Studenten in Wohnungsnot Schlaflos unterm Abflussrohr

So klingt das Abflussrohr - Jannik, 21, haust im Keller eines Wohnheims


Durch Janniks Kellerzimmer laufen Abflussrohre: Wenn einer im Haus pinkelt, wacht er auf
Lena Niethammer

Durch Janniks Kellerzimmer laufen Abflussrohre: Wenn einer im Haus pinkelt, wacht er auf

"Nein, also Schlaf bekomme ich hier wirklich kaum. Heute wurde ich mal wieder von einem gesamten Wecker-Orchester geweckt. Bei zehn Leuten, die alle zu unterschiedlichen Zeiten rausmüssen, lässt sich das kaum vermeiden. Und wenn es mal nicht die Wecker sind, die einen aufwecken, dann die Geräusche der Abflussrohre, die mitten durch das Zimmer laufen. Die Zeit hier hat uns zu richtigen Abflussrohrexperten gemacht. An den Geräuschen können wir genau sagen, wer wo im Haus pinkelt oder duscht.

Seit gut fünf Wochen wohne ich nun im Keller. Der Asta der Fachhochschule Düsseldorf hat uns Wohnungslosen dieses Lager errichtet, damit wir nicht unter der Brücke schlafen müssen. Zahlen muss jeder nur einmalig 25 Euro. Wie lange wir bleiben, ist quasi egal, nur bis Ende des Jahres sollten wir langsam etwas eigenes gefunden haben. Insgesamt sind wir momentan 17, zehn Jungs, sieben Mädels. Es gibt zwei große Räume, eine Küche, Bäder und Duschen.

Dabei hatte ich mich eigentlich schon recht früh informiert. Ein halbes Jahr vorher fing ich an, mir alles rauszusuchen und mir die Städte anzuschauen, in denen ich mich bewerben wollte. Da aber die Zusage erst eine Woche vor Studienbeginn kam, musste dann doch alles ganz schnell gehen. In Düsseldorf eine Wohnung zu finden, ist in nur einer Woche quasi unmöglich. Zum Glück hat mir ein Typ vom Asta an meinem ersten Unitag von dieser Notunterkunft erzählt. Prompt entschied ich, auch ein Kellerkind zu werden.

Mein erster Gedanke, als ich dann hereinkam: "Wie cool ist das denn?" Es sind zwar nur Kellerräume, wir teilen uns zu zehnt 35 Quadratmeter und die Wände sind weiß, kahl und voller Rohre, aber ich finde es kommt eigentlich nur auf die Mitbewohner an. Und wir sind eindeutig eine tolle Truppe. Die ersten Wochen kam ich mir vor wie im Feriencamp. Morgens wurde gemeinsam gefrühstückt, mittags gekocht und abends dann eine Party geschmissen oder zumindest beisammen gesessen.

In drei Tagen ist es aber endlich so weit. Nach 150 WG-Bewerbungen, mehr als 15 Besichtigungen und einem fünfwöchigen Dasein als Kellerkind ziehe ich in eine richtige Wohnung. Aaron, auch ein Kellerkind, und ich sind gemeinsam fündig geworden. Mein Fazit: Es war eine geile Zeit! Doch nun wird es Zeit zu schlafen und zu lernen."

Aufgezeichnet von Lena Niethammer



insgesamt 50 Beiträge
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Clawog 01.11.2011
1. Studenten
Das ist ja schrecklich. Das gleicht ja schon Nord Koreanische Verhältnissen. Kann man diese "Trauergeschichten" denn nicht noch etwas mehr dramatisieren? Wir verblöden und müssen schon jeden Mist über uns ergehen lassen. Es gibt sicher Tausende Rentner, welche anständige und rücksichtsvolle Studenten für ein paar Euro eine Bleibe geben würden.
akflens 01.11.2011
2. Schon seit Jahren in Flensburg so...
In Flensburg herrscht schon seit einigen Jahren Wohnungsnot (auch wenn die Stadt das bestreitet). Als ich vor zwei Jahren mit dem Studium hier begann, hatte ich Komilitonen in meinem Studiengang, die über ein halbes Jahr lang nach Wohnungen gesucht haben und in der Zeit mit Couchsurfing oder Hostels über die Runden kommen mussten. Und Seitdem wird es nur noch schlimmer, da die Zahl der Studierenden permanent steigt. Aber keine neuen Wohnungen hinzu kommen.
Peter Sonntag 01.11.2011
3. Erobert die Unitäten, diskutiert mit den Dezernenten !
Zitat von sysopWG-Zimmer und Wohnheimplätze sind zum Semesterstart äußerst knapp, manche Studenten hausen jetzt in Zelten, Kellern, Sporthallen. Fünf Jungstudenten verraten, wo sie sich betten - und was sie da erleben. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,793866,00.html
Sollte es mit dem Studium nicht gleich klappen, gibt es ja immer noch die Möglichkeit, erst einmal einen anständigen Beruf zu erlernen. Damit ergäben sich ganz prächtige "Perspektiven".
mauimeyer 01.11.2011
4. Generation Golf II
Zitat von sysopWG-Zimmer und Wohnheimplätze sind zum Semesterstart äußerst knapp, manche Studenten hausen jetzt in Zelten, Kellern, Sporthallen. Fünf Jungstudenten verraten, wo sie sich betten - und was sie da erleben. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,793866,00.html
Jetzt kommt die Generation Golf II ans Jammern! Bisher gut in Hotel Mama, z.T. in zwei Zimmern und eigenem Bad, gewohnt. Jetzt stehen an Brennpunkten nicht genug preiswerte Komfort-Appartements zur Verfügung und schon gibt es Schlagzeilen! In den ostdeutschen Uni-Städten ist genug Platz! So und so. Was glauben die heutigen Erstsemester eigentlich, wie schwierig es war 1964 Zimmer zu bekommen? Das gehört zum erwachsen-werden dazu, daß man (frau) auch mal Schwierigkeiten überwindet. Wahrscheinlich sind das in der gepamperten Generation GolfII die ersten Schwierigkeiten, auf die man trifft. Im Wohnwagen in Aachen über 4 Semester wohnen, war keine Seltenheit. Hinterher wußte man wenigstens, wie sich so ein Teil im Dauergebrauch bewährt, und konnte entsprechende Testberichte schreiben. Toll wären doch mal Berichte darüber, wie man es wirklich geschafft hat eine angemessene Behausung zu finden! Kauri
steamiron 01.11.2011
5. .
Zitat von sysopWG-Zimmer und Wohnheimplätze sind zum Semesterstart äußerst knapp, manche Studenten hausen jetzt in Zelten, Kellern, Sporthallen. Fünf Jungstudenten verraten, wo sie sich betten - und was sie da erleben. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,793866,00.html
Bla, Bla, Bla, auch ich habe in Kiel und Flensburg studiert. Ich hatte während der Zeit nacheinander 2 Zimmer in Flensburg und 2 Zimmer in Kiel bewohnen dürfen. In beiden Städten gab es genug Zimmer und Wohnungen. Wer suchet der findet. Unselbstständigkeit führt zu Lösungen wie im Artikel beschrieben.
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