Studentenjob Gerichtszeichner Den Verbrecher im Profil

Wer von Martin Burkhardt gezeichnet wird, der steht mit einem Bein im Knast. Der Mannheimer Student für Kommunikationsdesign arbeitet als Gerichtszeichner. Ein Job mit eingebautem Grusel-Effekt.

Von Britta Mersch


Vor zehn Jahren soll der Installateur und Bauzeichner Harry Wörz seine Frau mit einem Wollschal gewürgt haben. Sie entkam nur knapp dem Tod. Die Frau leidet bis heute unter einem Hirnschaden, kann die Tat nicht schildern und nichts über den Mörder sagen. Wörz selbst beteuert seine Unschuld, doch die Richter sprechen ihn 1998 schuldig. Das Urteil: Er muss für elf Jahre in Haft.

Sieben Jahre später, im Oktober 2005, wird der Fall erneut verhandelt. Es gibt nicht genügend Indizien dafür, dass Wörz die Tat begangen hat. Das Landgericht Mannheim spricht ihn frei. Bis heute hat man den Täter, der die 26-Jährige Polizistin würgte, nicht gefunden. Verdächtige gibt es unter den Kollegen. Auch sie sagten vor Gericht aus.

Martin Burkhardt erlebte den Prozess vor zwei Jahren live mit. Er war als Gerichtszeichner im Saal und illustrierte den Prozess für einen Fernsehsender. "Im Saal sind keine Kameras erlaubt", sagt der 25-Jährige, "deswegen zeigen die Medien gemalte Bilder, wenn sie über Gerichtsverhandlungen berichten." Mit Filzstiften, Aquarellen und Zeichenbögen hält Martin Burkhardt die Prozesse so detailliert wie möglich fest. Den Blick richtet er auf Kleinigkeiten, die einen Fall außergewöhnlich machen.

Einen Blick fürs Detail entwickeln

Im Prozess von Harry Wörz war das die Anspannung im Gesicht des Angeklagten: "Er hatte einen regelrechten Verhandlungsmarathon hinter sich", sagt Martin Burkhardt, "und das war ihm deutlich anzusehen." Die Illustrationen zeigen den Mann in Großaufnahme. Er wirkt ausgemergelt, müde und nachdenklich. Im Fall Harry Wörz stand Martin Burkhardt vor einer besonderen Herausforderung. Die Fernsehdokumentation, für die der Student die Zeichnungen angefertigt hatte, zeigte auch reale Bilder des Angeklagten: "Die Bilder mussten ihm sehr ähneln."

Im Gerichtssaal hat Martin Burkhardt einen festen Platz: "Die beste Sicht habe ich, wenn ich ganz außen in der ersten Reihe sitze", berichtet der Student, "von dort aus kann ich gut überblicken, was im Gerichtssaal passiert." Er sieht das Gesicht der Zeugen von der Seite und kann die Mimik der Richter verfolgen: "Ich versuche, die Situation so einzufangen, wie man sie auch fotografieren würde", sagt Burkhardt.

In einem anderen Fall waren die Fußfesseln des Angeklagten das Besondere. Dem so genannten "Ausbrecherkönig" Gheorghe Axane war zweimal die Flucht aus der JVA Mannheim gelungen. Während des Prozesses galt deshalb Alarmstufe rot: "Überall waren Polizisten", erinnert sich Martin Burkhardt, "selbst auf dem Dach des Gerichts." Die Illustrationen zum Prozess zeigen den Angeklagten mit Bart, Fusselhaaren und Fußfesseln. Die Polizisten um ihn herum hat Martin Burkhardt nur schemenhaft gezeichnet: "Bei ihnen ging es mehr um ihre Funktion als um ihr Aussehen", sagt der Student.

Oft bleibt schlicht keine Zeit, alle Personen im Saal ausführlich zu zeichnen. Schnelligkeit ist gefragt, wenn Martin Burkhardt einen Prozess illustriert. Für ein Bild hat er manchmal nur wenige Minuten Zeit. Er arbeitet deshalb mit einfachen Mitteln und einer ausgefeilten Technik: "Mit Aquarell fülle ich schnell große Flächen", sagt der Zeichner, "mit feinen Filzstiften zeichne ich die Details."

Ein Problem, mit dem Martin Burkhardt nicht alleine da steht. Er hat prominente Vorbilder. Mona Shafer portraitiert in Hollywood Promis vor Gericht:Mel Gibson, Catherine Zeta-Jones, Michael-Jackson. Die Promi-Zeichnerin wartet auf den dramatischen Moment - wenn jemand schreit oder zusammenbricht.

Ganz so dramatisch sind die Szenen, die Martin Burkhardt zeichnet, nicht. Aber auch er sucht das Besondere in den Prozessen. Den Job als Gerichtszeichner macht Martin Burkhardt seit drei Jahren. Bekommen hat er ihn zufällig: "Ein Regionalsender hat eine Anfrage an unsere Hochschule gestellt", sagt der Student, "und da habe ich mich sofort beworben."

In seinem ersten Fall ging es um einen versuchten Mord an einem Motorradfahrer. Ein Autofahrer wollte ihn von der Straße abdrängen. Burkhardts Zeichnungen zeigen den Angeklagten und den Richter. "Allerdings habe ich bei den ersten Bildern aus dem Gericht einen Fehler gemacht", gibt Martin Burkhardt zu. Sie sind weniger farbenfroh und haben einen weißen Hintergrund: "Das kommt im Fernsehen nicht gut rüber." Heute sind die Zeichnungen farbenfroher. Sie zeigen die Richterin mit roten Haaren, die blaue Jacke einer Zeugin und die grünen Uniformen von Polizisten.

"Manchmal läuft mir ein Schauer über den Rücken"

Und die Taten? Nimmt es den Studenten nicht mit, wenn er bei seiner Arbeit von Mördern, Dieben und Verbrechern umgeben ist? "Teilweise passieren schon heftige Sachen", sagt Martin Burkhardt. Etwa im Fall Harry Wörz. Da spielte das Gericht den Mitschnitt eines Telefonanrufes vom Vater des Opfers ein. Aufgezeichnet worden war er direkt, nachdem dieser seine gewürgte Tochter gefunden hatte: "Da läuft einem schon mal ein Schauer über den Rücken." Mittlerweile gelingt es Martin Burkhardt ganz gut, die Verbrechen auszublenden: "Ich höre zwar zu, aber bilde mir keine Meinung über den Angeklagten", sagt er, "sondern konzentriere mich auf meine Illustrationen."

Die Gerichtszeichnungen sind nicht das einzige, was Martin Burkhardt illustriert. Im vergangenen Jahr hat er für das Nationaltheater Mannheim Plakat und Programmheft für das Stück "Max und Moritz" entworfen. In den kommenden Wochen beschäftigt sich der Student mit seiner Diplomarbeit. Da geht es auch um Verbrecher – aber nur im weitesten Sinn. Martin Burkhardt illustriert ein Bilderbuch über Piraten: "Die Gerichtszeichnungen sind zwar spannend", sagt Martin Burkhardt, "zum Hauptberuf mache ich sie aber nicht."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.