Studenten und Holocaust Die lästige NS-Vergangenheit

Jeder dritte Student will sich nicht länger mit dem Nationalsozialismus beschäftigen und einen Schlussstrich ziehen - aber ebenfalls jeder dritte weiß nicht einmal, wann der Zweite Weltkrieg begann. Das haben Essener Forscher ermittelt. Sie attestieren einem erheblichen Teil der Studenten "sekundären Antisemitismus".

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Martin Walser, Kanzler Schröder: Der Schriftsteller und die "Moralkeule"
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1998 gab Martin Walser den Anstoß zu einer Debatte, die Politik und Kultur monatelang beschäftigte: Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels forderte Walser ein Ende der "Dauerpräsentation" der nationalsozialistischen Vergangenheit. In seiner Dankesrede kritisierte der Schriftsteller die "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken" und die "Meinungssoldaten mit vorgehaltener Moralkeule"; dafür erhielt Walser in der Frankfurter Paulskirche lauten Beifall.

Vor allem Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, wehrte sich vehement. "Geistige Brandstiftung" warf er Walser vor. Ein großer Teil der Bevölkerung, auch der Intellektuellen, wolle mit der NS-Vergangenheit endlich Schluss machen und nur noch nach vorn schauen, konstatierte Bubis, der 1999 starb, enttäuscht.

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Die Walser-Bubis-Debatte bildete den Ausgangspunkt zu einer Studie Essener Forscher, die jetzt veröffentlicht wurde. Der Erziehungswissenschaftler Klaus Ahlheim und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Bardo Heger befragten über 2000 Studenten über ihre Einstellung zur Beschäftigung mit der NS-Herrschaft. Das Ergebnis: 36 Prozent neigen zur "Schlussstrich-Mentalität"; einem beträchtlichen Teil der Studenten attestieren die Forscher gar "sekundären Antisemitismus".

"Die unbequeme Vergangenheit - NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeiten des Erinnerns" heißt die Essener Untersuchung. Mehr als ein Drittel der Studenten stimmen der Aussage zu, es werde Zeit, dass "unter die nationalsozialistische Vergangenheit ein Schlussstrich gezogen wird". Das meinen nach anderen Umfragen zwar sogar 63 Prozent der west- und 52 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung, aber die hohe Zustimmung bei Studenten halten die Forscher dennoch für bedenklich. Sie orten einen deutlichen Trend: Der Anteil der Schlussstrich-Befürworter sei im Laufe der neunziger Jahre offenbar deutlich gewachsen - vor allem unter jüngeren Studenten.

Zur Schlussstrich-Forderung gesellt sich der Wunsch, die Deutschen sollten "endlich wieder ein gesundes Nationalbewusstsein entwickeln; andere Nationen mit dunklen Kapiteln in ihrer Geschichte können das schließlich auch". 61 Prozent stimmen dieser Aussage zu. Die unbequeme Erinnerung an die Vergangenheit steht diesem Bedürfnis offenbar deutlich im Wege. "Noch vor zehn Jahren hätte man solche Forderungen in studentischen Kreisen kaum diskutieren können", meint Klaus Ahlheim.

Den klassischen, plumpen Antisemitismus entdeckten die Essener Wissenschaftler bei den Studenten recht selten: Lediglich vier Prozent unterstellen den "meisten Juden", sie hätten "nichts anderes als Geschäfte im Kopf"; drei Prozent hielten es "für die Deutschen am besten, wenn alle Juden nach Israel gehen". Damit spiele die "klassische Rechtsaußen-Position nur eine untergeordnete Rolle", so Ahlheim.

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Der Erziehungswissenschaftler sieht allerdings eine neue Form des Antisemitismus, die "vordergründig korrekt" auf traditionelle antijüdische Vorurteile weitgehend verzichtet: 20 Prozent der Studenten werfen Juden vor, sie verstünden es "ganz gut, das schlechte Gewissen der Deutschen auszunutzen". Und 17 Prozent meinen, viele Juden versuchten, "aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen".

"Sekundären Antisemitismus" nennen die Forscher das: "Man fühlt sich durch die Erinnerung an den Holocaust von 'den Juden' gestört, belästigt, behindert, wähnt sich gar selbst dauerhaft verfolgt und reagiert darauf mit antijüdischem Affekt", kommentieren Ahlheim und Heger die seltsame Umkehrung.

Echtes Kopfzerbrechen bereiten ihnen die Bildungslücken der Befragten aus allen Fakultäten, von Ingenieuren über Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler bis zu Pädagogen und Historikern. In den über 50 Vorlesungen, bei denen die Forscher ihre Fragebögen verteilten, offenbarten sich schwache Geschichtskenntnisse. Immerhin wissen 96 Prozent der Studenten, was Auschwitz war; 91 Prozent können auch das Kriegsende korrekt datieren.

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Doch bei der Frage nach dem Kriegsbeginn geben 31 Prozent das falsche Jahr an. Was die Nürnberger Gesetze bedeuteten, wissen 71 Prozent nicht, und bei der Frage nach der Wannsee-Konferenz müssen gar 77 Prozent passen. Den größten Einfluss auf das Wissen über den Nationalsozialismus haben der Untersuchung zufolge weder die Schule noch das Fernsehen, die Eltern oder das Studium - als wichtigste Informationsquelle werden Bücher genannt.

Den Kenntnisstand der Studenten findet Klaus Ahlheim nicht gerade ermutigend. Der 60-jährige Erziehungswissenschaftler beschäftigt sich schon seit Jahren mit der Erinnerungskultur in Deutschland. Er ist sicher, dass die Untersuchung repräsentativ ist: Mit über 2000 Befragten sei die Stichprobe recht groß, dass Fächerspektrum der Studenten breit, und zudem unterscheide sich die Essener Hochschule nicht wesentlich von anderen deutschen Unis. Für auffällig hält Ahlheim vor allem, dass "ausgerechnet die über zu häufige Konfrontation mit der NS-Vergangenheit klagen, die am wenigsten darüber wissen".

Klaus Ahlheim ortet ohnehin einen klaren Trend zur Entpolitisierung der Studenten, den auch andere Untersuchungen zeigen: "Die Studierenden sind insgesamt ausgesprochen materiell orientiert, die Schlussstrich-Befürworter besonders stark. An Ökologie haben nur noch wenige Interesse, Solidarität ist ihnen fremd, die Vergangenheit lästig", so sein Fazit.



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