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01. November 2011, 11:07 Uhr

Studenten in Wohnungsnot

Schlaflos unterm Abflussrohr

WG-Zimmer und Wohnheimplätze sind zum Semesterstart äußerst knapp, manche Studenten hausen jetzt in Zelten, Kellern, Sporthallen. Fünf Jungstudenten verraten, wo sie sich betten - und was sie da erleben.

Als ob der Studienstart nicht schon stressig genug wäre! Da müssen Kurse gewählt, Freunde gefunden, Dozenten eingeschätzt, Umzüge organisiert werden. Doch viele Neu-Studenten haben selbst wenige Wochen nach Semesterbeginn ein wesentlich existentielleres Problem: Sie finden kein WG-Zimmer, geschweige denn eine bezahlbare eigene Wohnung.

Denn nicht nur in den Hörsälen und Seminarräumen ist es eng geworden, unter anderem wegen der doppelten Abi-Jahrgänge und dem Wehrpflicht-Ende. Auch auf dem Wohnungsmarkt drängen sich die Studenten. Aus vielen Uni-Städten sind Klagen zu hören über die Wohnungsnot. Die Studentenwerke schätzen, dass rund 25.000 Wohnheimplätze fehlen.

So müssen jene, die zu spät kamen oder einfach Pech hatten, jetzt improvisieren, unterkunftstechnisch. Und es zeigt sich: Einige Studenten sind hart im Nehmen, wenn es darum geht, der Obdachlosigkeit zu entgehen. Da werden dann Kellerräume zu Bettenlagern umfunktioniert und Eingangshallen zu Zeltplätzen. Da endet die erfolglose WG-Zimmer-Suche im Achtbettzimmer oder der Sporthalle.

Von den ausgefallensten Notunterkünften berichten für den UniSPIEGEL fünf Studenten. Sie verraten, wo sie untergeschlüpft sind und wie die letzte Nacht war. Lesen Sie hier die Protokolle studentischer Wohnungsnot:

"Wenn meine Kommilitonen hören, dass ich in der Uni-Sporthalle übernachte, gucken sie ganz schön schockiert. Die denken, ich müsste auf dem Boden zwischen den Turngeräten schlafen. Das stimmt zum Glück nicht. Ich habe ein Bett in einem der Gästezimmer. Pro Nacht zahle ich zwölf Euro. Das ist immer noch billiger als in der Jugendherberge. Frühstück gibt es hier zwar keines - aber dafür ist die Uni-Mensa ja ganz in der Nähe.

Mir geht es gut. Ich bin froh, dass ich in der Sporthalle unterkommen kann. In meinem Zimmer und nebenan schlafen ebenfalls Erstsemester, die auch noch keine Wohnung gefunden haben. Bei der Suche unterstützen wir uns gegenseitig. Not schweißt eben zusammen. Wir verstehen uns super. Wenn ich keine Vorlesung habe, schaue ich im Internet nach Wohnungsanzeigen. Aber in den letzten Tagen ist kaum etwas Passendes reingekommen. Eigentlich müsste man ständig online sein. Die Nachfrage ist groß. Innerhalb von Minuten melden sich zig Interessenten auf eine Anzeige. Viele nehmen das, was sie kriegen können. Egal wie klein das Zimmer ist, egal wie teuer.

Seit Beginn des Wintersemesters habe ich einen Adventskalender. Jeden Tag, an dem ich keinen festen Wohnsitz habe, öffne ich ein Türchen. Inzwischen habe ich fast die gesamte Schokolade aus dem Kalender aufgegessen.

Im Moment ist das alles noch wie eine Art Abenteuer für mich. Trotzdem hoffe ich, dass ich bald ein freies WG-Zimmer oder eine bezahlbare Wohnung finden werde. Meinen nächsten Adventskalender möchte ich jedenfalls erst wieder zur Weihnachtszeit öffnen."

Aufgezeichnet von Christoph Petry

"Einigen Kommilitonen habe ich erzählt, dass ich im Hostel wohne. Manche schauten mitleidig, andere waren ernsthaft schockiert. Dass ich mich für ein Achtbettzimmer entschieden habe, konnte kaum jemand verstehen. Doch alles andere wäre zu teuer gewesen. Ich zahle schon so 16,50 Euro pro Nacht.

