Studenten in Lettland Jung, deprimiert und abgeklärt

Nirgendwo in der EU müssen Unis so brutal sparen wie in Lettland. Heizungen werden abgedreht, Professoren jobben als Stadtführer, und Studenten verlieren ihre Stipendien. Bislang gab es nur zaghafte Wutausbrüche. Wer kann, wandert lieber aus.

Von Caterina Lobenstein


Minus 48 Prozent. Man muss diese Zahl im Kopf behalten, um zu verstehen, was es heißt, in Lettland zu studieren. Dieses gewaltige Minus kam zustande, weil der kleine EU-Staat im Baltikum vor knapp drei Jahren wegen der weltweiten Finanzkrise kurz vorm Bankrott stand. Das Land musste Milliardenkredite aufnehmen und versprach den Geldgebern, gnadenlos zu sparen. Auch an der Bildung. So wurde der Etat für die Hochschulen radikal eingedampft - um eben diese 48 Prozent.

Die Hälfte des Budgets weg, auf einen Schlag. Wie halten die Universitäten das bloß aus?

Schlecht. Sehr schlecht. Dozenten wurden entlassen, Bibliotheken geschlossen, Seminare gestrichen, Exkursionen untersagt. An manchen Fakultäten gibt es kein Kopierpapier mehr, die Heizung wird abgedreht, auch im Winter, und der dauert von Oktober bis April.

Madara Komarovska, 21, Germanistikstudentin an der Lettischen Universität Riga, der zweitgrößten Hochschule des Landes, fürchtet den nächsten Winter, aber nicht wegen der Extremtemperaturen. Sondern deswegen, weil dann eine weitere Sparrunde beginnt, und die könnte sie viel härter treffen als Eiseskälte. Madara sitzt am Ende eines grauen Flurs in der geisteswissenschaftlichen Fakultät, einem Zweckbau mit kahlen Wänden und Linoleumboden, aus der Zeit, als Lettland noch zur Sowjetunion gehörte. In der Ecke steht ein Kopierer, ein Plastikfuß ist abgebrochen, Professoren stehen Schlange, mit dicken Stößen Papier unter dem Arm. Es ist der einzige Kopierer für die Fremdsprachendozenten, für Slawisten, Romanisten, Altphilologen.

Im Wintersemester, erzählt Madara, sollen an ihrem Institut zwei Drittel der "Studienfreiplätze" gestrichen werden. Auch Madara hat so ein Stipendium. Wenn man ihr das nähme, dürfte sie nicht mehr umsonst studieren, sondern müsste 1200 Lats pro Jahr zahlen, das sind rund 1700 Euro. Das wären höhere Studiengebühren als in Deutschland - wo das Durchschnittseinkommen fast viermal größer als in Lettland ist.

Mahnung aus Brüssel blieb erfolglos

"Wenn mein Platz wegfällt, kann ich einpacken", sagt Madara. Von ihren Eltern hat sie nichts zu erwarten. "Die können ja kaum ihre Miete zahlen."

Ähnlich geht es auch vielen Dozenten, deren Gehälter derart zusammengestaucht wurden, dass manche nur noch dank eines Nebenjobs über die Runden kommen. Tagsüber halten sie Seminare, abends und an den Wochenenden jobben sie als Stadtführer oder Übersetzer. Zum Forschen fehlt die Zeit. Trotzdem zählen sie zu den Glücklichen - sie hätten ja auch gefeuert werden können.

Die European University Association, Europas größter Universitätsverband, schickte 2009, kurz nach den ersten Budgetkürzungen, eine Delegation nach Riga. Sie sollte den lettischen Premierminister warnen: Man dürfe nicht an der Bildung sparen, auch nicht in Krisenzeiten. Genützt hat die Mahnung aus Brüssel nichts.

Zwar sind sich alle einig, dass durch die Kürzungen genau jene Jungen und Hochqualifizierten vertrieben werden, die dem Land wieder auf die Beine helfen könnten. Die Rektoren sagen das, die Dekane, die Studentenvertreter. Zwar sind fast alle frustriert und manche auch zornig. Doch sich wehren? Auf die Straße gehen? Ein paar zaghafte Wutausbrüche gab es, ein paar Tomaten aufs Parlamentsgebäude, dann verebbte der Protest.



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