Studenten in Moskau Stubenarrest am Hitler-Geburtstag

Moskauer Universitäten warnen ihre ausländischen Studenten davor, rund um den 20. April die Wohnheime zu verlassen. Offiziell geht es um "Feueralarm-Übungen" - tatsächlich blasen am Geburtstag von Adolf Hitler oft Neonazis zur Hatz auf Fremde.


Moskau - Die Medizinische Setschenow-Akademie in Moskau hat über 2000 ausländische Studenten aus 82 Ländern dazu aufgefordert, Essensvorräte anzulegen und in den nächsten drei Tagen in ihren Wohnheimzimmern zu bleiben. Denn die Leitung der renommierten Hochschule befürchtet, dass in den Tagen um Hitlers Geburtstag am 20. April die Mitglieder ultra-nationaler Organisationen auftauchen, Parolen rufen und ausländisch aussehende Studenten angreifen werden.

Neonazis in Moskau: Bleibt besser zu Hause, raten die Unis ausländischen Studenten
DPA

Neonazis in Moskau: Bleibt besser zu Hause, raten die Unis ausländischen Studenten

"Ich war geschockt, als ich das gehört habe", sagte Vijay Ganason, 23, der britischen Zeitung "The Guardian". "Wer will, kann rausgehen, aber auf eigene Gefahr. Wir haben unsere Schubladen mit Vorräten gefüllt", so die Medizinstudentin aus Malaysia.

Auch ihre Kommilitonin Liah Ganeline, die aus Israel stammt, hat sich eingedeckt mit Milch, Joghurt und Äpfeln. "Es ist nett, dass die Universität sich um uns sorgt, aber andererseits ist es absurd, dass unsere Freiheit wegen dieser militanten Gruppen eingeschränkt wird", sagte sie der Nachrichtenagentur AP. "In einem normalen demokratischen Land gehorchen die Behörden diesen Gruppen nicht, sondern versuchen die Menschen vor ihnen zu schützen."

Nur Mediziner im Praktikum und Studenten, die eine Sondererlaubnis der Uni-Leitung bekommen haben, dürften das Gebäude verlassen, erzählte Ganeline. Sie müssten aber eine Erklärung unterschreiben, dass sie sich auf eigenes Risiko nach draußen trauen.

"Wir wollen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen"

In Ganelines Studentenwohnheim, einem renovierten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert im südlichen Teil von Moskau, leben über 500 Studenten aus Asien, Zentralasien und dem Kaukasus. Im letzten Jahr habe eine Gruppe von Skinheads Nazi-Parolen gerufen und Brandbomben auf das Gebäude geworfen, so die Studentin. Das Wohnheim werde schon seit einigen Jahren an jedem 20. April geschlossen.

Den ausländischen Studenten ist klar, worum es geht - um die Gefahr von Überfällen durch Neonazis. Die offizielle Ansage der Uni-Leitung indes lautet stets: Es handele sich um eine Feueralarm-Übung. Auf die Frage, warum nur ausländische Studenten an dieser Übung beteiligt werden, antwortete Sergej Baranow, der Dekan für ausländische Studenten: "Wir wollen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Dieser Tage ist die Gefahr von Zwischenfällen größer." Er glaube nicht, dass es in Russland mehr Probleme gebe als anderswo, so Baranow. Aber es existiere eine kleine Gruppe von Leuten, die provozieren wolle.

Andere Moskauer Hochschulen haben ihre Studenten ebenfalls vor Neonazi-Überfällen gewarnt. "Wir haben die Pflicht, für Sicherheit auf dem Universitäts-Gelände zu sorgen", sagte Galina Kuzmina, Sprecherin der Russischen Universität für Völkerverständigung in Moskau. Dort studieren und wohnen über 1700 ausländische Studenten auf dem Campus. "Wir können ihnen nicht verbieten, das Gelände zu verlassen, das wäre dumm. Aber wir empfehlen ihnen zu bleiben", so Kuzmina.

Immer wieder Überfälle auf Studenten

Auch an der Staatlichen Universität Moskau (MGU) blieben viele ausländische Studenten den Vorlesungen heute fern, berichtet die "Moskauer Deutsche Zeitung". Die Universitäts-Leitung überlege jedes Jahr aufs Neue, wie sie die knapp 700 ausländischen Studenten am besten schützen könne. In der Vergangenheit habe es eine verstärkte Militärpräsenz zwischen der Fakultät und der nahegelegenen U-Bahn-Station gegeben. In diesem Jahr bekämen alle Studenten, die sich fürchten, inoffiziell frei. Daher blieben viele zu Hause.

Unbegründet ist die Sorge um Ausländer in Russland nicht. Nach Angaben des Moskauer Informationszentrums Sova wurden allein im vergangenen Jahr 53 Menschen durch rassistisch motivierte Gewalt getötet und 460 verletzt. Besonders auf Studenten hat es in den letzten Jahren immer wieder Überfälle gegeben. So wurde im Oktober 2005 in Woronesch ein peruanischer Student getötet, zwei weitere Menschen wurden verletzt.

Zwei Monate später griffen Jugendliche in St. Petersburg zwei afrikanische Studenten an. Ein Kameruner wurde erstochen. Wenig später stachen Unbekannte in der Nähe des Tatorts einen Kenianer nieder. Im April 2006 wurde ein armenischer Studenten in einer Moskauer U-Bahn-Station niedergestochen. Zeugen sprachen von Skinheads am Tatort.

Insgesamt studieren an den russischen Universitäten rund 80.000 Ausländer. Sie fühlen sich durch rechtsextreme Banden zunehmend bedroht, brechen mitunter ihr Studium in Metropolen wie Moskau und St. Petersburg ab und reisen zurück in ihre Heimatländer, weil sie sich in Russland nicht mehr sicher fühlen.

kat/AP

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.