Uni-Loser über alte Witze Fragt jemand, wie spät es ist. Sagt der Student: Dezember!

Studenten sind Langschläfer mit langen Haaren. Manche glauben das noch immer. Hier die Universität, dort die arbeitende Bevölkerung - doch das ist längst Vergangenheit, findet Uni-Loser Felix Dachsel. Ein paar gute Campuswitze gibt es trotzdem.

Lange Haare, trotzdem fleißig: Studentin in Hamburg bei der Langen Nacht der Hausarbeiten
DPA

Lange Haare, trotzdem fleißig: Studentin in Hamburg bei der Langen Nacht der Hausarbeiten


Warum war Jesus ein Student? Weil er lange Haare hatte und immer, wenn er etwas tat, dann war das ein Wunder.

Wie funktioniert so ein Studentenwitz?

Zum einen - wie jeder Witz - durch unerwartete Wendungen in der Pointe, durch Überraschungen. Zum anderen aber durch gemeinsame Vorurteile. Über Ostfriesenwitze lacht man nur, wenn man die Vorurteile über Ostfriesen kennt (nicht sehr schlau). Beamtenwitze sind nur lustig, wenn man der Meinung ist, Beamten seien faul. Ein Witz ist oft ein humorvoll zugespitztes Ressentiment.

Das Vorurteil, das zum Verständnis der Jesus-Pointe grundlegend ist, heißt: Studenten sind lichtscheu, antriebslos, verwahrlost, ungepflegt, manchmal gar eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Der Studentenwitz ist die friedliche Variante der Mehrheitsgesellschaft, mit ihrer Wut auf Andersartigkeit umzugehen.

Der Studentenwitz erlaubt einen Blick in die deutsche Geschichte

Dabei schreitet die Produktion neuer Witze langsamer voran als die Veränderung der Gesellschaft. Der Student, über dem im Fall des Jesuswitzes gelacht wird, ist der Student der sechziger, siebziger und vielleicht noch der achtziger Jahre. Es ist nicht der optimierte Bachelorstudent von heute. Wir können mit diesem Witz in die Vergangenheit der Bundesrepublik schauen. In eine Zeit, in der es lebensgefährlich sein konnte, Student zu sein.

Das Ressentiment, das sich heute in Studentenwitzen zuspitzt, bereitete damals das Klima, in dem es zum Attentat auf Rudi Dutschke und zum Tod von Benno Ohnesorg kommen konnte. Der Graben zwischen dem Land und seinen Studenten war bedrohlich tief. Auf der einen Seite der Volkszorn und die Boulevardpresse, die Jagd auf Studenten machte. Auf der anderen Seite Universitäten, an denen man über den Umsturz diskutierte.

Was sie schreiben, was sie meinen

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Dieser Graben markierte jedoch nicht allein politische und weltanschauliche Differenzen, er entstand auch durch Missgunst und Neid gegenüber studentischer Lebensführung. Die sogenannte hart arbeitende Bevölkerung beobachtete mit großer Skepsis jenen Teil des Landes, der sich über Jahre und Jahrzehnte im Halbdunkel von Wohngemeinschaften und Bibliotheken herumtrieb, ohne im verbreiteten Sinne produktiv zu sein.

Ohnesorg, Dutschke, Wasserwerfer, Mao-Kongress

Dieser Graben ist verschwunden, während es ihn noch gibt. Verschwunden ist er, weil sich Studieren heute, in Zeiten von Creditpoints und Anwesenheitspflicht, dem Zwangscharakter der Arbeitswelt annähert. Deshalb ist es auch sehr gestrig, wenn der Fernsehmoderator Markus Lanz seine Zuschauer begrüßt mit: "Guten Abend, meine Damen und Herren, guten Morgen, liebe Studenten." Oder wenn man auf die Frage, warum Studenten um sieben aufstehen, antwortet: Weil der Supermarkt um acht zumacht. Das ist die alte Bundesrepublik: Ohnesorg, Dutschke, Wasserwerfer, Mao-Kongress. Das hat wenig zu tun mit der Universität von heute, mit Karrieremessen und Lebenslaufseminaren.

In den Köpfen gibt es diesen Graben aber noch. Der Hass auf Studenten ist abrufbar. Studieren als Selbstzweck, ohne direkte Orientierung in die kapitalisierte Arbeitswelt, ist auch heute ein Wert, der nicht mehrheitsfähig ist. Die Studenten stehen unter dem ständigen Rechtfertigungsdruck gegenüber jenen, die arbeiten.

Mit den Reformen von Bologna, die eine Ökonomisierung des Studiums vorantrieben und die Universität in die Zwänge der sogenannten hart arbeitenden Bevölkerung eingliederten, hat der Studentenhass, der Ohnesorg und Dutschke ins Grab brachte, einen späten Sieg davon getragen.

