Deutsche Studenten gewinnen Oscars "Total ausgeflippt"

In Los Angeles werden die Studenten-Oscars vergeben, zum ersten Mal gehen alle drei Preise in der Kategorie "Ausländischer Film" nach Deutschland. Was machen die Nachwuchsregisseure richtig?

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Dustin Loose

Dustin Loose ist in den österreichischen Alpen, als er einen Anruf erhält. Der Empfang ist schlecht, die Nacht ist klar. Loose, ein junger Regisseur aus Deutschland, erkennt an der Nummer nicht, dass es jemand aus den USA ist. Als ihn eine ernste Stimme fragt, was er Mitte September vorhat, wird Loose klar, was der Anruf bedeutet.

In der Leitung ist Shawn Guthrie, der Programmverantwortliche für die Studenten-Oscars. Guthrie sagt, Loose würde einen Preis in der Kategorie "Ausländischer Film" erhalten. "Ich bin erst mal total ausgeflippt", sagt Loose. "Dann bin ich spazieren gegangen. Umgeben von den Bergen bin ich ziemlich schnell wieder runtergekommen."

Am nächsten Tag fragte sich Loose aber, ob er alles nur geträumt hatte. Also rief er in Hollywood an und ließ sich zu Shawn Guthrie durchstellen. Nein, kein Traum.

Mit Loose bekommen an diesem Donnerstag zwei weitere deutsche Regisseure, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, den Studentenpreis. Zum ersten Mal gehen damit alle Trophäen in der Auslandskategorie nach Deutschland. Die Auszeichnung ermöglicht den Nachwuchsregisseuren, ihren Kurzfilm auch für die richtigen Oscars einzureichen, die Ende Februar verliehen werden.

Dass deutsche Filmemacher so erfolgreich sind, ist nicht ungewöhnlich. Erst im vergangenen Jahr holte Lennart Ruff aus München die Trophäe in Gold, und Peter Baumann aus Berlin wurde mit Bronze ausgezeichnet. Unklar ist bislang noch, wer in diesem Jahr mit Gold, Silber oder Bronze geehrt wird. "Mir ist ganz egal, welchen Preis ich bekomme. Es ist eine riesige Ehre, dabei zu sein. Mehr kann man sich nicht wünschen", sagt Dustin Loose.

Seit 1972 werden die Studenten-Oscars in Los Angeles an junge Regisseure von US-Filmhochschulen und aus dem Ausland verliehen. Oft dienen sie den Filmemachern als Sprungbrett. Zu den Preisträgern gehören unter anderem Spike Lee ("Malcom X), Robert Zemeckis ("Zurück in die Zukunft") und John Lasseter ("Findet Nemo"). In diesem Jahr wurden 1686 Filme von 282 US- und 93 internationalen Filmhochschulen eingereicht.

Looses Film "Erledigung einer Sache" handelt von einem jungen Mann, der in einer Psychiatrie seinen Vater treffen will, den er noch nie zuvor gesehen hat. Die Geschichte stammt vom schwedischen Krimiautoren Håkan Nesser. "Irgendwie kam mir diese fünf Seiten lange Erzählung unter die Fittiche", sagt Loose. Er wusste gleich, aus diesem Stoff sollte sein Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg entstehen.

Am schwierigsten sei es gewesen, an Nesser heranzukommen. Mails gingen zwischen London, Stockholm und New York hin und her. Irgendwann hatte Loose die Nummer des Krimiautors, der sofort einwilligte.

Als der Film fertig war, lud Loose Håkan Nesser ein, damit er sich ansehen konnte, was aus seiner Vorlage geworden war. "Er saß im Kino in der ersten Reihe, ich habe mich ganz hinten hingesetzt, weil ich noch was am Ton regeln musste und weil ich Angst davor hatte, wie er reagieren würde", sagt Loose. Nach dem Abspann sprang Nesser auf. Er war begeistert - und Loose erleichtert.

Patrick Vollrath steht in Colorado am Straßenrand, als er von seinem Film "Alles wird gut" erzählt. Der Regisseur ist schon eher in die USA gereist, weil er noch ein Filmfestival besucht hat. Sein Kurzfilm handelt von einem Vater, der seine achtjährige Tochter bei der Mutter abholt. Es ist sein Wochenende. Zuerst geht er mit ihr Spielsachen einkaufen, dann auf ein Amt, das Notfall-Reisepässe ausstellt. Da ahnt der Zuschauer schon, dass hier etwas aus dem Ruder gerät. Irgendwann kippt die Stimmung ganz. Und es wird eine Qual mitanzusehen, wie der Vater in sein Unglück rennt.

