Mythos und Wahrheit Steht uns eine Akademikerschwemme bevor?

2,7 Millionen: Noch nie gab es so viele Studenten an deutschen Hochschulen. Manch einer fürchtet eine Überakademisierung. Was ist dran? Der Faktencheck.

Von Susmita Arp

Studenten in Hildesheim: In Zukunft wohl 31 Prozent Akademiker
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Studenten in Hildesheim: In Zukunft wohl 31 Prozent Akademiker


Über Deutschlands Studenten kursieren widersprüchliche Meldungen: Lange Zeit war in den Medien zu lesen, es gebe zu wenige Akademiker, Deutschland drohe beim Bildungsstand seiner Bevölkerung international den Anschluss zu verlieren.

Seit einiger Zeit ist allerdings auch die gegenteilige Warnung populär: Die Studentenzahlen seien derart gestiegen, dass eine "Akademikerschwemme" bevorstehe. Im Handwerk und anderen Ausbildungsberufen fehle es an qualifiziertem Nachwuchs, weil jeder studieren wolle. Was stimmt?

Ein Blick auf die Fakten zeigt, dass der Anteil eines Jahrgangs, der ein Studium beginnt, in den vergangenen Jahren tatsächlich deutlich gestiegen ist. Betrug die Studienanfängerquote im Jahr 2000 nur 33 Prozent, so erreichte sie 2013 einen Rekordwert von 57 Prozent. Damit wurde das Ziel, das sich Bund und Länder 2008 auf dem Dresdner Bildungsgipfel gesetzt hatten, nämlich die Quote der Studienanfänger bis 2015 auf 40 Prozent eines Jahrgangs zu erhöhen, weit übertroffen.

Auch wenn man die Studienanfängerquote um den Effekt doppelter Abiturjahrgänge und den Anteil der Studenten aus dem Ausland bereinigt, liegt sie 2013 immer noch deutlich über 40 Prozent.

Aber: Obwohl junge Menschen in Deutschland viel häufiger ein Studium beginnen als früher, bleibt der Akademikeranteil in Deutschland trotzdem weiterhin klar unter dem OECD-Durchschnitt.

Die OECD, ein Zusammenschluss von 34 überwiegend wohlhabenden Industriestaaten, unterscheidet in ihren jährlichen Bildungsberichten zwei Arten von Hochgebildeten: Einen Abschluss im "Tertiärbereich A" haben jene, die an einer Fachhochschulen oder Universität studiert haben. In den "Tertiärbereich B" fallen hochqualifizierte Fachkräfte, die etwa eine Meisterausbildung besitzen.

In Zukunft wohl 31 Prozent Akademiker

Im Jahr 2013, so die vorläufigen Zahlen der OECD, hatten in Deutschland 28 Prozent der Erwachsenen im Alter von 25 bis 64 Jahren mindestens einen Abschluss im Tertiärbereich A oder B, im Durchschnitt der OECD-Länder waren es 33 Prozent. Betrachtet man nur die Akademiker, also den Tertiärbereich A, ist der Abstand zum OECD-Mittel noch größer: In Deutschland waren 18 Prozent der 25- bis 64-Jährigen Hochschulabsolventen, OECD-weit waren es 25 Prozent. Auch unter den jüngeren, den 25- bis 34-Jährigen, liegt der Akademikeranteil mit 21 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt (32 Prozent).

Das heißt: Es gibt hierzulande keine Akademikerschwemme, Deutschland liegt sogar unter dem OECD-Durchschnitt.

Allerdings könnte sich die steigende Studienanfängerzahl in Deutschland in einigen Jahren deutlich in den Abschlussquoten bemerkbar machen. Die OECD erstellt Prognosen, wie sich der Akademikeranteil in den Mitgliedstaaten angesichts der jetzigen Studienanfängerzahlen entwickeln dürfte.

Dort heißt es: "31 Prozent der jungen Menschen in Deutschland werden den Schätzungen zufolge im Verlauf ihres Lebens voraussichtlich ein Hochschulstudium abschließen." (Der OECD-Durchschnitt liegt bei 38 Prozent.) Außerdem werden vermutlich 15 Prozent der jungen Menschen einen berufsorientierten tertiären Bildungsabschluss erreichen (OECD-Schnitt: zehn Prozent).

