Thailändische Uni-Rituale Folter für die Erstsemester

Gegen diese Rituale ist eine deutsche Erstsemester-Woche Kinderfasching: An thailändischen Unis müssen Studenten in Fäkalien liegen, sich in heißer Asche wälzen und gefesselt niederknien. Jetzt wehren sich einige Studenten, doch andere verteidigen die fiese Tradition.

Jirapat Srikana

Von Frederic Spohr


Die Bilder sind verwackelt, sie erinnern an heimlich aufgenommene Videos von qualvollen Zuständen in Gefängnissen oder Straflagern. Junge Männer sind darauf zu sehen, Männer mit gesenktem Kopf, sie sollen rennen, mitten in der Nacht, aber sie können eigentlich nicht mehr, sie werden angeschrien und bedroht von anderen, die um sie herum stehen.

Einige Sequenzen später sieht man einen der erschöpften Männer auf einem Bett liegen. "Sie haben mir in den Bauch und auf den Kopf geschlagen", klagt er, "sie sagten, dass es noch schlimmer werde." Aus Scham hält sich der Gepeinigte ein Kissen vors Gesicht.

Die Aufnahmen stammen vom Campus der Maejo-Universität in Chiang Mai in Thailand. Dort hatte ein Student mit einer Knopfkamera ein Aufnahmeritual für Erstsemester-Studenten gefilmt. Er wollte beweisen, wie sehr diese Rituale, die "Sotus" genannt werden, manchmal eskalieren. Die Welt sollte erfahren, dass die alte Tradition oft nichts mehr mit Spaß zu tun hat, sondern nur mit Macht und Demütigung.

"Drastische Menschenrechtsverletzungen"

Nicht nur in Thailand, auch an Hochschulen in den USA, in Frankreich, Indien und Brasilien gerieten Begrüßungsspiele für Erstsemester-Studenten in den vergangenen Jahren immer wieder außer Kontrolle. In Deutschland sind viele Rituale mittlerweile ausgestorben, meist sind es Studentenverbindungen, die Neuankömmlinge auf die Probe stellen und sie zum Beispiel zum möglichst schnellen Bierkonsum drängen. Vieles, was zum Semesteranfang passiert, gerät nie an die Öffentlichkeit. Aber Hank Nuwer vom Franklin College im US-Bundesstaat Indiana weiß, dass es oft genug um "drastische Menschenrechtsverletzungen" geht.

Der Professor forscht seit mehr als 30 Jahren zu dem Phänomen, und er kommt zu einem nüchternen Schluss: "Das Problem entsteht, wo alte Gruppenmitglieder die Unsicherheit der Neuen ausnutzen können, um Macht und Status zu erlangen. Das ist leider allzu menschlich." Ein Älterer fange an, Neuankömmlinge etwas härter ranzunehmen, dann zögen andere nach, am Ende machten fast alle mit und verlangten plötzlich Dinge von ihren jüngeren Kommilitonen, die sie ansonsten nie einfordern würden.

Warum lassen Erstis das über sich ergehen? Warum ergreifen sie nicht die Flucht, sondern führen brav aus, was man von ihnen verlangt? Anfangs, weil sie nicht als Spielverderber dastehen wollen. Dann irgendwann, weil sie fest im Klammergriff ihrer Peiniger stecken - und schlicht Angst davor bekommen, sich zu widersetzen.

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Bei manchen Begrüßungsritualen passiert, was auch im weltbekannten Stanford-Prison-Experiment im Jahr 1971 geschah: Damals wurden 24 Studenten aufgefordert, Gefängnis zu spielen. Das für zwei Wochen geplante Rollenspiel musste nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die "Wärter" ihre Macht missbrauchten. Wäre das Experiment fortgesetzt worden, hätte es wohl Tote gegeben.