Zum Abschluss ein Witz. Ich find' ihn ganz gut.

"Liebe Eltern," schreibt der Student, "ich habe schon lange nichts mehr von Euch gehört. Schickt mir doch einen Scheck über 500 Euro, damit ich weiß, dass es Euch gut geht."


WELCHE STUDENTENWITZE KENNEN SIE?

Corbis

Der Student, das lichtscheue, antriebslose, verwahrloste, ungepflegte Wesen - oder der durchoptimierte Karrieredurchstarter: Worüber können Sie lachen? Mailen Sie uns ihre besten Studentenwitze bitte an spon_unispiegel@spiegel.de oder posten Sie sie bei Twitter mit dem Hashtag #UniLacher.

(Einsendung gilt als Einverständnis zur Veröffentlichung)


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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
klausmaus 11.03.2014
1. Als Student
des Chemisch-biologischen Ingenieruwesens stelle ich vermehrt fest, dass es nicht die Umwelt ist, welche mit Studentenhass aufwartet. Die meisten Leute aus meinem "arbeitenden Umfeld" (wobei ich und viele andere Studenten auch nebenbei Arbeiten z.B. Werkstudent) reagieren eher mit Respekt und Achtung bzw. positiver Zustimmung gegenüber einem schweren Ingenieursfach. Viel schlimmer sind die Studenten in meinem Studiengang selbst. Die Techniker verachten die reinen Naturwissenschaftler weil die am Leben vorbei sind. Alle technisch oder NaWi geprägten Fächer machen sich über Studenten der Philosophischen Fakultät lustig (wobei hier teilweise wirklich an 2-3 von 5 Tagen keine Vorlesung stattfindet). Usw usw. Insofern ist die Verachtung mittlerweile innhalb der Studenten, welche glauben ihr Studium ist schwer und wird auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt, gegenüber den Andren, welche eher weniger Arbeitsmarkt und Industrierelevante Studiengänge belegen, am grössten.
HarrySe 11.03.2014
2.
Zitat von klausmausdes Chemisch-biologischen Ingenieruwesens stelle ich vermehrt fest, dass es nicht die Umwelt ist, welche mit Studentenhass aufwartet. Die meisten Leute aus meinem "arbeitenden Umfeld" (wobei ich und viele andere Studenten auch nebenbei Arbeiten z.B. Werkstudent) reagieren eher mit Respekt und Achtung bzw. positiver Zustimmung gegenüber einem schweren Ingenieursfach. Viel schlimmer sind die Studenten in meinem Studiengang selbst. Die Techniker verachten die reinen Naturwissenschaftler weil die am Leben vorbei sind. Alle technisch oder NaWi geprägten Fächer machen sich über Studenten der Philosophischen Fakultät lustig (wobei hier teilweise wirklich an 2-3 von 5 Tagen keine Vorlesung stattfindet). Usw usw. Insofern ist die Verachtung mittlerweile innhalb der Studenten, welche glauben ihr Studium ist schwer und wird auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt, gegenüber den Andren, welche eher weniger Arbeitsmarkt und Industrierelevante Studiengänge belegen, am grössten.
Das heißt ja nicht, dass die Studenten der Philosophischen Fakultät nichts machen. GeWi ist viel lesen und das macht man zu hause oder in der Bibliothek. Ich stelle aber auch fest, dass die Studiengänge untereinander lustig machen. Das Bild, des faulen Studenten, der erst nachmittags aufsteht, ab und zu mal zu Vorlesungen geht und jeden Abend feiert, ist stark verankert. Das mag vielleicht beim Diplom so gewesen sein (wobei ich das auch nicht so richtig glaube). Ich denke das sind immer wenige Studenten, die nicht richtig studieren und lieber feiern, die das Bild des Studenten prägen.
abu_kicher 11.03.2014
3. Der
...ist sicherlich genausowenig der Totalstreber kurz vor dem Burnout, wie frühere Studenten langhaarige, kiffende Faulpelze waren. Ich denke, es gibt auch heute noch genug Studenten, die eine gute und entspannte Zeit haben - Bachelor hin oder her. Aber Journalisten tendieren halt immer zur Vereinfachung... ;)
MünchenerKommentar 11.03.2014
4.
Man muss sich immer vor Augen halten, dass die Studenten diejenigen sein werden, die in 10 oder 15 Jahren den Laden am Laufen halten und dafür sorgen, dass es uns allen in Deutschland verhältnismäßig gut geht. Dazu braucht es nun mal neue Ideen, Kreativität und "über den Tellerrand blicken". Häme gegenüber Studenten war schon immer und ist auvch heute noch deswegen völlig fehl am Platze.
stubborn 11.03.2014
5. Lanz' Spruch:
Geklaut. Ist ein alter WDR-Mittagsmagazin-Klassiker: "Guten Tag meine Damen und Herren, guten Morgen liebe Studenten"
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