Anbindung in ihrem Wohnheim als überaus zuverlässig erwiesen.

Von wegen. Erst 20 Stunden später konnte sich die 24-Jährige wieder im Internet bewegen und E-Mails lesen - und erlebte die nächste unliebsame Überraschung. Eine Mail der Betreiber des Leipziger "StudNet" verlangte, sie möge sich zügeln. "Es hieß, ich hätte am Tag zuvor mehrere Hundert Megabyte runtergeladen", berichtet Kerstin. Und das, wo sie doch gar nicht ins Netz gekommen war.

Angriff der Konto-Knacker

Die Erklärung dafür ist so simpel wie beunruhigend: Ein Mitstudent hatte den Zugang geknackt und genutzt. Die Firewall des "StudNet" wehrt nämlich nur Angriffe von außerhalb des Uni-Netzes ab. Ein Drittel der Angriffe kommt aber aus dem Netz der eigenen Universität, wie Kerstin Kinszorra inzwischen weiß.

Wohnheim (in Chemnitz): Surfer's Paradise
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Wohnheim (in Chemnitz): Surfer's Paradise

Solche Vorfälle sind die unerwünschte Nebenwirkung eines eigentlich positiven Angebotes: Immer mehr Studenten nutzen die schnellen und für sie sehr billigen Wohnheimanbindungen zum Dauersurfen und schaufeln sich riesige Datenmengen auf ihre Rechner. Das verlangsamt den Transfer und kommt manche Uni teuer zu stehen.

In der Folge wurden fast überall Beschränkungen eingeführt. Mittlerweile dürfen die Bewohner der Wohnheime meist nur eine bestimmte Datenmenge pro Monat in die Welt hinaussenden beziehungsweise aus dem Internet saugen. In Leipzig, wo der Zugang pro Monat zehn Euro kostet, sind es zehn Gigabyte. Wer über das Limit hinausgeht, wird zunächst zeitweise gesperrt, im Wiederholungsfall ganz. Da kommen manche Daten-Junkies auf die Idee, bei den Mitstudenten zu schmarotzen.

Schlank surft schneller

Das Problem existiert nicht nur in Leipzig. "Wir haben hohe technische Barrieren gesetzt", sagt Daniel Schreiber, einer der Betreiber des Chemnitzer Studentennetzes (CSN). Und dazu eine neuartige Form der Surf-Begrenzung eingeführt: "Shaping" - ein automatisches Regulierungsverfahren, das auch kommerzielle Internetprovider einsetzen.

Der Chemnitzer Informatik-Student Jan Horbach hat das System in seiner Diplomarbeit für das Studentennetz entwickelt. "Wer viel surft und herunterlädt, der bekommt eine geringere Bandbreite zur Verfügung gestellt", erklärt Daniel Schreiber. Im Klartext: Je höher das Daten-Volumen, desto langsamer die Verbindung.

Sollte so viel Datenverkehr entstehen, dass das Monatslimit des gesamten Netzes in Gefahr ist, dann verringert sich die Bandbreite aller Nutzer - sie wird umgekehrt größer, wenn alle beim Download gespart haben.

Aufrüstung: Verkürzung einer Glasfaserstrecke
CSN

Aufrüstung: Verkürzung einer Glasfaserstrecke

"Ich kenne sonst niemanden, der eine so dynamische Lösung hat", verkündet Daniel Schreiber stolz. Er glaubt, dass das System beim ersten bundesweiten Treffen der Betreiber studentischer Wohnheimnetze Anfang März in Chemnitz große Nachfrage findet.

Die Universitäten haben nämlich ein finanzielles Interesse daran, den Datenverkehr der Wohnheime zu beschränken. Eine Universität mit 20.000 Studenten verbraucht pro Monat rund 14 Terabyte (14 Millionen Megabyte). Das kostet sie 281.000 Euro, zu zahlen an das Deutsche Forschungsnetz (DFN), das wie eine Art Genossenschaft den Internetzugang wissenschaftlicher Einrichtungen verwaltet.

"Die Universitäten müssen an allen Ecken und Enden sparen - also auch beim Netz", sagt DFN-Mitarbeiter Ulrich Kähler. Die Kosten hängen direkt vom Datenvolumen ab, daher lohnen sich Regulierungen.

Deckel bleibt nicht auf dem Topf

Allerdings wächst das Gesamtdatenaufkommen auch an Universitäten stetig, weil die Menge der übertragenen Daten größer wird und immer neue Surfer hinzukommen. Die Studentenwerke wollen möglichst vielen Heimbewohnern einen Netzzugang bieten. Schon vor zwei Jahren waren von 170.000 Studenten in Wohnheimen 100.000 vernetzt.

Die Daten-Deckelung führe so zu einer schleichenden Verlangsamung des Internet-Zugangs, klagen Studenten. Dabei hat das Deutsche Forschungsnetz nach Angaben seiner Verwalter genug Potenzial für mehr Datenverkehr. Das DFN hat gerade die Kontingente der Universitäten um das Anderthalbfache erhöht - die Mengen für die Studentenwerke wurden deshalb aber nicht größer.

Vorstellbar ist, dass die Studentenwerke selbst DFN-Kontingente bekommen. Allerdings sind auch sie klamm, müssten sich also das nötige Geld zurückholen. Die Preise in Surfer's Paradise dürften dann deutlich steigen.



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