Es hat eine lange Tradition, Erstis zu demütigen, und die älteren Semester waren immer schon gut darin, sich neue Methoden dafür auszudenken. In den USA werden Studenten, die Mitglied in einer Verbindung werden wollen, gezwungen, "Vomlets" zu essen: Omeletts aus Erbrochenem. In Brasilien müssen sich Uni-Neulinge auch schon mal in einem Schlamm aus Kot und Resten von verwesten Tieren wälzen, und auf den Philippinen setzt es regemäßig Prügel.

"Die Methoden sind immer auch ein bisschen ein Spiegel der Gesellschaft", sagt Forscher Nuwer. Als in den USA bekannt wurde, dass die Armee Gefangene in Abu Ghuraib und anderswo mit Waterboarding folterte, kopierten Studenten das.

Immer wieder sterben Studenten

Kein Wunder, dass die Rituale manchmal böse enden: In Thailand erlitten vergangenes Jahr vier Studenten Verbrennungen, als sie sich über glühende Asche rollen mussten, die nur mit Sand bedeckt war. Immer wieder ist es bei den Spielen auch zu Todesfällen gekommen. Verbucht werden diese in der Regel als Unfälle unter Alkoholeinfluss.

Gerade in Ländern mit streng hierarchischer Gesellschaft können sich die Rituale halten, in Ländern wie Thailand etwa. Es sei hier absolut verpönt, die Ansichten von Älteren und Politikern zu hinterfragen, sagte der bekannte Menschenrechtsaktivist Sombath Boonngamanong kürzlich bei einer öffentlichen Veranstaltung. "Unsere Schulen und Universitäten sind eine Mischung aus Gefängnis und Hölle." Viele Bildungseinrichtungen seien "Roboterfabriken".

Doch langsam regt sich auch in Thailand der Widerstand gegen die Sotus-Rituale. Die kleine Revolution startete im Internet, wie so oft in diesen Tagen. Einer, der sie anzettelte, ist Piyarat Chongthep, 22, ein schmächtiger junger Mann mit dicken Brillengläsern. Er sitzt in einer Ecke der König-Mongkut-Universität in Bangkok und hat zwei Freunde mitgebracht, die ihn zwischen sich nehmen, als wären sie seine Bodyguards.

Piyarat sieht aus wie das perfekte Opfer, und weil er das weiß, startete er eine Facebook-Seite und forderte Studenten auf, Bilder von Sotus-Misshandlungen zu schicken oder Berichte zu schreiben. Es kamen Hunderte.

Unter den Einsendungen sind schockierende Aufnahmen: Dutzende Menschen liegen aneinandergereiht in einer Kloake. Studenten müssen gefesselt auf dem Boden knien, während um sie herum maskierte Männer und Frauen mit Knüppeln posieren. Auch die Aufnahmen aus Chiang Mai wurden Piyarat zugesandt. "Die meisten Studenten waren immer gegen die brutalen Sotus-Spiele, aber sie trauten sich nicht, es zu sagen. Jetzt können wir sprechen", sagt Piyarat.

"Sotus ist wie ein Messer"

Mit seiner Webseite ist er für viele zu einem Vorbild geworden. Er tritt im Fernsehen auf, wird zu Diskussionsrunden eingeladen. "Manchmal werde ich sogar auf der Straße angesprochen, und mir wird gesagt, dass ich weitermachen soll", sagt Piyarat. Die Hochschulverwaltungen in Thailand würden das Problem nämlich weiterhin unter den Tisch kehren.

Bisher will sich keine Uni offen zu den brutalen Ritualen äußern. Die Maejo-Uni in Chiang Mai sagte dem UniSPIEGEL, es gebe viele Gerüchte und Spekulationen über die Einführungsveranstaltung der Maejo-Universität; viele seien falsch. Man achte sehr auf die Sicherheit der Studenten.

Der Kampf gegen Sotus wird auch dadurch erschwert, dass etliche Studenten an der Tradition festhalten wollen. Die Seite von Piyarat wurde mehrmals als Spam gemeldet und gelöscht. Piyarat sagt, er erhalte Drohbriefe. Und als die Maejo-Universität die Sotus-Phase kürzen wollte, belagerten Hunderte Studenten die Verwaltung, um zu protestieren.