Seit Juni war mir klar, dass ich in Hamburg Germanistik und Ethnologie studieren werde. Ein WG-Zimmer habe ich seitdem trotz Hunderter Internetnachrichten nicht gefunden. Aus Verden, meiner Heimat in der Nähe von Bremen, fuhr ich zu mehreren Besichtigungsterminen, doch oft kamen 40 Kandidaten. Da habe ich schon damit gerechnet, zum Semesterstart im Hostel wohnen zu müssen.

Das Leben im Achtbettzimmer ist weniger schlimm, als ich es mir vorgestellt hatte. Immerhin habe ich außer Bett und Spind einen kleinen Tisch - und sogar eine eigene Fensterbank. Die ist gerade mein einziger kleiner Luxus.

Besucht hat mich im Hostel bisher niemand, trotz der tollen Lage im Hamburger Schanzenviertel. Dafür treffe ich jeden Tag neue Leute, zum Beispiel Franzosen, Georgier und Chinesen. Einige Nächte mit den Chinesen im Zimmer waren anstrengend, sie haben entsetzlich laut geschnarcht.

Ähnlich nervig sind die Spinde im Zimmer, sie quietschen ständig. Daran, dass nachts oft das Licht angeht und Leute reinkommen, habe ich mich gewöhnt. Das Badezimmer teile ich mit bis zu 16 Leuten, Frauen wie Männern. Zum Glück ist es sauberer, als sich das anhört.

Im Hostel lebe ich jetzt seit mehr als drei Wochen, ab November habe ich einen Wohnheimplatz. Dort kann ich dann wieder in Ruhe lernen. Ideal ist das neue Zimmer leider auch nicht, es liegt am Stadtrand. Bisher musste ich eine Station zur Uni fahren, vom Wohnheim aus sind es 14. Dafür bekomme ich zumindest meine Privatsphäre zurück."

Aufgezeichnet von Markus Böhm

"Die Nacht war kurz. Bis in die Morgenstunden haben wir zusammengesessen und diskutiert. Es ist richtig Camping-Atmosphäre aufgekommen. Wir hatten zwar kein Lagerfeuer - dafür aber Öllampen und Kerzen. Unser Essen haben wir auf Gaskochern gemacht. Zum Glück hatte ich Schlafsack und Isomatte dabei. Im Uni-Foyer ist es nachts viel kühler als ich dachte.

Vier Campingzelte haben wir hier aufgebaut. Insgesamt machen rund 15 Leute bei der Aktion mit. Wir wollen so auf die Wohnungsnot von Studenten in Konstanz aufmerksam machen. Die Wohnheime sind voll. Und auf dem Privatmarkt ist bezahlbarer Wohnraum extrem knapp. Die Mietpreise sind übertrieben hoch. Ein Studium in Konstanz können sich viele kaum noch leisten.

Vor ein paar Wochen haben Oberbürgermeister, Uni, Hochschule und Studentenwerk einen offenen Brief geschrieben. Darin bitten sie die Bevölkerung, Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Wir vom Unabhängigen AStA haben eine Börse eingerichtet, über die zimmerlose Erstis kurzfristig einen Schlafplatz in Studenten-WGs bekommen können. Aber solche Schritte sind doch nur Tropfen auf dem heißen Stein. Die Wohnraumprobleme werden so nicht gelöst.

Bei den meisten Studenten und Professoren ist unsere Protestaktion gut angekommen. Mit den Zelten und Plakaten haben wir definitiv Aufmerksamkeit erregt. Die vergangene Nacht werde ich so schnell nicht vergessen. Mitten im Uni-Foyer zu campen - das ist schon ein besonderes Erlebnis. Jetzt brauche ich erst mal einen Kaffee."

Aufgezeichnet von Christoph Petry

"Nein, also Schlaf bekomme ich hier wirklich kaum. Heute wurde ich mal wieder von einem gesamten Wecker-Orchester geweckt. Bei zehn Leuten, die alle zu unterschiedlichen Zeiten rausmüssen, lässt sich das kaum vermeiden. Und wenn es mal nicht die Wecker sind, die einen aufwecken, dann die Geräusche der Abflussrohre, die mitten durch das Zimmer laufen. Die Zeit hier hat uns zu richtigen Abflussrohrexperten gemacht. An den Geräuschen können wir genau sagen, wer wo im Haus pinkelt oder duscht.