Fazit: In Deutschland ist der Anteil junger Leute, die studieren möchten, in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Akademikerquote jüngerer Generationen wird Prognosen zufolge mit 31 Prozent dennoch leicht unter dem OECD-Durchschnitt bleiben. Im internationalen Vergleich droht also keinesfalls eine "Akademikerschwemme".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Tr1ple 15.10.2015
1. Tja das kommt davon wenn man der OECD gehorcht
Die einführung der BA/MA Studiengänge war fatal. Keine sau will mehr in Ausbildungsberufe. So eine verkorkste Politik!
marthaimschnee 15.10.2015
2.
Und selbst wenn, was wird denn studiert? Der Kram, der dringend gebrauch würde, ist doch weiterhin unterrepräsentiert und glänzt auch weiterhin mit massiven Durchfallquoten. Und wenn ich als Arbeitgeber 200 Bewerber auf eine BWL Stelle hab, dann ist klar daß ich den besten rauspicke. Bei Ingenieuren reicht für gewöhnlich, daß man das Studium überhaupt geschafft hat, um recht problemlos eine Stelle zu finden (aber nicht daß jemand glaubt, der Mangel würde zu einen besseren Bezahlung führen. Nee, nee, so schlimm steht es ja auch noch nicht, selbst wenn einige Unternehmen schon gar kein geeignetes Personal mehr finden).
GrinderFX 15.10.2015
3.
Steigende Bildung sollte allgemein kein Problem darstellen und schafft im Gesamten deutlich mehr Arbeitsplätze, da diese gebildeten meisten auch neue Arbeitsplätze schaffen. Zumindest wenn es sich um vernünftige Abschlüsse handelt. Sollten es sich bei der Mehrzahl der Abschlüsse um Fächer wie Geschichte und Esoterik handeln, stellt das natürlich ein Problem dar aber das wage ich jetzt mal zu bezweifeln. Man sollte das also eher als Chance ansehen und eher in die wenig gebildeten investieren bzw. diese dazu zwingen sich weiter zu bilden und diese nutzen um die nicht besetzten Lehrstellen zu besetzen. Denn es gibt immer noch genügend Jugendliche, die entweder gar keinen Abschluss haben oder nicht vermittelbar sind, weil ihr Wissensstand so weit davon entfernt ist für eine Ausbildung geeignet zu sein. Diese müsste man mal wieder motivieren, entweder durch einen Tritt in den Hintern, in dem man mit schweren Sanktionen bei der Sozialhilfe droht bzw. diese auch umsetzt oder durch gezielte Weiterbildungen, sei es durch Zwang. Denn es kann nicht angehen, dass es so viele Junge Menschen gibt, die sich zwanghaft verweigern und dann ihr restliches Leben in der sozialen Hängematte verbringen und sich dann auch noch beschweren, dass sie keiner haben will, obwohl sie selbst rein gar nichts dafür getan haben. Was will auch ein Betrieb mit einem jungen Menschen, der entweder ab und zu mal gar nicht kommt oder durch ständiges zu spät kommen und absoluter Unzuverlässigkeit glänzt und dann auch noch kaum Leistung bringt, weil einfach jegliches Wissen fehlt. Dann natürlich noch mit der Einstellung der Boss sein zu wollen. Da die Eltern verlernt haben die Autoritätskeule zu schwingen, muss eben der Staat hier einspringen und diese jungen Leute wieder auf den richtigen Weg führen. Dann ist das Ausbildungsproblem auch gelöst, denn Stellen gibt es genug.
accessfreeze 15.10.2015
4. Naja
da man heute ja auch studiert haben soll/ muss wenn man sich als Putzfrau bewirbt, ist es doch kein Wunder. Die Ansprüche der Firmen sind enorm gewachsen. Andersherum habe ich während meiner Ausbilderschulung zu hören bekommen das die heutigen Prüfungen an das schlechte Niveau der heutigen Jugend angepasst werden, da wundert es nicht das die Firmen lieber einen Uniabschluss als ne stinkmormale Ausbildung anerkennen.
ede-wolff 15.10.2015
5. Äpfel und Birnen
Sind denn die Studienabschlüsse in allen OECD-Ländern vergleichbar? Nur dann ist doch ein Quervergelich sinnvoll! Ich erinnere mich an einen Artikel hier in SPON vor vielleicht 1,5 Jahren, in dem die Intelligenz der italienischen Frauen so hoch gepriesen wurde. Als Indikator dafür wurde genommen, dass 90% der italienischen Frauen einer bestimmten Altersgruppe einen Universitätsabschluss haben. Für mich gibt es da nur zwei Möglichkeiten: die Italiener sind Wundermenschen oder der italienische Universitätsabschluss ist nichts wert. Die Gültigkeit der mathematischen Statistik und insbesondere der Gaussverteilung stelle ich jedenfalls nicht in Frage.
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