Studenten in Syrien "Vorlesungen brechen wir nur bei Raketen im Hörsaal ab"

Zerstörte Hörsäle, überfüllte Kurse, erschossene Kommilitonen - und trotzdem geht der Unterricht an einigen syrischen Hochschulen weiter. Drei Studenten berichten vom Lernen im Krieg.

Aufgezeichnet von Janosch Siepen


Zu Beginn des Bürgerkriegs waren in Syrien mehr als 100.000 Studenten an staatlichen und privaten Unis eingeschrieben. Tausende sind seither geflohen. Die Hochschulen in Rakka und Deir ez-Zor sind geschlossen, sie liegen in dem Gebiet, das die Terrormiliz "Islamischer Staat" kontrolliert. Auch zahlreiche kleine Privatunis mussten schließen oder umziehen. Die staatlichen Unis in Aleppo und Damaskus sind allerdings noch in Betrieb. Wie ist ein Hochschulstudium dort überhaupt noch möglich?

Zum Skypen ist die Internetverbindung nicht stabil genug, doch via WhatsApp haben uns drei Studenten von ihrem Alltag berichtet, einer aus Damaskus, zwei aus dem umkämpften Aleppo. Die beiden möchten aus Sicherheitsgründen anonym bleiben.

Alaa, 20, studiert Pharmazie in Aleppo:

Szene nach einem russischen Luftangriff auf Aleppo Mitte Februar
REUTERS

Szene nach einem russischen Luftangriff auf Aleppo Mitte Februar

"Die Stadt ist fast vollkommen zerstört, auch das Haus meiner Großeltern und der Betrieb meiner Familie. Viele Menschen wohnen in Zelten auf der Straße. Manche haben kleine Geschäfte aus Wellblech errichtet, um weiterarbeiten und ihre Familien ernähren zu können. Es ist sehr kalt, Strom gibt es nur für zwei Stunden am Tag, Öl zum Heizen ist knapp.

Trotzdem geht der Alltag weiter. Die Leute treffen sich in Cafés, rauchen Shisha, gehen aus. Mein täglicher Weg zur Uni ist eigentlich nicht gefährlich, wird aber manchmal gesperrt, wenn es Gefechte gibt. Abends, wenn ich lernen will, zünde ich Kerzen an, nehme mir viele Decken und setze mich an meinen Schreibtisch.

Das Uni-System ist noch ganz okay, obwohl viele Dozenten geflohen sind oder getötet wurden. Der Leiter der Chemiefakultät ist gestorben, als sein Haus von einer Rakete getroffen wurde. Auch ein Pharmazieprofessor und seine Familie sind bei einem Raketeneinschlag verletzt worden. Nach zwei Wochen war er wieder im Dienst.

Explosionen sind zu meinem Alltag geworden. Wenn ich in der Vorlesung sitze und es laut knallt, bin ich nicht gestresst. Niemand ist das. Alle bleiben sitzen, und die Vorlesung geht weiter. Keiner weiß, wann der Krieg zu Ende sein könnte. Deswegen muss unser Leben weitergehen."

Sami, 23, studiert Medizin in Damaskus:

Sami aus Damaskus
privat

Sami aus Damaskus

"Das Studieren an sich ist hier eigentlich kein Problem. Aber der Krieg stresst uns ziemlich. Die Geräusche der Bomben, Raketen und Kampfjets erinnern mich ständig daran. Mörsergeschosse schlagen hin und wieder ein. Ein Geschoss traf einmal mein Zimmer, aber zum Glück kam ich mit einer Kopfverletzung davon.

Seit Beginn des Krieges ist das gegenseitige Misstrauen unter den Studenten gewachsen. Die Uni teilt sich in Anhänger und Gegner von Assad. Viele Freundschaften sind zerbrochen. Studenten aus beiden Lagern sind verschwunden, wurden entführt oder festgenommen. Über Politik redet man nicht mehr.

Einige meiner Freunde mussten ihr Studium abbrechen, weil sie die Gebühren nicht mehr bezahlen konnten oder in umkämpften Gebieten feststeckten und nicht mehr zur Uni kommen konnten. Manche sind auch gestorben. Sie wurden auf dem Heimweg zu ihrem Wohnheim auf der Straße erschossen. Jeder in Syrien hat irgendjemanden verloren.

Das Verhältnis zu den Dozenten ist besser geworden. Sie reden zwar nie direkt über den Krieg, aber kümmern sich mehr um Studenten, sind mit uns sogar auf Facebook befreundet. Und gerade jetzt erinnern sie uns immer wieder daran, wie wichtig wir unser Medizinstudium nehmen sollen: Nach dem Krieg wird es viele geben, die uns brauchen werden."

Ahmad, 20, studiert BWL in Aleppo:

Raketeneinschlag in Aleppo (Mai 2015)
AFP

Raketeneinschlag in Aleppo (Mai 2015)

"Trotz des Krieges läuft das Leben fast ganz normal weiter. Die Leute gehen auf den Markt, Schulen und Kindergärten sind in Betrieb. Mein Studium habe ich während des Krieges begonnen, ich bin also irgendwie daran gewöhnt. Die Kriegsgeräusche stören aber dabei, sich aufs Lernen zu konzentrieren.

Vorlesungen werden nur abgebrochen, wenn Raketen im Hörsaal einschlagen. Einmal hat eine die Uni getroffen. Studenten sind zu den Verletzten gelaufen, der Krankenwagen kam. Am nächsten Tag ging der Unterricht weiter.

Die Gefahr zu sterben ist immer da, auch zu Hause. Zwei meiner Freunde wurden getötet. Raketen können einen immer und überall treffen. Eine ist mal ganz meiner Nähe explodiert, ich wurde aber zum Glück nur an der Hand verletzt.

Wir studieren weiter, um unsere Familien später finanziell zu unterstützen. Die Familie ist das Wichtigste. Für sie nehmen wir auch die gefährlichen Wege in Kauf, auf denen Scharfschützen lauern. Und: Während wir studieren, müssen wir keinen Militärdienst machen!

Ich könnte fliehen, aber ich will mein Land nicht verlassen. Ich will hierbleiben, um es wieder mit aufzubauen."

Im Video: Der schwere Alltag für Schulkinder in Syrien

REUTERS



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