Studenten-Netze Millionengeschäft mit Weltschmerz und Bikini-Bildern

Hunderttausende angehende Akademiker nutzen inzwischen Internet-Studentenclubs. Der Boom lässt die Betreiber vom großen Geld träumen: Sie kopieren einfach Vorbilder aus den USA - und setzen auf die Lust der Nutzer am Lebenslauf- und Seelen-Striptease.

Von Lukas Bay


Es ist für Studenten schwer geworden, ständigen Annäherungsversuchen ihrer Kommilitonen zu entgehen - zumindest im Internet. Dort sind Netzwerk-Webseiten gerade der Renner. Ständig laden einen Freunde per E-Mail ein, auch mal vorbeizukommen. Ist man erst mal da, weil der Eintritt ja umsonst ist, trifft man Leute, die man ewig nicht mehr gesehen hat. Nebenbei zeigt man Freunden die Fotos vom letzten Urlaub oder debattiert mit Wildfremden über eine neue Weltordnung, und dann sind auch schon wieder drei Stunden vergangen.

Beim Marktführer "Studiverzeichnis" sind den Betreibern zufolge mehr als 500.000 Studenten registriert. Zwei Drittel von ihnen besuchen die Seite täglich. Gründer Ehssan Dariani jubelt: "Wir haben bis zu 10.000 Neuanmeldungen am Tag, und das ohne Werbung." Als der 26-Jährige die Seite Ende 2005 auf den Markt brachte, hatte er nicht mal einen eigenen Internetanschluss. Jetzt hat das Studiverzeichnis ein Büro in Berlin mit 32 Mitarbeitern und einem eigenen PR-Berater - und sie alle trommeln fleißig für die Webseite.

Die größte virtuelle Studentenparty Deutschlands wird derzeit noch auf Pump finanziert. Weil die Seite werbefrei und umsonst ist, müssen andere für die Gehälter aufkommen: unter anderem die Brüder Oliver, Marc und Alexander Samwer. Sie haben Erfahrung mit dem Geschäft im Internet: Die Samwers sind die Gründer des Klingeltonanbieters Jamba, den sie vor zwei Jahren für 273 Millionen Euro verkauft haben.

Hohe Rendite-Erwartung

Auch mit dem Studiverzeichnis wollen die Geschäftsleute hoch hinaus. Man erwarte rund 25 Prozent Rendite, kündigten die Brüder in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" an.

Wie das Geld erwirtschaftet werden soll, ist bisher unklar. Gründer Dariani: "Die Seite bleibt umsonst, und wir werden keine Klingeltöne und keine nervigen Pop-Ups auf die Seite stellen." Stattdessen denke man über "innovative Werbeformen" nach. Die angehenden Akademiker müssen sich womöglich auf subtile Werbung einstellen - erste Vorläufer waren auf der Seite schon zu sehen: Dariani wirbt mit einem "Telegramm" an seine Mitglieder für eine Gruppe zum neuen Album der Band Juli. Das ist bezahlte Werbung, die nicht gleich zu erkennen ist.

Dem Studiverzeichnis bleibt auch immer die Hoffnung auf Übernahme durch ein zahlungskräftiges Großunternehmen. Der YouTube-Kauf durch Google nährt solche Träume.

Die Vorbilder des Netzwerk-Booms kommen aus den USA. Das US-Studentennetzwerk Facebook weist den Weg in die schöne neue Werbewelt: Von Apple über Toyota bis Fox News werben dort etliche Firmen mit eigenen Gruppen. Das Studiverzeichnis ähnelt erstaunlich der US-Seite: Layout und Funktionen erinnern so stark an das Facebook, dass selbst die Macher vom Studiverzeichnis ihre Dateiordner selbstironisch "Fakebook" nennen. Auch die sogenannte "Poke"-Funktion, die übersetzt in etwa "anstupsen" bedeutet und zum Einladen neuer Mitglieder dient, wurde ins Deutsche übertragen - sie heißt hierzulande "gruscheln".

Wer in die USA blickt, erkennt schnell das große finanzielle Potenzial solcher Verzeichnisse. Es gab Gerüchte, dass Yahoo Facebook übernehmen wolle - für eine Milliarde Dollar.

Kein Wunder, dass auch in Deutschen massenhaft Seiten an den Start gehen, die um die Gunst von Studenten buhlen: Unister möchte mit universitärer Intellektualität eine Alternative zum spaßbetonten Studiverzeichnis werden. Studylounge stellt mit einer Chatfunktion vor allem das Flirten in den Vordergrund. Und Nur!Studenten setzt auf eine regionale Strategie mit Veranstaltungstipps.

Anfällig für Daten-Klau

Doch um die US-Erfolgsstory nach Europa zu importieren, müssen Dariani und seine Rivalen auch von den Fehlern der dortigen Vorbilder lernen. Erst kürzlich schafften es dort Studenten des MIT, bei Facebook 70.000 Profile von Mitgliedern herunterzuladen und offline zugänglich zu machen. Der sogenannte Facebook-Skandal erschütterte das Vertrauen der Benutzer, die Sicherheitsbedingungen wurden verschärft.

Diese gibt es beim Studiverzeichnis zum Beispiel bisher gar nicht. Alle Mitglieder können alle Profile abrufen, wenn es der Benutzer nicht anders eingestellt hat. Anders als das vergleichbare Business-Portal OpenBC ist es auch nicht SSL-verschlüsselt. Dariani wehrt sich gegen die Sicherheitsbedenken: "Wir übertreffen sogar die strengen deutschen Datenschutzbestimmungen." Trotzdem heißt es in den Geschäftsbedingungen des Studiverzeichnisses vorsorglich: "Der Betreiber haftet nicht für die unbefugte Kenntniserlangung von persönlichen Nutzerdaten durch Dritte zum Beispiel durch einen unbefugten Zugriff von 'Hackern' auf die Datenbank."

Umfassende freiwillige Freizügigkeit

Bei den Nutzern ist für solche Ängste ohnehin wenig Platz - auf der Seite tummelt man sich in umfassender Freizügigkeit zwischen Bikinifotos und Studenten, die ihr Leben als selbsternannte Existentialisten schildern. Ein Nutzer bringt es auf den Punkt: "Das Studiverzeichnis funktioniert wie eine Sauna - jeder zeigt ein bisschen." Ehssan Dariani sagt: "Besonders Frauen nutzen das Studiverzeichnis." Die sozialen Netze könnten sich langfristig zu einer Alternative zu E-Mail, Telefon, SMS und Fernsehen entwickeln.

Selbstdarstellung ist auf den Seiten Pflicht, denn Kontakte sind hier schneller geknüpft als in der Mensa. Ein Medienmanagement-Student der BiTS Iserlohn hat dies sogar erforscht und bewiesen. Als "Forschungsprojekt" sammelte er im Studiverzeichnis unter dem Künstlernamen Tebis Nador "möglichst viele attraktive Freundinnen".Schon nach kurzer Zeit hatten mehr als 100 völlig fremde Benutzerinnen seine Freundschaftseinladung akzeptiert.

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