Uni-Dozent als Demo-Panda Polizisten, schmust mit mir 

In einem Pandakostüm marschiert der Philosophiedozent Julien Villeneuve auf Studentendemos im kanadischen Québec mit. Der drollige Aufzug soll die Polizei besänftigen. Um seine Studenten zu beschützen, geht Villeneuve zum Liebesangriff über und knuddelt die gepanzerten Ordnungshüter.

Mario Jean/ madocstudio.com

SPIEGEL ONLINE: Seit Februar demonstrieren Studenten in Québec gegen die geplante Erhöhung der Studiengebühren, es kam dabei auch zu Krawallen. Sie marschieren als "Anarchopanda" verkleidet mit und umarmen Polizisten, um sie zu besänftigen. Lassen die das mit sich machen?

Villeneuve: Ich frage immer zuerst. Keiner sagt ja, aber wenn jemand ein bisschen zögert, dann versuche ich es einfach und schaue, was passiert. Am Anfang sind sie etwas steif, und viele bleiben angespannt, aber manche Polizisten schmelzen auch in meinen Armen. Natürlich wollen sie sich vor ihren Kollegen nicht gehenlassen, aber ich spüre das.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal was auf die Bärenschnauze bekommen?

Villeneuve: Ein paar Stockschläge und Stöße habe ich abbekommen. Ich kann in dem Kostüm nicht gut sehen und auch nicht weit rennen. Aber bisher wurde ich nicht ernsthaft verletzt. Mit den Studenten springt die Polizei rauer um.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben seit Monaten nicht mehr unterrichtet, weil Ihre Studenten streiken. Warum nutzen Sie die Zeit nicht, um ihre Forschungsarbeit voranzutreiben?

Villeneuve: Ich kann nicht zu Hause bleiben, während meine Studenten da draußen Schläge abkriegen. Zuerst habe ich eine Gruppe von Dozenten rekrutiert, und wir haben uns unter die Studenten gemischt. Wir wollten Gewalt verhindern, aber das hat nicht geklappt. Wir haben genauso viel abbekommen wie die Studenten, Tränengas, gebrochene Rippen... Immer mehr Kollegen sind abgesprungen. Ich habe überlegt, wie ich sonst helfen kann, und schließlich auf Ebay China das Pandakostüm bestellt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ausgerechnet ein Panda?

Villeneuve: Ich habe mir auch Elefanten, Teddybären und andere Kostüme angeschaut, aber die waren sehr teuer. Als ich den Panda gesehen habe, hat es sofort gefunkt. Er war hübsch, günstig und sah recht robust aus. Außerdem bin ich ein Anarchopazifist, und deren Farben sind zufällig auch Schwarz und Weiß. Anfang Mai war ich auf meiner ersten Demo als Anarchopanda.

SPIEGEL ONLINE: Passt ein Pandakostüm zu den ernsten Anliegen der Studenten?

Villeneuve: Es geht mir nicht darum, ein Maskottchen zu sein. Das Kostüm ist eine Strategie, um die Studenten zu schützen. Die Stadt Montréal und die Landesregierung von Québec haben neue Regeln erlassen, die spontane Proteste verbieten. Außerdem dürfen Demonstranten ihre Gesichter nicht mehr mit Masken verhüllen. Die Geldstrafen sind astronomisch hoch!

SPIEGEL ONLINE: Dann ist auch Ihr Pandakostüm illegal?

Villeneuve: Die Polizei hat mich davor gewarnt, dass ich festgenommen werden könnte. Ich habe gesagt, wenn ihr Gewissen das von ihnen verlangt, dann sollen sie das machen. Doch bisher ist nichts passiert.

SPIEGEL ONLINE: Ein kanadischer Komiker und ein Komponist haben sogar ein Lied über die Panda-Auftritte bei Demos geschrieben. Wissen Ihre Kollegen von Ihrem Bärenaufzug?

Villeneuve: Zuerst war ich anonym unterwegs. Doch als ich gegen die Stadt Montréal wegen der neuen Demonstrationsverordnung vor Gericht zog, habe ich meine Identität verraten. Jetzt im Sommer ist es sowieso zu heiß für das Kostüm, deswegen habe ich den juristischen Weg eingeschlagen. Ich marschiere schon noch als Anarchopanda mit, aber dann trage ich oft nur den Kopf. Damit bin ich aber nicht so effektiv, die Polizisten behandeln mich wie einen Menschen. Meine Kollegen unterstützen mich. Selbst wenn sie von den Streiks nichts halten, wissen sie es zu schätzen, dass ich helfen will.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wollen Sie noch als Bär unterwegs sein?

Villeneuve: Ich mache weiter, bis mich die Studenten nicht mehr brauchen. Ich bin gerührt davon, was sie auf sich nehmen, um für mehr Chancengleichheit und freie Bildung zu kämpfen, und hätte nie gedacht, dass sie so lange durchhalten. In den Sommerferien sind die Proteste etwas abgeflaut, mal sehen, wie es weitergeht. Unter jeder anderen Regierung hätten die Studenten schon vor drei Monaten gewonnen. Doch diese hat bisher nur kosmetische Zugeständnisse gemacht.

Das Pandalied zum Nachhören: Anarchopanda, tu marches avec nous! von François Parenteau und Gaetan Troutet

Das Interview führte Heike Sonnberger

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
vish 14.08.2012
1.
Menschen wie Herr Villeneuve sind der Grund dafür, warum ich die Hoffnung in die Menschheit noch nicht ganz begraben habe.
mhampel 14.08.2012
2.
In Deutschland würde der sofort festgenommen: Zum einen gilt das Vermummungsverbot bei Demonstrationen. Außerdem schützt sein Kostüm gegen Schläge und Elektroschocks der Polizei. Somit trägt er eine Schutzwaffe, die ebenfalls bei Demonstrationen verboten ist.
kn4llfrosch 14.08.2012
3.
Auch in Kanada gilt das Vermummungsverbot, er wurde jedoch noch nicht festgenommen. Erklären Sie mir bitte, wieso das in Deutschland konsequenter durchgesetzt werdne würde.
MGM128 14.08.2012
4. Kontraproduktiv
Der Herr erreicht mit seiner Aktion in meinen Augen genau das Gegenteil von seinem angeblichen Ansinnen. Genauso wie die tollen Clowns, die sich hier in Deutschland auf den Linkendemos rumtreiben, ist dies nichts weiter als eine hinterfotzige Provokation der Polizisten. Aber weil er ja so süß (oder im Falle der Clowns: ja so lustig) ist, darf er ja in die Privatsspähre des Polizisten eindringen und diesen gegen seinen Willen knuddeln (er ja ja nicht schnell genug widersprochen) und entwürdigen. Nicht, dass ich Polizeigewalt verteidige, diese muss rechtsstaatlich verfolgt werden und es herrscht in dem Bereich noch einiges an Nachholbedarf. Aber diese Clown und der Panda sind nichts weiter als pure Provokation und sind auch noch zu feige, um dazu zu stehen. Lieber versteckt man sich hinter niedlichen Tieren, "lieben" Gesten und "Humor", um dann im Falle einer Reaktion auf die Provokation vom moralisch noch höheren Ross noch viel lauter sich empören zu können.
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