Auf das Thema sei er durch einen Zeitungsartikel über ein Sorgerechtsdrama gekommen, sagt Vollrath, der an der Filmakademie Wien studiert hat. "Ich wollte wissen, wie jemand so etwas Schreckliches aus Liebe tun kann." Um sich auf den Film vorzubereiten, hat Vollrath mit Psychologen, Politikern und Eltern gesprochen. Ein halbes Jahr hat er recherchiert. So lange habe es auch gedauert, die richtige Schauspielerin für die Rolle der Tochter zu finden. Sie musste glaubwürdig, empathisch und spontan sein, weil die Dialoge alle improvisiert werden sollten. "So ein Film steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit einer Achtjährigen", sagt Vollrath.

Auch Ilker Catak wird einen Studenten-Oscar erhalten. Sein Kurzfilm "Fidelity" erzählt die Geschichte einer jungen Mutter, die kurzentschlossen einen politischen Aktivisten in Schutz nimmt. Als die Polizei die Frau ausfindig macht und zur Rede stellt, bekommt ihr Mann es mit der Angst zu tun und wirft ihr vor, die Familie in Gefahr zu bringen. "Fidelity" wurde in diesem Jahr bereits, ebenso wie "Alles wird gut", bei den First Steps Awards, die von SPIEGEL TV mitveranstaltet werden, ausgezeichnet.

"In Istanbul kann man es sich nicht leisten, apolitisch zu sein", sagt Catak. "Entweder du bist für Erdogan oder gegen ihn." Auch in seiner Familie, die zum Teil in der türkischen Stadt wohnt, sei das so. "Warum machst du so einen Film, warum mischt du dich ein?", fragten ihn einige seiner Angehörigen dort. Es sei sehr schwer gewesen, der Situation gerecht zu werden. Catak wollte nicht überheblich daherkommen, zugleich wollte er eine ambivalente Geschichte realisieren, eine, in der unklar sei, wer recht hat.

Sucht man bei den Kurzfilmen von Loose, Vollrath und Çatak nach dem gemeinsamen Nenner, dann kommt man auf die Familie. An ihr verdeutlichen die Regisseure die Zerwürfnisse der Welt und das Böse, das sich Menschen physisch und psychisch antun können. Ebenso schaffen sie es, den Zuschauer dazu zu bringen, noch Tage später über die Handlung nachzudenken, vor allem weil sie ihm kein Happy End bescheren, sondern ihm das Ende um die Ohren klatschen. Sie lassen den Zuschauer allein - obwohl das Drama noch nicht überstanden ist, sondern kräftig nachhallt. "Ich möchte den Zuschauer in einem Moment entlassen, wo er noch nicht entlassen werden möchte", sagt Patrick Vollrath über seinen Film.

Der Zuschauer soll Teile davon mit nach Hause nehmen.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
geando 17.09.2015
1. Glückwunsch
Grossen Glückwunsch an alle diese Kandidaten. Es wird eh höchste Zeit, das die deutsche Filmszene wieder mehr Qualität bekommt. Abgesehen davon: mich würde mal interessieren, wieso der Bayrische Rundfunk türkische Filme in türkischer Sprache finanziert?
Karbonator 17.09.2015
2.
Zitat von geandoGrossen Glückwunsch an alle diese Kandidaten. Es wird eh höchste Zeit, das die deutsche Filmszene wieder mehr Qualität bekommt. Abgesehen davon: mich würde mal interessieren, wieso der Bayrische Rundfunk türkische Filme in türkischer Sprache finanziert?
Vermutlich, weil der Regisseur ein Deutscher ist bzw. in Deutschland lebt und arbeitet... und man daher nicht wirklich von einem "türkischen" Film sprechen kann.
produster 17.09.2015
3. Immerhin...
Was sie richtig machen? Nun, sie haben gelernt, sich perfekt anzupassen. Immerhin.
brotherjohn123 17.09.2015
4.
Zitat von produsterWas sie richtig machen? Nun, sie haben gelernt, sich perfekt anzupassen. Immerhin.
Ach ja. Vielleicht haben sie auch einfach nur gute Filme gemacht. Gelingt hierzulande auch nicht jedem. Immerhin.
Oceanic 815 17.09.2015
5.
---Zitat von spon--- Was machen die Nachwuchsregisseure richtig? ---Zitatende--- Sie produzieren keinen SchweigerSchweighöferM'Barek-Shit...
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