Studentenverbindungen Vernarrt in Ehre, Freiheit, Vaterland

Was haben Friedrich Merz, Thomas Gottschalk, Horst Mahler und Rezzo Schlauch gemeinsam? Alle waren oder sind Mitglieder von Studentenverbindungen und folgten damit alten Traditionen - ein Überblick.


Burschentag (in Eisenach): Männerbündelei mit bewegter Vergangenheit
DDP

Burschentag (in Eisenach): Männerbündelei mit bewegter Vergangenheit

Während es Friedrich Merz und Thomas Gottschalk vorzogen, in frömmelnden nicht schlagenden katholischen Verbindungen aktiv zu sein (Dachverband CV), haben der frühere RAF-Aktivist und Landsmannschafter Mahler (heute NPD) und Burschenschafter Rezzo Schlauch (heute Grüne) Mensuren für ihren Bund geschlagen.

Die Szene der Studentenverbindungen ist vielfältig und vor allem an traditionsreichen Hochschulstandorten noch recht vital. Grundsätzliches zu den Verbindungen:

  • Die meisten Korporationen sind Männerbünde. Frauen dürfen bei den wichtigsten Veranstaltungen wie Kneipen, Conventen oder Mensuren nicht anwesend sein. Außerdem werden die Zimmer auf den Verbindungshäusern nur an männliche Studenten vermietet. Es gibt aber auch gemischtgeschlechtliche Verbindungen oder reine Frauenverbindungen, die allesamt nicht schlagend sind.
  • Ehemalige Studenten ("Alte Herren") unterstützen das Leben auf dem Verbindungshaus finanziell. Es herrscht sozusagen ein umgekehrter Generationenvertrag. Durch den Kontakt zu Alten Herren und Bundesbrüdern entsteht ein institutionalisiertes Netzwerk an persönlichen Kontakten, was früher als Protektion bezeichnet wurde.
  • Die meisten Verbindungen gründeten sich im 19. Jahrhundert. Daraus lässt sich auch die hohe Bedeutung der Begriffe wie Freiheit, Ehre, Vaterland für die Burschenschafter erklären. Bereits beim Wiedererstarken des Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert untersagten Verbände wie die Kyffhäuser (heute VdSt) seinen Bünden die Aufnahme von Juden. Es gab aber auch eine Anzahl jüdischer Verbindungen und assimilierte Juden in Corps, Landsmannschaften und Burschenschaften. Während der Weimarer Republik gehörten die großen Korporationsverbände zur nationalistischen Opposition, die offen die Demokratie bekämpft hat. Alle Studentenverbindungen wurden Mitte der dreißiger Jahre aufgelöst und teilweise unter Applaus der betreffenden Bünde in den NS-Hochschulbund integriert. Anfang der fünfziger Jahre rekonstruierte sich die deutsche Verbindungsszene wieder.

Die wichtigsten Arten von schlagenden Verbindungen:
  • Die Corps sind pflichtschlagende, farbentragende Männerbünde, die sich politisch nicht festlegen wollen (Toleranzprinzip), aber als konservativ-elitär gelten. Jeder männliche Student kann Mitglied bei einem Corps werden. Die Corps sind aus historischen Gründen in zwei verschiedenen Dachverbänden organisiert, den Kösener Seniorenkonvent und den Weinheimer Seniorenconvent. Innerhalb des Kösener Verbandes gibt es noch recht skurrile Aufteilungen in so genannte Kreise. Ein Beispiel sind grüne Corps wie das Corps Hansea Bonn, die dem "Schäbigkeitsprinzip" verpflichtet sind, das heißt Saufspiele bis über die Brechgrenze. Dann gibt es noch den blauen Kreis (Gesellschaftsprinzip), schwarzen Kreis (Fechtprinzip) und weißen Kreis (Hochadel).
  • Im Coburger Convent sind die akademischen Landmannschaft und Turnerschaften in den letzten Jahren am meisten bemüht, in der Öffentlichkeit ein liberaleres Bild abzugeben. Beim jährlichen Pfingsttreffen in Coburg wurde die deutschnationale Gruselshow "Heldengedenken mit Fackelumzug" stark entschärft, es gibt vom Verband her keinerlei Beschränkung mehr bei der Aufnahme von männlichen Studenten. Einzelne Verbindungen wie die Landsmannschaft Mecklenburgia-Rostock zu Hamburg lehnen aber die Aufnahme von Ausländern und Zivildienstleistenden ab. Der CC ist pflichtschlagend und farbentragend.
  • Die Deutsche Burschenschaft (DB) ist der vielleicht bekannteste und rechteste Verband. Um Mitglied in einer Korporation der DB zu sein, muss man deutschen Blutes sein und gedient haben (Bundeswehr). Mehrere Verbindungen der DB gelten als rechtsextrem und stehen unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes, etwa die Burschenschaft Germania Hamburg, Danubia München oder in Österreich die Burschenschaft Olympia Wien. Burschenschaften sind fakultativ schlagend und farbentragend.
  • Die Neue Deutsche Burschenschaft hat sich vor wenigen Jahren von der Deutschen Burschenschaft abgespalten - wegen deren extremer politischer Ausrichtung. Die Neue Deutsche Burschenschaft bekennt sich zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, während in der DB noch von Groß-Deutschland (von Straßburg bis Memel, von Sonderburg bis Bozen) fabuliert wird.
  • Außerdem gibt es noch kleinere fakultativ- oder pflichtschlagende Verbände wie die Deutsche Sängerschaft oder das Süddeutsche Kartell, die alle eher liberal eingestellt sind.
Von Max Schulz




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