Studenten und Abiturienten Mehrheit findet Stipendienvergabe ungerecht

Geld gibt's für die Besten, nach dieser Devise sollen mehr Stipendien an Studenten gehen. Wer aber sind die Besten? Noten allein dürfen nicht den Ausschlag geben, fordern Studenten und Schüler einer Umfrage zufolge. Sich selbst halten die meisten für völlig chancenlos.

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DDP

Geht es bei der Vergabe von Stipendien gerecht zu? Und wer soll das Geld bekommen - nur die leistungsstärksten Studenten oder Kommilitonen, die das Geld wirklich brauchen? Eine Untersuchung zur "Studienfinanzierung 2010" zeigt große Skepsis gegenüber Stipendien: 77 Prozent der Abiturienten und 84 Prozent der Studenten fordern, dass bei der Stipendienvergabe neben Noten auch andere Kriterien berücksichtigt werden, vor allem die sozialen Verhältnisse und das soziale Engagement der Studenten.

Das ergab die Studie "Großer Bedarf - wenig Förderung. Studienfinanzierung 2010" des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Reemtsma Begabtenförderungswerks. Im Februar wurden rund 3400 Abiturienten und Studenten befragt. Die Ergebnisse belegten "Schwächen der Stipendienvergabepraxis" anhand der Erfahrungen und Einschätzungen der Studenten und Schüler, so das Allensbach-Institut.

Das Bundeskabinett hatte am Mittwoch in Berlin beschlossen, ein Nationales Stipendienprogramm zu starten. Nach einigen Jahren sollen rund 200.000 leistungsstarke Studenten Stipendien von 300 Euro bekommen - unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sprach dabei vom Start in eine neue Stiftungskultur.

Heftige Kritik an schwarz-gelben Plänen

Zum Kabinettsbeschluss vom Mittwoch hagelte es allerdings Kritik an den Stipendien-Plänen: Opposition und Gewerkschaften kritisierten "Klientelpolitik" und "Geldgeschenke für die Kinder reicher Eltern". Es ist indes ein bisher ungedeckter Scheck, für den Bund und Länder nur zu jeweils einem Viertel aufkommen wollen. Die andere Hälfte soll die Wirtschaft übernehmen und für das Stipendienprogramm, so hoffen es Schavan und NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP), rund 300 Millionen Euro lockermachen. Und das jährlich - sofern die Pläne jemals in diesem Umfang umgesetzt werden. Höchst skeptisch zeigte sich die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA). Die Förderung von Studenten sei "keine originäre Aufgabe der Unternehmen", so die BDA.

Quantensprung oder Murks?

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Auch Studentenvertreter, SPD und Grüne, Gewerkschaften und renitente Stipendiaten der großen Begabtenförderungswerke sprachen sich gegen die schwarz-gelben Pläne aus. Mehr Geld für Stipendiaten nütze vor allem Kindern aus Akademikerfamilien, so die Kritiker. Sinnvoller sei es, die Mittel Studenten aus einkommensschwachen Familien zu geben, um ihre Studienchancen zu erhöhen. Eine Erhöhung des Bafög und der Eltern-Freibeträge hat die Bundesregierung ebenfalls beschlossen, allerdings lediglich um zwei Prozent.

Die Kritiker der Stipendienpläne befürchten zudem, dass Stipendien in erster Linie Studenten in einzelnen Fächergruppen zugute kommen, etwa in den Ingenieur-Disziplinen, Jura und Wirtschaftswissenschaften. Wegen des hohen Anteils, den Unternehmen und andere Privatspender übernehmen sollen, könnte es auch starke regionale Schieflagen geben. Daneben warnen die Hochschulrektoren vor lokal verankerten Stipendien als Mobilitätsbremse - weil Studenten bei einem Uni-Wechsel das Stipendium nicht einfach mitnehmen können. Die Hochschulen wiederum weisen darauf hin, dass der hohe Aufwand bei der Einwerbung der Mittel und bei der Stipendiatenauswahl sie überfordern könnte.