Seit gut fünf Wochen wohne ich nun im Keller. Der Asta der Fachhochschule Düsseldorf hat uns Wohnungslosen dieses Lager errichtet, damit wir nicht unter der Brücke schlafen müssen. Zahlen muss jeder nur einmalig 25 Euro. Wie lange wir bleiben, ist quasi egal, nur bis Ende des Jahres sollten wir langsam etwas eigenes gefunden haben. Insgesamt sind wir momentan 17, zehn Jungs, sieben Mädels. Es gibt zwei große Räume, eine Küche, Bäder und Duschen.

Dabei hatte ich mich eigentlich schon recht früh informiert. Ein halbes Jahr vorher fing ich an, mir alles rauszusuchen und mir die Städte anzuschauen, in denen ich mich bewerben wollte. Da aber die Zusage erst eine Woche vor Studienbeginn kam, musste dann doch alles ganz schnell gehen. In Düsseldorf eine Wohnung zu finden, ist in nur einer Woche quasi unmöglich. Zum Glück hat mir ein Typ vom Asta an meinem ersten Unitag von dieser Notunterkunft erzählt. Prompt entschied ich, auch ein Kellerkind zu werden.

Mein erster Gedanke, als ich dann hereinkam: "Wie cool ist das denn?" Es sind zwar nur Kellerräume, wir teilen uns zu zehnt 35 Quadratmeter und die Wände sind weiß, kahl und voller Rohre, aber ich finde es kommt eigentlich nur auf die Mitbewohner an. Und wir sind eindeutig eine tolle Truppe. Die ersten Wochen kam ich mir vor wie im Feriencamp. Morgens wurde gemeinsam gefrühstückt, mittags gekocht und abends dann eine Party geschmissen oder zumindest beisammen gesessen.

In drei Tagen ist es aber endlich so weit. Nach 150 WG-Bewerbungen, mehr als 15 Besichtigungen und einem fünfwöchigen Dasein als Kellerkind ziehe ich in eine richtige Wohnung. Aaron, auch ein Kellerkind, und ich sind gemeinsam fündig geworden. Mein Fazit: Es war eine geile Zeit! Doch nun wird es Zeit zu schlafen und zu lernen."

Aufgezeichnet von Lena Niethammer

"Seit Anfang Oktober wohne ich in einer ehemaligen US-amerikanischen Kaserne in Heidelberg. Das Studentenwerk hat hier mehrere Wohnblöcke angemietet und WGs für Studenten eingerichtet. Die Amerikaner haben aber immer noch ihr Hauptquartier um die Ecke und auf dem Weg zur Uni komme ich jeden Tag an bewaffneten Soldaten vorbei. Unsere Wohnhäuser sind auch noch von einem massiven Sicherheitszaun umgeben.

Am Anfang wirkte das alles natürlich etwas komisch, aber eigentlich ist das kein großes Problem für mich. Skurril finde ich eher die Aufteilung der Zimmer. Früher gab es hier drei Schlafräume und ein großes Wohnzimmer. Jetzt sind hier vier Studenten untergebracht, da sind die Zimmergrößen natürlich sehr ungleich verteilt. Aber in allen Zimmern gibt es riesige Einbauschränke. Und auch die Küche sieht sehr amerikanisch aus und ist ungewöhnlich groß.

Meine Mitbewohner und ich nutzen nur etwa die Hälfte der Schränke, der Rest steht leer - wir haben einfach nicht genügend Küchenutensilien für all den Stauraum. Etwas nervig ist das ganze Improvisieren. Weil die Gebäude sehr kurzfristig als Wohnheime angemietet worden sind, ist vieles noch Baustelle.

Internet gibt es seit Wochen nicht und die Matratzen vom Studentenwerk sind auch noch zu lang für die Bettgestelle. Und warum die Handwerker den eingeplanten Fahrradkeller zugemauert haben, das konnte sich von den Verantwortlichen auch noch niemand erklären. Unsere Räder müssen wir deshalb vorm Haus abstellen. Aber immerhin klaut die niemand, bei unserem Sicherheitszaun."

Aufgezeichnet von Benjamin Jungbluth

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