Der Student Attiwich Sutthiyuth, 21, ist einer von Piyarats Widersachern. Er hat Sotus stets öffentlich verteidigt. Die Älteren würden die Neuen höchstens mal anschreien, um sich Respekt zu verschaffen. "Sotus ist wie ein Messer", bilanziert er. "Es kommt eben darauf an, was man damit anstellt."

insgesamt 27 Beiträge
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freddy loony 16.10.2013
1. mittelalterlich
Die Menschheit hat sich von mittelalterlichen Ritualen nur wenig entfernt... - traurig genug, dass nicht nur in allen Weltreligionen sondern auch in Universitäten weltweit noch solchen unwürdigen "Traditionen" gefrönt wird.
michlauslöneberga 16.10.2013
2. Immer wieder
Zitat von sysopJirapat SrikanaGegen diese Rituale ist eine deutsche Erstsemester-Woche Kinderfasching: An thailändischen Unis müssen Studenten in Fäkalien liegen, sich in heißer Asche wälzen und gefesselt niederknien. Jetzt wehren sich einige Studenten, doch andere verteidigen die fiese Tradition. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studenten-quaelen-erstsemester-in-brutalen-aufnahmeritualen-a-927786.html
der gleiche Schwachsinn. Sei es bei Erstsemestern an der Uni, Wehrpflichtigen, Lehrlingen oder wo auch immer. Und perfide ist es, das dann auch noch als Tradition zu verkaufen. Ich hatte ein derartiges Vergnügen nur bei der Bundeswehr zu genießen. Damals haben zwei Zimmergenossen und ich uns die übelsten Plagegeister dann mal "privat" eins zu eins zur Brust genommen, und die Sache hatte ein sehr schnelles Ende.
miobri 16.10.2013
3. Rites de Passage
Solche Übergangsriten sind so alt wie die menschliche Kultur. Natürlich ist das völlig irrational. Es entspricht aber dem in uns angelegten Bedürfnis nach äußerlicher Markierung von sozialen Statusübergängen.
Kaygeebee 16.10.2013
4. optional
Das Leben ist wie Fahrradfahren: Nach unten treten, nach oben bückeln. Die Stundenten, welche hier andere quälen, sind vermutlich die gleichen welche jedem Prof. in den Arsch kriechen und selber ALLES tun um eine bessere Note zu erhalten. Außerdem will man diese dumme Tradition ja auch irgendwie fortführen. Ansonsten steht man am Ende als letzter Vertreter (und letztes Opfer) einer sinnlosen Gewalthandlung da mit man sich für ein paar Minuten mächtig fühlen konnte.
BerndBerndsen 16.10.2013
5.
Zitat von sysopJirapat SrikanaGegen diese Rituale ist eine deutsche Erstsemester-Woche Kinderfasching: An thailändischen Unis müssen Studenten in Fäkalien liegen, sich in heißer Asche wälzen und gefesselt niederknien. Jetzt wehren sich einige Studenten, doch andere verteidigen die fiese Tradition. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studenten-quaelen-erstsemester-in-brutalen-aufnahmeritualen-a-927786.html
Kann ich nur bestätigen. Unsere "Erstsemesterralley" damals war sehr spaßig. Mit sinnlosen/lustigen Aufgaben wurde man durch die Stadt gejagt und es gab natürlich auch Trinkspiele (in Maßen) unterwegs, die aber jeder verweigern konnte, der keine Lust drauf hatte. Zum Abschluss gab es noch ein (natürlich ebenfalls freiwilliges) Besäufnis. Alles easy, alles im Rahmen. Habe es auch von Freunden in Deutschland nicht anders gehört. Allerdings kannte ich mal einen Ex-Navy Soldaten. Der hat mit ein selbstgedrehtes Video von der Äquatortaufe gezeigt. Daran hat mich der Artikel stark erinnert: Urin, Fäkalien, Erbrochenes, Schläge ... wiederlich
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