Studenten pro Studiengebühren 100 Euro als provokatives Druckmittel

In NRW werfen sie mit Torten nach Abgeordneten, in Hamburg nehmen sie Goldfische als Geiseln - landauf, landab kämpfen Studenten gegen Studiengebühren. Aber nicht überall: In Dresden haben Studenten einen offenen Brief verfasst und machen sich für die Einführung von Studiengebühren stark.


Studentenprotest in Dresden: Gegen Studiengebühren?
DDP

Studentenprotest in Dresden: Gegen Studiengebühren?

"Die TU Dresden ist heute eine leistungsfähige Universität, obwohl sie den einzelnen Studierenden nichts kostet und obwohl sich die Rahmenbedingungen auf Grund einschneidender und unberechenbarer Haushaltssperren stetig verschlechtern. Die aktuelle Politik der Staatsregierung wird den guten Ruf der TU Dresden zerstören." So beginnt ein offener Brief, den 47 Studierende der Technischen Universität Dresden Anfang Juli an den sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt und Wissenschaftsminister Matthias Rößler sandten.

Dass Studierende unzufrieden mit den Hochschulen sind, ist nicht neu. Aber neu an diesem Brief ist, dass die Studenten auch eine Gegenleistung ihrerseits anbieten: Studiengebühren. "Es bringt nichts, immer nur dagegen zu sein", sagt Jens Bemme, Initiator und Verfasser des Briefes. "Wir wollten auch etwas bieten. Dafür fordern wir, dass die Hochschulpolitiker endlich das tun, was wir von ihnen erwarten."

Hochschulen in der Klemme

Die sächsischen Universitäten und Fachhochschulen sind in den letzten Monaten massiv unter Druck geraten. Wegen drastisch gesunkener Steuereinnahmen verhängte die Landesregierung einen Einstellungsstopp und verschärfte die bereits bestehende Haushaltssperre. Das bedeutet für die Universitäten, dass ihnen 40 Prozent der bereits zugesagten Mittel nicht mehr zur Verfügung stehen und auslaufende Stellen nicht mehr besetzt werden dürfen. Derzeit haben Staatsregierung und Rektoren die Verhandlungen über den umstrittenen "Hochschulkonsens" aber wieder aufgenommen.

100 Euro haben Jens und seine 47 Mitstreiter als mögliche Zahlung pro Semester angegeben - vor allem als provokatives Druckmittel. "Wenn wir etwas für unsere Bildung zahlen, dann können wir auch bestimmte Forderungen stellen", so Bemme.

In ihrem Brief fordern er und seine Mitstreiter "eine integrierte und detaillierte Hochschulkonzeption für den Freistaat Sachsen, die diesem Namen gerecht wird". Vor allem solle man mehr in Bildung investieren, damit das Niveau der Hochschulen gehalten werde: "Es kann doch nicht sein, dass mitten im Jahr Einstellungsstopps verhängt werden und daher Vorlesungen und Tutorien ausfallen."

Auch in anderen Bundesländern gab es in den letzten Monaten hitzige Diskussionen über Studiengebühren. In Nordrhein-Westfalen hatte sich die rot-grüne Landesregierung letztlich doch gegen die Einführung einer Verwaltungsgebühr von 50 Euro entschieden - aber für Langzeit-Studiengebühren von 650 Euro pro Semester. Dagegen hatte es immer wieder heftige Proteste und Streiks von Studenten gegeben.

Großer Aufschrei: "Du bist der Verfasser?"

In Hamburg steht ein neues Hochschulgesetz vor der Einführung, das ebenfalls Studiengebühren zur Folge hätte. Aus Protest nahm der AStA der Uni Hamburg drei Goldfische als Geiseln. Die sollen sterben, falls das Gesetz in Kraft tritt.

Demonstrierende Studenten: Gegner melden sich eher
AP

Demonstrierende Studenten: Gegner melden sich eher

Jens Bemme fällt mit seinem Brief nach Ansicht vieler den Gebührengegnern in den Rücken. Bevor der Student ihn veröffentlichte, erhielt er fast nur positive Resonanz. Seinen gesamten Fachbereich und Freundeskreis bat er um Unterschrift, vielfach mit Erfolg. Nach der Veröffentlichung am 2. Juli war der Aufschrei jedoch groß, Jens Bemmes Name wurde auch außerhalb der TU Dresden bekannt. "Du bist der Verfasser?" Nicht selten kommen Kommilitonen jetzt mit entsetztem Gesichtsausdruck auf den 24-jährigen Verkehrswirtschaft-Studenten zu.

"Meist melden sich eher die Gegner", so Bemme. Und die werfen den Verfassern des offenen Briefes unter anderem vor, der Politik Munition geliefert zu haben - nach dem Motto: "Seht her, auch Studenten finden Studiengebühren gut, sie haben es schließlich selbst vorgeschlagen!" In einer Stellungnahme unter den gesammelten Reaktionen, die Jens Bemme ins Netz gestellt hat, heißt es gar: "Ihr habt der studentischen Sache massiv Schaden zugefügt. Ihr solltet euch schämen!"

"Nö, mach ich nicht", sagt dazu Jens Bemme. "Ich stehe zu meiner Meinung." Schließlich sei der Brief eine persönliche Stellungnahme und nicht als Patentlösung gedacht.

Von Ministerpräsident Milbrandt kam bisher keine Reaktion. Die sächsische PDS-Fraktion jedoch hat Bemme einen Brief geschrieben: Man begrüße die Debatte um die Zukunft der Hochschulen. Die Idee der Einführung von Studiengebühren jedoch könne man nicht unterstützen, weil Kinder aus sozial schwachen Familien der Zugang zum Studium dadurch noch mehr erschwert würde.

Vom Rektor der TU Dresden hat Jens Bemme ebenfalls eine persönliche Mail erhalten: Ihm gefalle die Diskussion, und er wolle sich bald mal mit dem Studenten persönlich zusammen setzen. Bisher ist Bemme damit zufrieden. "Damit haben wir erst einmal erreicht, was wir wollten - eine Diskussion lostreten."

Meike Werkmeister



Forum - Studiengebühren - ein Gewinn für die Unis?
insgesamt 1557 Beiträge
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Seite 1
Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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