Studentenmagazin "Zenith" Der Orient jenseits bärtiger Mullahs

Wenn die Studentenzeitschrift "Zenith" über den Orient schreibt, bleibt weder Platz für klischeehafte Romantik noch für Schwarzmalerei. Alle drei Monate liefern die jungen Blattmacher Bissiges und Hintergründiges auf Hochglanzpapier.

Von Anke Schwarzer


Orient-Kitsch: Die Zeitschrift "Zenith" bietet mehr
GMS

Orient-Kitsch: Die Zeitschrift "Zenith" bietet mehr

Terror-Netzwerke, verschleierte Frauen, palästinensische Selbstmordattentäter - die Medien sind voll davon. Zu kurz kommen dabei in der Regel die anderen Facetten des Orient, finden Studenten aus Hamburg und Berlin. Sie geben das Magazin "Zenith" heraus und wollen diese Lücke damit schließen. Die meisten der rund 15 Jung-Redakteure studieren Islamwissenschaft, manche auch Politologie, Geschichte oder Journalistik.

Die Hefte bieten ein Mosaik aus bunten Themen und politischen Analysen: ein Bericht über die Herstellung von koscherem Wein in Israel, ein Porträt des palästinensischen Karikaturisten Naji al-Ali, der in London auf offener Straße ermordet wurde, ein Artikel über das Münchner Geiseldrama von 1972 und die antisemitischen Klischees der Anti-Imperialisten damals.

"Zenith - der höchste Sonnenstand - lässt die Schatten kürzer werden, zeigt stärkere Kontraste, wirft Licht dorthin, wo wenig Klarheit ist", sagen die jungen Redakteure. Der Untertitel lautet "Zeitschrift für den Orient". Dieser schillernde, aber auch provokative Begriff sei bewusst gewählt worden, so Christian Meier, einer der Blattgründer. Die Redaktion begreife den Orient nicht als kulturelle Einheit, so wie es oft in der westlichen Betrachtung geschehe, aber auch nicht als klaren geographischen Begriff.

Wo fängt der Orient an, wo hört er auf? Die Studenten sind hier ganz offen: "Das können wir nicht sagen, möglicherweise fängt er bereits neben unserer Haustür an", sagt Meier.

Schwerpunkt sei aber der Nahe Osten und Nordafrika, so der 26-jährige Student der Islamwissenschaft. Bei einem heißen Eisen wie dem israelisch-palästinensischen Konflikt bleibt Streit in der Redaktion nicht aus: "Inhaltliche Konflikte gibt es bei uns ständig, aber wir sehen das als etwas Positives." Das Magazin habe keine einheitliche Linie, oft seien gegensätzliche Kommentare in den Ausgaben zu finden. Damit wolle man die Leser überraschen und nicht immer das präsentieren, was erwartet werde.

"Schöner als typische AStA-Blätter"

Ausländische Studenten arbeiten bislang nicht in der Redaktion mit, zuweilen werden aber Texte aus dem arabischen Raum übersetzt. Auch Stimmen aus persisch- und hebräischsprachigen Medien haben auf der Presseseite ihren Platz. Reportagen versetzen den Leser auf den unbequemen Rücken eines Kamels oder in die farbenfrohe Unterwasserwelt des Roten Meeres.

Cheb Khaled kennen viele: "Zenith" porträtiert auch weniger bekannte Künstler
REUTERS

Cheb Khaled kennen viele: "Zenith" porträtiert auch weniger bekannte Künstler

Das 60 Seiten-Heft bietet auch Hintergrundberichte - zum Beispiel Beiträge über Umweltschutz am Persischen Golf oder darüber, was muslimische Gelehrte zum Thema Gentechnik zu sagen haben. Daneben verschafft es den Lesern einen Einblick in die Welt der arabischen Popstars und die Belletristik aus dem orientalischen Raum. Die Länderpalette reiche vom Senegal bis nach Pakistan, sagt Meier. Mit der großen Bandbreite soll das Magazin sowohl Fachleute als auch interessierte Laien ansprechen.

Sechs Studenten gründeten die Zeitschrift vor drei Jahren,weil sie die Fachkenntnisse vieler Journalisten für lückenhaft und die Orient-Berichterstattung für klischeereich hielten. "Außerdem wollten wir gerne etwas Größeres und Schöneres machen als die typischen Asta-Blätter", erzählt Meier. Auf Hochglanzpapier und in Farbe präsentiert das Magazin Berichte und Reportagen, die Vorurteile abbauen sollen, ohne die vorhandenen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Missstände in der Region schönzureden.

Tschador, Burka, Schleier: Vorurteile abbauen, ohne Misstände schönzureden
AP

Tschador, Burka, Schleier: Vorurteile abbauen, ohne Misstände schönzureden

Die Auflage von 5000 Heften wird mit Anzeigen und Förderabonnements finanziert. Die Redakteure arbeiten allesamt ohne Bezahlung. "Wir haben unseren eigenen Praktikumplatz geschaffen", sagt Meier. Drei, vier Wochen vor dem Redaktionsschluss leide das Studium sehr, aber dafür lernten sie viel über journalistisches Arbeiten, Layout und Vertrieb. Somit versteht sich "zenith" nicht nur als Medium, sondern auch als Trainingslager für junge Leute mit dem Berufsziel Journalismus.

Die nächste Ausgabe erscheint Ende Dezember. Wer nicht mehr so lange warten möchte, kann sich auf der "Zenith"-Homepage umschauen. Dort gibt es, was das Heft nicht leisten kann: Aktualität. Ein weiterer Service sind Hinweise auf Kulturveranstaltungen und wissenschaftliche Vorträge.




© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.