Die Bedenken, Stipendien nützten überwiegend Kindern aus wohlhabenden Elternhäusern, decken sich laut Allensbach-Untersuchung mit den Ansichten eines großen Teils der Schüler und Studenten. 52 Prozent der befragten Abiturienten und 43 Prozent der Studenten sind der Meinung, dass Kinder aus Arbeiterfamilien in ihren Chancen auf ein Stipendium benachteiligt sind. Der Studie zufolge deckt sich das mit den Erfolgsbilanzen bei Bewerbungen: Bei Kandidaten aus Akademiker- und Selbständigen-Haushalten habe etwa jede zweite Bewerbung Erfolg, bei Kandidaten aus bildungsfernen Familien nur jede dritte.

Nur jeder sechste Abiturient glaubt an seine Stipendienchance

Eine deutliche Mehrheit allerdings bewirbt sich gar nicht erst - weil man sich selbst für ohnehin chancenlos hält. Der Umfrage zufolge rechnen zwar zwei Drittel der studierwilligen Abiturienten mit Problemen, ihr Studium zu finanzieren. Doch nur 16 Prozent planen, sich für ein Stipendium zu bewerben. Die meisten schätzen ihre Erfolgsaussichten als "eher gering" oder sogar "sehr gering" ein.

Die Zahl der Stipendiaten gibt den Skeptikern unter den jungen Erwachsenen recht: Bisher erhält nur rund ein Prozent der deutschen Studenten ein Stipendium der großen Begabtenförderungswerke, von der Studienstiftung des deutschen Volkes bis zu den Stiftungen, die von Parteien, Kirchen, Arbeitgebern und Gewerkschaften getragen werden. Nimmt man alle Stipendiengeber in Deutschland zusammen, sind es immer noch deutlich unter zwei Prozent der Studenten, die Stipendien bekommen.

Neben herausragenden Leistungen in Schule und Studium erwarten die großen Studienstiftungen auch politisches, gesellschaftliches oder soziales Engagement sowie, je nach Ausrichtung, eine gewisse weltanschauliche Nähe. Wie wichtig ihnen ein Horizont über das Fachliche hinaus ist, betonen die Förderwerke stets sehr stark.

