Studentenproteste Ein gestiefelter Max tanzt auf dem Tisch

Es sollte eine ruhige Pressekonferenz nach turbulenten Tagen in Leipzig sein - doch dann vollführte ein Student mit Wut-Wallungen einen Veitstanz auf den Papieren von Margret Wintermantel. Die Rektoren-Präsidentin diskutierte mit den Studenten, aber die Gräben bei der Bachelor-Reform sind breit.

Margret Wintermantel (am Dienstag in Leipzig): Von Studenten verfolgte HRK-Präsidentin
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Margret Wintermantel (am Dienstag in Leipzig): Von Studenten verfolgte HRK-Präsidentin


Eine sonderbare Szene in den Rektoren-Räumen in Berlin-Mitte: Max kann schon nach ein paar Sätzen von Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), nicht mehr an sich halten und brüllt los: "Das macht mich alles wahnsinnig wütend, die Zustände in den Unis sind doch haarsträubend." Seine Generation, das seien die "Fachidioten von morgen", die "organisierte Inkompetenz". Mit rotem Kopf klettert er auf den Konferenztisch und trampelt in Wanderschuhen und Ringelpulli auf Papieren herum, während die HRK-Vorsitzende um Fassung ringt.

Eigentlich wollte die HRK-Präsidentin eine reguläre Pressekonferenz in Berlin abhalten - doch die Wut der Studenten hatten sie und ihre Rektorenkollegen dabei unterschätzt. Etwa 40 junge Leute stürmen am Mittwoch die Veranstaltung in Berlin-Mitte und machen ihrem Ärger Luft, vorneweg der besonders zornige junge Student namens Max.

Seit Wochen demonstrieren Studenten in ganz Deutschland lautstark für bessere Bildung und Korrekturen am System der Bachelor- und Masterstudiengänge. Sie klagen über zu viel Stoff und Prüfungen in dem neuen System, eine zu starke Verschulung und zu wenig Freiheit beim Studieren. Die Protestler gehen für mehr Geld und Reformen im Bildungssystem auf die Straße, halten Hörsäle besetzt und mischen nun auch Pressekonferenzen auf.

Überall wütende Studentengesichter

Schon in den vergangenen Tagen traf die HRK-Präsidentin zweimal unfreiwillig mit Studenten zusammen, als sich die HRK in Leipzig zu ihrer Mitgliederversammlung trafen. Am Montag besetzten Demonstranten das Foyer des Rektorats, Studenten sagten, sie hätten mit Wintermantel gesprochen. Sie selbst sagte danach, man habe sie angeschrien. Am Dienstag wurde es bei einer Pressekonferenz im Leipziger Neuen Rathaus erneut laut: Studenten stürmten die Pressekonferenz, und Wintermantel reagierte gereizt. Die HRK zu attackieren sei "das Letzte", verärgert über die von den Bundesländern verschuldete Unterfinanzierung der Hochschulen rief sie den Studenten zu: "Was sollen wir tun - eine Bank überfallen?"

Die Rektoren sind sich uneins, wie sie auf die Studentenproteste reagieren sollen. Manche halten jede Art von Entgegenkommen für falsch und fordern deutliche, harte Antworten anstelle von demonstrativem Verständnis - die HRK solle die Länder an ihre Pflichten erinnern und stärker herausstellen, dass die Bologna-Reform keineswegs ein Fehlschlag sei, sondern von den Hochschulen fast durchweg schnell und gut umgesetzt worden sei.

Zurück in Berlin hoffte Wintermantel nach den turbulenten Tagen in Leipzig wohl auf etwas Ruhe - und schaute am Mittwoch nur wieder leicht perplex in wütende Studentengesichter. Während seine Kommilitonen den gestiefelten Max davon überzeugten, dass Veitstänze vor der HRK-Chefin auch eher nicht zum Ziel führen, bemühte sich Wintermantel, die Wogen zu glätten.

Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge sei die "tiefgreifendste Reform der vergangenen Jahrzehnte" an Hochschulen, sagte Wintermantel. Probleme an der einen oder anderen Stelle seien nicht zu vermeiden, aber die Bilanz sei insgesamt gut. Sie habe auch ein "gewisses Verständnis für jugendlichen Übermut".

Die Psychologin lächelt: "Schon gut. Kein Problem"

Und so geht es nach dem Veitstanz von Max weiter: Weniger laut klagen die anderen Studenten im Saal ihr Leid, beschweren sich über mangelnde Mitsprache an den Hochschulen, ungerechte Bafög-Regularien, Probleme beim Uni-Wechsel und vollgepackte Stundenpläne, die keine Freiheit ließen, nach eigenen Interessen zu studieren. Wintermantel hört zu und diskutiert und räumt hin und wieder ein, manche Argumente müssten sie und ihre Kollegen ernst nehmen und "da rangehen". Und sie vergisst nicht, wie schon in der HRK-Erklärung vom Dienstag, auf die mitschuldigen Länder zu verweisen.

Deren Vorgaben für die Bachelor- und Masterstudiengänge seien teils überreguliert und müssten gelockert werden. Außerdem fordert sie mehr Geld aus den Ländern für die Hochschulen. Nur so könnten die Studienbedingungen verbessert werden. "Wir brauchen dringend kleinere Seminare", sagt sie - die Studenten applaudieren zum ersten Mal.

Selbst Max beruhigt sich am Ende, steht - inzwischen mit normaler Gesichtsfarbe - draußen auf dem Flur und sagt, er sei zufrieden, dass Wintermantel sich auf eine Diskussion eingelassen habe. Als die HRK-Chefin an ihm vorbeiläuft, sagt er, er könne auch etwas niveauvoller debattieren. Die studierte Psychologin Wintermantel lächelt milde, tätschelt ihm den Arm und sagt: "Schon gut. Kein Problem."

Für die Sitzung der Kultusminister am 10. Dezember in Bonn haben die Studenten weitere Proteste angekündigt - nicht auf Tischen, sondern wieder auf der Straße.

cht/ddp

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