Studenten sammeln Spenden Almosen für die Alma mater

Keine Kohle mehr von Kirche und Staat: Wirtschaftsstudenten der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt reichen den Klingelbeutel herum - unter ihren Kommilitonen. Für Studiengebühren sind sie deshalb noch lange nicht.

Von Stefan Küpper


Gebührengegner (in Düsseldorf): "Prostitution für Bildung"
FEDERICO GAMBARINI / DDP

Gebührengegner (in Düsseldorf): "Prostitution für Bildung"

Das Konto mit der Nummer 1626225 bei der MLP-Bank liegt derzeit mit rund 10.500 Euro im Plus - nicht schlecht für ein studentisches Sparschwein: Es gehört dem Studentischen Förderverein der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Ingolstadt (WFI). Die Gelder haben Professoren, Eltern und nicht zuletzt die Studenten selbst in rund einem Monat überwiesen.

Die Sammelaktion ist zugleich als Protest gedacht: Da der bayerische Staat und die katholische Kirche die Mittel für die Wirtschaftswissenschaftler der Katholischen Universität erheblich gekürzt haben, gründeten 17 Ingolstädter Studenten Ende letzten Jahres einen Förderverein.

Spendensammler Nikolay Kolev: "Nicht auf den Staat verlassen"

Spendensammler Nikolay Kolev: "Nicht auf den Staat verlassen"

Unter dem Motto "Demonstrieren und Investieren" machen sie gegen die Einsparungen Front. Und setzen sich damit gegen andere Protestformen ab: Bei Eiseskälte medienwirksam in die Eichstätter Altmühl zu springen oder Lehrstühle auf dem Ingolstädter Marktplatz zu versteigern sei zwar in Ordnung, meinen die Initiatoren.

Sie wollen aber konstruktiver sein, so Nikolay Kolev, Wirtschaftsstudent im dritten Semester und Pressesprecher des Vereins. Der gute Ruf der WFI sei durch die Kürzungen bedroht und pragmatische Selbsthilfe am sinnvollsten, "nicht um den Staat zu entlasten, sondern um das Level zu halten". Dabei geht es den Spendensammlern allein darum, die Lehre zu unterstützen.

Ihre Idee: Wer sich finanziell an der Ausbildung der Wirtschaftswissenschaftler beteiligen will, ob Student, Professor oder Unternehmen, bezahlt pro Semester freiwillig einen beliebigen Betrag in den Fonds des Vereins ein. Laut einer fakultätsinternen Umfrage ist die Bereitschaft vorhanden, monatlich rund 15 Euro zu entrichten. Vier Professoren und fünf Studenten bilden einen Ausschuss, der darüber entscheidet, wo die Geldspritze am sinnvollsten angesetzt wird. Die ersten Spenden will der Verein verwenden, um einen Tutor, neue Bücher und Betriebssysteme zu bezahlen.

Bayerns Bildungsminister Thomas Goppel: Keine Schützenhilfe für den Gebührenfan
DPA

Bayerns Bildungsminister Thomas Goppel: Keine Schützenhilfe für den Gebührenfan

Nicht alle Mitstudenten sehen die Sammelaktion mit Wohlwollen. Katharina Schrader, Jung-Sozialistin (JuSo) im Eichstätter Studenten-Konvent, lehnt die Ingolstädter Initiative ab. "Im Moment und generell ist das ein total falsches Signal", sagt die Politikstudentin.

Auf der einen Seite protestiere man gegen die vom Kabinett beschlossene Verwaltungsgebühr von 50 Euro pro Semester, und auf der anderen Seite bezahle man freiwillig. "Die unterlaufen die studentische Solidargemeinschaft", meint das Juso-Mitglied. Und: Der Förderverein liefere Schützenhilfe für Bayerns Bildungsminister Thomas Goppel, der allgemeine Studiengebühren einführen will.

Der Protest könnte also den Gebührenbefürwortern in die Hände spielen, obwohl dies der Förderverein nicht will. "Was der Staat hergibt, sollte man auf jeden Fall mitnehmen. Aber kann man sich auf ihn verlassen?", verteidigt Kolev das Projekt. Für die Einführung von Studiengebühren sei er nicht: "Wenn überhaupt, dann nur mit einem geeigneten Modell", sagt Kolev.

Gegner wollen Sammler teeren und federn

Jens Bemme von der Technischen Universität Dresden kennt diese Diskussion. Er und 46 Kommilitonen hatten im Juli 2002 mit einem offenen Brief an die sächsische Staatsregierung ihre Mitstudenten entzweit. Darin erklärten sie sich bereit, 100 Euro pro Kopf und Semester zu bezahlen, wenn sich im Gegenzug die Studienbedingungen verbesserten. Die Gegner der Initiative riefen auf Plakaten sogar dazu auf, Bemme zu teeren und zu federn.