Real allerdings kommen praktisch durchweg Einserschüler und -Studenten zum Zuge. Und auch die Analyse der sozialen Herkunft von Stipendiaten ergibt ein überaus klares Bild: Studenten aus akademisch geprägten Elternhäusern bleiben weitgehend unter sich, junge Leute aus Arbeiter- und Einwandererfamilien erreichen die Förderung meist gar nicht erst - es ist eine Inzucht der Eliten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Sephiroth, 22.04.2010
1. Kann es Zufall sein...
dass die meisten Stipendianten aus wohlhabenden Familien stammen ?
Moreo 22.04.2010
2. ...
Die Vergabe der Stipendien war schon immer ein schwieriges Thema. Ich habe leider keine Lösung dazu, möchte aber auf einen bestimmten Punkt eingehen, der mich selbst betraf: Während meines Studiums habe ich mich vielfältig sozial engagiert, sprich: Fachschaftsmitglied, Studentenvertreter, Gründer einer großen Peer-to-Peer Arbeitsgruppe, Vorstandsmitglied in der studentischen Bundesvertretung meines Fachs, Leitung eines bundesweiten Studentenarbeitskreises, etc. Das alles habe ich sehr gerne gemacht, und es wäre völlig gelogen wenn ich behaupten würde, dass ich nicht auch selbst dadurch profitiert hätte. Das geleistete Arbeitspensum ist zu groß, um es irgendwie noch vernünftig erfassen zu können - es war jedenfalls sehr sehr viel. Geld oder irgendeine andere Sachleistung habe ich nie dafür bekommen. Aber mal weitergedacht: Was Sozialkompetenz angeht hätte ich auf keine andere Art und Weise mehr Lernen können - und die vielfältigen Kontakte haben mir im Nachhinein einen hervorragenden Jobeinstieg ermöglicht. Mein heutiger Chef hatte eine vakante Stelle, und kannte mich noch vom Studium, als ich ihn damals für die Verwirklichung eines Projekts um Hilfe bat. Das muss irgendwie hängen geblieben sein, jedenfalls rief er mich nach meinem Abschluss an, und bot mir die Stelle an. Man bekommt also durchaus auch was zurück, wenn man viel ins System investiert hat. Was hat das mit dem Thema zu tun? Stipendien für soziales Engagement! Das betrachte ich nach wie vor sehr kritisch - ich selbst habe das für mich stets abgelehnt. Denn: Wer Geld bekommt, ist erstens abhängig, und zweitens könnte dies Leute auf solche Posten locken, die nicht mit "Leib und Seele" dahinter stehen - und sich nur wegen des Stipendiums engagieren. Darunter würde die ganze Arbeit leiden. Bei allem was man tut könnte man sich dem Vorwurf der Käuflichkeit ausgesetzt sehen. Es hätte dann ein "Gschmäckle", wie die Schwaben sagen würden. Von daher plädiere ich für Stipendien, die sich sowohl nach Noten, aber auch nach Finanzschwächen richten - denn da können sie wirklich einiges bewirken. Stipendien für sozial Engagierte: Nein. Ich sehe da wesentlich mehr Nachteile als Vorteile.
flocki 22.04.2010
3. Erstaunliche Übereinstimmung
Es sollen die besten 10% der Studenten gefördert werden. 85% der Studenten sind dagegen, die restlichen verteilen sich vermutlich auf die 10% der aktuell Besten und die, die denken, dass sie es schaffen können. Dass jemand, der bei Förderung nach Leistung auf jeden Fall aus dem Raster fällt, sich einen anderen Verteilschlüssel wünscht, ist klar. Und sich den Arbeitsaufwand, den die großen Studienstiftungen für ein Stipendium fördern, nur wegen 80 Euro Büchergeld antun? Dann doch lieber 2 Stunden in der Woche einer Beschäftigung mit Bezug zum Studium nachgehen. Bringt fachlich was und man hat danach genausoviel Geld.
systemfeind 22.04.2010
4. Oberschichtkinder
Zitat von sysopGeld gibt's für die Besten, nach dieser Devise sollen mehr Stipendien an Studenten gehen. Wer aber sind die Besten? Noten allein dürfen nicht den Ausschlag geben, fordern Studenten und Schüler einer Umfrage zufolge. Sich selbst halten die meisten für völlig chancenlos. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,690636,00.html
ich bin auch ein Oberschichtkind und musste hart für mein Geld arbeiten ^^ Die Welt ist echt gemein . Ich finde jeder Trottel sollte gefördert werden . Wirklich jeder . In Hamburg haben sich die linksliberalen Eltern ( Logenbrüder , RA`s , spd Bosse ect pp ) in Eppendorf verschanzt und schützen ihren Gym wellnessbereich mit allen legalen + illegalen Mitteln . NOCHMAL für spon zum MITSCHREIBEN FREIMAURERLOGENKLÜNGELUNDSPDCDUGRÜNE kapiert ? jetzt dürft IHR euren Senf dazu geben
lorn order 23.04.2010
5. was ist daran neu?
Vor 25 Jahren war ich mal Kandidat bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ich habe das Stipendium nicht bekommen, und man sagte mir auch bei der Begründung, ich hätte es ja wohl nicht so nötig wie andere. Es war dem Professor aus der Stiftungskommission nicht entgangen, dass ich zum Auswahlseminar mit dem dicken BMW meines Vaters angereist war. Schon damals gab es also auch soziale Auswahlkriterien.
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