Studentenprotest in Kairo Aufstand der jungen Facebook-Revoluzzer

Die Revolution in Ägypten ist eine Bewegung der Jungen: Aus einer schweigenden, resignierten Jugend ist eine politische geworden, soziale Netzwerke haben den Wandel beschleunigt. Die deutsche Gaststudentin Christina Schmitt beschreibt, wie der Protest cool wurde - und warum er weitergehen wird.

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"Wir werden nicht aufhören, bis Mubarak verschwindet", sagt Abdel Rahman Hennawi am Samstagmittag. "Ich werde gleich wieder zum Befreiungsplatz fahren und weiter demonstrieren." Der 21-jährige Student der amerikanischen Universität in Kairo war in den vergangenen Tagen fast ausschließlich mit den Protesten beschäftigt. Auch jetzt, nachdem die Polizei verschwunden sei, werde es kein Nachlassen geben, sagt er. Die Stimmung unter den jungen Menschen in Kairo ist nach den Massenprotesten am Freitag angespannt. "Es geht jetzt um alles, wir alle sind besorgt, wie es weitergehen wird", sagt Abdel Rahman.

Zuvor war an allen wichtigen Punkten in Kairo die Polizeipräsenz verstärkt worden, auch an der Uni. Am Donnerstag hatten die Studenten der Kairo-Universität noch Klausuren geschrieben. Sofort danach wurden sie von Sicherheistbeamten des Geländes verwiesen. "Die Stimmung ist hier so angespannt wie noch nie", berichtet auch eine Geschichtsstudentin. Vor der Universität stünden drei Lastwagen der Polizei, seit Stunden sei auch die Feuerwehr präsent. "Sie haben Angst, dass sich die Studenten in Gruppen sammeln könnten", glaubt sie.

Jetzt ist es cool, gegen die Regierung zu sein

Noch vor den Demonstrationen am Dienstag waren sich die Organisatoren der Proteste ungewiss, wie viele Menschen tatsächlich auf die Straße gehen würden. "Viele Jugendliche waren unpolitisch. Sie haben zwar die Probleme im Land gesehen, aber nichts gemacht", sagt Abdel Rahman. Er selbst habe schon an vielen Protesten teilgenommen und auch selbst welche organisiert, aber noch nie hat er so viel Resonanz erlebt wie in den letzten Tagen: "Aus einer resignierten, verängstigten Jugend ist eine politische geworden."

Eine der Hauptursachen für die Mobilisierung der Studenten sieht Omer Emam, 21, Student an der Kairo-Universität, in der Organisation über Facebook und Twitter. "Ich habe die Bilder der Demonstrationen vom Dienstag auf Facebook gesehen und mich geärgert, dass ich nicht dabei war. Vielen Jugendlichen ging es genauso. Dadurch ist ein richtiger Flow entstanden", erklärt der Student. Nun sei es cool, gegen die Regierung zu sein und seine Meinung bei den Protesten zu äußern.

"Wir haben uns zuvor vor allem über Facebook und Telefon organisiert", erzählt Abdul Rahman. Nur dadurch hätten die Proteste überhaupt so groß werden können. Auch deshalb hatte die Regierung in der Nacht zum Freitag sowohl Internet als auch Mobilfunknetze lahmgelegt. "Wir haben es natürlich trotzdem geschafft, die Menschen nach den Freitagsgebeten zu mobilisieren. Sie sind wütend und wissen nun, dass sie etwas bewegen können - auch ohne Facebook", sagt er nun.

"Die Plünderungen machen mir Angst"

Nun hat sich die Polizei zurückgezogen, die Regierung ist aufgelöst und das Militär hat übernommen. Panzer und Soldaten sind in der ganzen Stadt präsent. "Ich wollte eigentlich heute demonstrieren gehen, aber meine Mutter hat mich gebeten, zu Hause zu bleiben", sagt Omer Emam. Es herrsche Ausnahmezustand und eine große Verunsicherung unter den Jugendlichen, wie es nun weitergehen werde. "Die Menschen in Kairo haben geplündert, so viel sie konnten. Das macht mir Angst, ich fühle mich nicht mehr sicher", sagt er.