In der Folge der Briefaktion entstand das "Unternehmen Selbst!beteiligen" (USB). Bemme und zwei Mitstreiter begannen mit Erfolg, Gelder für längere Öffnungszeiten der Sächsischen Staats- und Landesbibliothek zu sammeln. Über den Erfolg der Ingolstädter Initiative "freut er sich total". Er gibt allerdings zu bedenken, dass es schwierig werden könnte, das Engagement des Vereins dauerhaft hoch zu halten.

Nikolay Kolev und seine Mitstreiter suchen unterdessen weiter nach zahlenden Mitgliedern. Außerdem bemüht man sich in Ingolstadt, Unternehmen für das Projekt zu gewinnen. Die Initiatoren hoffen, dass der Kontostand von 162 62 25 so weiterhin im Plus bleibt.



Forum - Studiengebühren - ein Gewinn für die Unis?
insgesamt 1557 Beiträge
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Seite 1
Don LoC, 12.04.2005
1. Studiengebühren müssen an den Unis bleiben!
Das immer wieder vorgetragene Hauptargument gegen Studiengebühren ist die dadurch angeblich massive auftretende soziale Auswahl. In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass die soziale Auswahl bereits viel früher statt findet, nämlich im Vorschulalter und den folgenden ersten Schuljahren. Verglichen mit anderen Industrienationen (die Studiengebühren haben!) hat DL nämlich eine relativ geringe Anzahl von Studenten aus "sozial schwachen" Schichten, trotz gebührenfreiem Studium. Die Studienbedingungen, das kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen, sind derzeit relativ miserabel, zumindest in den Massenstudiengängen wie Jura, BWL usw. 130 Student in einem Seminarraum mit max. 40 Plätzen, das war leider mehr die Regel als die Ausnahmen. Hier können Studiengebühren helfen, allerdings müssen diese an eine Reihe von strikten Bedingungen geknüpft sein: 1. Studiengebühren müssen komplett an der jeweiligen Hochschule verbleiben, kein Stopfen von öffentlichen Haushaltslöchern! 2. Wettbewerb unter den Hochschulen: Die HS müssen die Höhe ihrer Studiengebühren selbstständig bestimmen können. 3. Es MUSS ausreichend Finanzierungs- und Förderungsmodelle geben, so dass jeder, der studieren will, dies auch kann. Gruß, LoC
DJ Doena 12.04.2005
2.
@Don Loc Ihr 1.) wird dann von den Länderfinazministern (LFM) dann so unterlaufen werden, als dass sie nicht die Studiengebühren antasten, aber im gleichen Maße einfach die Bezuschussung zurückfahren. Und damit stopfen sie inoffiziell doch wieder ihre Haushaltslöcher, nur wird es den LFMs schwer nachzuweisen sein.
Don LoC, 12.04.2005
3. Ok...
Ein guter Punkt. Selbstverständlich darf auf keiner Ebene weiter an der Bildung herumgekürzt werden. Aber es liegt schon nahe, dass der ein oder andere es versuchen wird. Also müssen wir aufpassen wie die Luchse ;) Gruß, LoC
DanielaMund, 12.04.2005
4.
Würde den irgendwer für die derzeitigen Studienbedingungen zahlen? Schon heute ist in bestimmten Fächern der Besuch von privaten Repetitorien Usus, da die deutschen Universitäten nicht gut genug ausbilden. Da a) ich nicht dran glaube, dass die erzielten Gelder den Universitäten zugute kommen b) selbst wenn, amerikanische First-Class-Universitäten einen ca 10 mal höheren Etat haben, wird es sich eher lohnen, in den USA, der Schweiz, GB,... zu studieren, als hier zu zahlen. Und wenn man kein Geld hat, wer soll einem dann Kredit geben, selbst wenn man wirklich clever ist? Ich hätte mir kein Studium leisten können, und Stipendien sind Mangelware (im Gegensatz zu den USA).Damit auch sozial schwächere studieren können, bleiben also nur nachgelagerte Studiengebühren, und die Steuerprogression sollte doch eigentlich die Kosten für ein Studium decken. Und jetzt geh ich erst mal in ein anderes Forum, um mit der Software zu spielen, damit ich das ganze besser ordnen kann....
Reimer, 12.04.2005
5.
Studiengebühren sind meiner Meinung nach (als Student) ein Gewinn für die Studenten. Wenn ich einen Studiengebühr zahle, so darf ich auch eine Leistung verlangen. Leider entspricht meine Vorstellung vom Preis/Leistungsverhältnis nicht der Realität :)
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