Studenten-Oscar Die Killer-Spitzmaus aus Babelsberg

Zwei Kerle wollen eine Frau - da muss es krachen: Mit seinem Kurzfilm über liebestolle Kleinstnager verpasste Tomer Eshed knapp den Studenten-Oscar und landete auf Rang zwei. Die animierte Schlägerei vertonte ein Filmorchester, ein opulenter Soundtrack zum sehenswerten Debüt.


Die Geschichte von Tomer Eshed könnte Stoff für einen Hollywoodfilm sein. Der gebürtige Israeli beschließt nach der Armeezeit, seine Heimat zu verlassen und die Welt zu entdecken. Mit einem Skizzenbuch und einer Gitarre im Gepäck fliegt er nach New York, um sein Glück in den USA zu finden.

Nach mehreren gescheiterten Einstiegsversuchen im Filmgeschäft verliebt er sich auf einer Reise nach Zentral- und Südamerika in eine Deutsche. Zwei Besuche in Deutschland benötigt er, bis für ihn feststeht: "Hier will ich leben."

An der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg (HFF) erkennt man das kreative Potential Esheds. Und mit seinem ersten Film schafft es der in Berlin wohnende Mann überraschend ins Finale um die Studenten-Oscars.

Naturfilm trifft Blockbuster-Action

Was als Vordiplom-Projekt begann, wurde zum Riesenerfolg: Seit der Premiere vor einem Jahr lief Esheds fünfminütiges Debut "Our wonderful Nature" über das Liebesleben der Wasserspitzmäuse auf mehr als 100 Filmfestivals weltweit und wurde unter anderem mit dem "Siggraph Best Well Told Fable Prize" und dem "Short Tiger Award" ausgezeichnet.

Durch Computeranimationen versuchte der 31-Jährige, Tierdokumentation und "American-Blockbuster-Action" zu kombinieren. Figuren erfinden und modellieren, sie bewegungsfähig machen und mit den passenden Tönen unterlegen - ein Jahr Arbeit steckte Eshed in das Projekt. "In dieser Zeit habe ich mich hauptsächlich mit den Prinzipien der Computeranimation beschäftigt", sagt er.

Doch schnell erreichte er das Ende seiner technischen Kenntnisse. "Die Schwierigkeit war, dass ich dem Film einen naturalistischen Look geben wollte", so Eshed. Aber Natur sei in ihren Finessen schwer nachzugestalten. Zum Vordiplom übergab er seinen Dozenten das Werk mit den Worten: "Mehr kann ich in dieser Zeit nicht tun."

Doch der Ehrgeiz ließ den schmächtigen Mann nicht los. Durch die Unterstützung von Freunden setzte er sein Projekt fort: "Es war einfach Glück, dass ich in den richtigen Momenten Menschen getroffen habe, die mir bei meinen Problemen mit der Bildbearbeitung helfen konnten." Durch deren Unterstützung gelang es dem Studenten, seinen Kurzfilm mit einer hollywoodreifen Actionsequenz und der musikalischen Untermalung des Babelsberger Filmorchesters zu perfektionieren.

Lob für die Wahlheimat Berlin

Zwölf weitere Monate harte Arbeit investierte Eshed in den Streifen, der Erfolg belohnte seine Ausdauer. Die HFF lasse ihren Studenten viel Freiraum in der Gestaltung, die finanzielle Unterstützung bei Projekten sei enorm - und das nennt Eshed "keineswegs selbstverständlich".

Im Rennen um den Studenten-Oscar, bei dem 57 Teilnehmer aus 39 Ländern ihre Beiträge eingereicht hatten, trat Eshed gegen vier weitere Finalisten aus Schweden, Großbritannien und Israel für den besten ausländischen Film an. Geschlagen musste er sich am Ende nur dem schwedischen Konkurrenten.

"Enttäuscht, dass ich den Preis nicht erhalten habe, bin ich nicht", sagt der Filmstudent. Nun will er sich auf sein Diplomprojekt konzentrieren. In dem computeranimierten Kurzfilm soll dann eine andere Tierart im Zentrum von Esheds Gestaltung stehen: Er beleuchtet das Leben eines Flamingos, der in einer Herde mit nur homosexuellen Artgenossen lebt.

An politisch brisante Themen, die sein Heimatland Israel betreffen, wagt sich Eshed noch nicht: "Ich habe noch keine klare Aussage zu bestimmten Themen und genau das finde ich an einem politischen Film wichtig, nämlich die Ehrlichkeit und die Aussagekraft." In Berlin hat er jedoch seine zweite Heimat gefunden. "Die Stadt schafft es, nie zu stressig oder zu langweilig zu sein." Hier könne sich jeder das Leben auswählen, das er gern leben möchte.

Deutsche Filmstudenten haben beim Studenten-Oscar oft gut abgeschnitten und mal das Finale erreicht, mal den Preis geholt. Die Liste der deutschen Gewinner:

  • 2008: Reto Caffi für "Auf der Strecke"
  • 2007: Toke Constantin Hebbeln (Berlin) für "Nimmermeer"
  • 2005: Ulrike Grote (Hamburg) für "Der Ausreißer"
  • 2003: Florian Baxmeyer (Hamburg) für "Die rote Jacke"
  • 2000: Florian Gallenberger (München) für "Quiero ser"
  • 1999: Marc-Andreas Bochert (Potsdam) für "Kleingeld"
  • 1998: Thorsten Schmidt (Filmakademie Baden-Württemberg) für "Rochade"
  • 1997: Raymond Boy (Köln) für "Ein einfacher Auftrag"
  • 1994: Katja von Garnier (München) für "Abgeschminkt"
  • 1988: Wolfgang Becker (Berlin) für "Schmetterlinge"

Dania Ringeisen, ddp

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