Abdel Rahman hingegen will weitermachen. Und die meisten seiner Freunde, sagt er, wollen das auch. "Die Regierung hat immer noch keine Lösung angeboten", sagt er. "Doch bis das geschieht, wird es weiter gehen, bis dahin werden wahrscheinlich weiter Menschen bei den Protesten sterben. Aber wir können und wir wollen einfach nicht mehr zurück."

Die Autorin ist Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und absolviert gerade einen Sprachkurs in Kairo.

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Seite 1
archie, 29.01.2011
1. Antwort
Zitat:"Wir haben es natürlich trotzdem geschafft, die Menschen nach den Freitagsgebeten zu mobilisieren." Siehst du den Widerspruch? Religiös und Aufstand, wie soll das gehen?
gambio 29.01.2011
2. Murks
Zitat von sysopDie Revolution in Ägypten ist eine Bewegung der Jungen: Aus einer schweigenden, resignierten Jugend ist eine politische geworden, soziale Netzwerke haben den Wandel beschleunigt. Die deutsche Studentin Christina Schmitt beschreibt, wie der Protest cool wurde - und warum er weitergehen wird. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,742435,00.html
Man sollte das Internet nicht mit Social Media verwechseln. Weder Facebook noch Twitter haben irgendeinen Einfluss auf die Geschehnisse in Aegypten selbst. Ebenso wenig gibt es die in den letzten Tagen vielzitierte "Facebook-Generation".Facebook ist nicht mehr als eine künstlich gepushte Datingböre für sexuell Gestörte und Unterversorgte. Twitter ist nicht mehr als eine Klatsch- und Tratsch Seite die überwiegend der Werbung dient und beide zusammen sind nur Modeerscheinungen die sich irgendwann haben.
wbieber 29.01.2011
3. Social Media und Revolutionen
Dank Social Media sind uns Umbrüche wie die von Tunesien und Ägypten näher als andere zuvor. Die Revolution wird zwar noch immer nicht auf Facebook entschieden, aber es schafft zumindest nachhaltige Solidarität (http://www.theeuropean.de/eberhard-lauth/5538-social-media-und-revolutionen).
torsten79 29.01.2011
4. Bitte speichern Sie Ihr Posting...
Zitat von gambioMan sollte das Internet nicht mit Social Media verwechseln. Weder Facebook noch Twitter haben irgendeinen Einfluss auf die Geschehnisse in Aegypten selbst. Ebenso wenig gibt es die in den letzten Tagen vielzitierte "Facebook-Generation".Facebook ist nicht mehr als eine künstlich gepushte Datingböre für sexuell Gestörte und Unterversorgte. Twitter ist nicht mehr als eine Klatsch- und Tratsch Seite die überwiegend der Werbung dient und beide zusammen sind nur Modeerscheinungen die sich irgendwann haben.
...und holen es in wenigen Jahren noch einmal hervor. Dann dürfen Sie öffentlich um Entschuldigung bitten. Sie haben offensichtlich gar nichts verstanden...
avollmer 29.01.2011
5. Besteht wirklich Hoffnung?
Zitat von torsten79...und holen es in wenigen Jahren noch einmal hervor. Dann dürfen Sie öffentlich um Entschuldigung bitten. Sie haben offensichtlich gar nichts verstanden...
Besteht wirklich Hoffnung, dass Menschen, die es bis jetzt nicht kapiert haben, es jemals kapieren? Wer meint, der relevante Teil von Facebook oder Twitter wäre die Website im PC-Browser, der hat doch ein derartiges Brett vorm Kopf und so dicke Scheuklappen daneben, dass kein Dünnbrettbohrer da durch kommt. Da muss man doch vollständig daneben stehen und es nur vom Hörensagen kennen. Dann beschränkt sich die Wahrnehmung auf "Britney Spears twittert" oder "60-jähriger Päderast tarnt sich als 13-Jährige auf Facebook". Soll sich diese Erkenntnis in 10 oder 20 Jahren wandeln? Ein Welt-BILD sich verändern?
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