Studentin im Oly-Dorf "Heimkommen? Ich nenne es Einparken"

Das legendäre Münchner Olympiadorf war berühmt, für seine bunten Gassen und ein Leben, so beengt wie im Campingbus. Vier Jahre nach dem Abriss steht es wieder - als graue Betonlandschaft. Die Bewohner lieben ihre Minihäuser noch immer und wollen jetzt mit viel Farbe den alten Charme zurückholen. 

Christopher Haarhaus

Von Christopher Haarhaus


Paula Mrtva gehört zu den "Ureinwohnern" hier in der Bungalow-Siedlung. Die Lehramtsstudentin mit tschechischen Wurzeln wohnt seit 2005 in Deutschlands berühmtester Studenten-Wohnanlage, dem Olympischen Dorf in München. 1972 kam es weltweit in die Schlagzeilen: Wegen der einzigartigen Architektur, als Sportlerherberge bei den heiteren Spielen von München - und als Schauplatz der Geiselnahme palästinensischer Terroristen am 5. September.

Von der 40-jährigen Geschichte der Siedlung hat die 27-jährige Paula nur einen Bruchteil mitbekommen, und doch erlebte sie eine Zäsur der besonderen Art: 2007 wurde die Bungalow-Anlage im Zuge der "Totalsanierung" abgerissen. Generationen von Studenten hatten die Bungalows einst bunt bemalt, nun war es vorbei mit den heimeligen Gassen.

Zwischen den farbenfrohen Häuserzeilen schwang die Abrissbirne. Paula und viele andere Bewohner mussten vorübergehend in das benachbarte Hochhaus ziehen, bis die Siedlung nach rund zweijähriger Bauzeit wieder neu eröffnet wurde.

Küche, Bad, Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer auf 19 Quadratmetern

Jetzt dominiert grauer Beton das Dorf - so wie vor 40 Jahren, als die ersten Studenten auf das Gelände gezogen waren. Erst jeder zehnte der über 1000 neuen Bungalows ist bemalt. Das findet Paula zwar schade, sie könne vollkommen verstehen, dass viele Studenten nicht mehr so viel Zeit haben wie in früheren Jahren. Neben dem Stress an der Uni müssten viele noch arbeiten. Das viele Grau auf dem Gelände ist aber aus ihrer Sicht der einzige Wermutstropfen. Davon abgesehen genießt sie ihre neue Unterkunft: "Ich konnte in etwas Neues, Sauberes ziehen. Das war schon toll."

Von 23 auf 19 Quadratmeter sind die Unterkünfte im Zuge des Neubaus geschrumpft. Wenn Paula in ihren neuen Bungalow kommt, nennt sie das liebevoll "Einparken": Kaum betritt sie ihr Heim, steht sie gleichsam im Flur, im Wohnzimmer und in der Küche. Im ersten Stock, der über eine schmale Wendeltreppe erreicht wird, ist das Bild nur unwesentlich anders: Nach einem langen Lernabend am Schreibtisch kann sie sich rücklings ins Bett fallen lassen.

Paula entschied sich vor sechs Jahren aus pragmatischen Gründen für das Olydorf: Die Nähe zur Uni, der Olympiapark und die eigenen vier Wände hatten sie gelockt. "Mein Vater musste sich während des Studiums in Tschechien ein Zimmer mit drei Kommilitonen teilen" - ein Albtraum für Paula, sie legt viel Wert auf ein eigenes Bad und eine eigene Küche, und sie weiß es sehr zu schätzen, in München eine eigene Herberge zu bewohnen und dafür nur rund 300 Euro zu bezahlen.

"Durch das Bungalowleben bekommt man außerdem mehr Kontakt als in den Hochhäusern der Wohnheime", sagt Paula. Vor allem die großen Balkone fördern den kommunkativen Charakter des Dorfes. Für ein Schwätzchen mit den Nachbarn sind sie bestens geeignet, auch zum Telefonieren müssen die Bewohner nach draußen, denn wegen der dicken Betonwände haben die Handys nur schlechten Empfang.

Dorfleben mitten in der Großstadt

Eigentlich dürfen Studenten höchstens sechs Semester dort wohnen - es sei denn, sie fallen durch besonderes Engagement auf. Dann verlängert sich die Wohnfrist. Das war letztlich der Antrieb für Paula, im "Verein der Studenten im Olympiazentrum" mitzuarbeiten. Sie organisiert Ausflüge, gemeinsame Sport und Karaoke-Abende. Der Verein will so das Gemeinschaftsgefühl und kulturelle Leben im Dorf fördern. Er betreibt eine Disco, einen Film- und Fotoclub und kümmert sich auch um Kleinkinderbetreuung.

Bauherr der Anlage war zu Beginn der 1970er Jahre nicht etwa das Olympische Komitee, sondern das Münchner Studentenwerk. Deswegen liegt dem das Dorf auch heute noch am Herzen. Die ersten Bewohner waren 1971 ebenfalls Studenten, erst nach einem Jahr kamen die Sportler und die Bewohner mussten vorübergehend ausziehen - wie 2002 dann nochmals während der Leichtathletik-EM.

Der Studentenwerks-Sprecher Ingo Wachendorf ist sich sicher, dass sich der urprüngliche Charme des Dorfes langsam wieder entwickeln wird. Trotzdem helfen sie etwas nach: Das Studentenwerk vergibt kostenlos Farben an die Bewohner, um die Bemalung der Bungalows voranzutreiben. Außerdem hat es einen Wettbewerb ausgerufen: Noch bis Anfang Juli können die Olydorfler, ihre Entwürfe zur farblichen Gestaltung des Geländes einreichen. Der Sieger bekommt 500 Euro.

Unter den acht Jury-Mitgliedern des Wettbewerbs ist auch "Ureinwohnerin" Paula, für die das Dorfleben in München bald zu Ende ist. Nach ihrem Examen wird sie Gymnasiasten in Deutsch und Latein unterrichten. Vermissen wird sie das Gemeinschaftsleben, die Grillparties, die Natur und ihren Bungalow schon: "Wo wird man jemals noch mal alle Bewohner seiner Straße persönlich kennen?".

Und doch freut sich die 27-Jährige nach sechs Jahren im Olydorf auch auf einen neuen Lebensabschnitt. "Ein bisschen mehr Anonymität ist ab einem gewissen Alter vielleicht auch nicht schlecht."

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ljue 24.05.2011
1. Mein Leben im Schuhkarton
Ich wohn seit Sep 10 in einem Bungalow - zugegeben, es ist viel besser als im Hochhaus (mit Grausen denk ich daran zurück) und man hat seine eigene Wohnungstür, und eigenes Klo, Dusche, Küche... da hört es aber auch auf. Denn die Privatsphäre gibt man mit dem Einzug ab und auch Ruhe zum Lernen ist ein seltener Luxus. Hinterm Balkon nämlich ist die komplette Wand Fenster - wer keine dichten Gardinen hat bietet seinem Gegenüber eine Peep-Show oder muss permanent das Rollo unten lassen. Zudem ist die obere Etage sehr hellhörig. Zwar trennen einen dicke Betonwände vom Nachbarn - so scheint es! Aus mir unerfindlichem Grund ist ein daumendicker Spalt zwischen Fensterrahmen und Betonwand lediglich durch Schaumstoff gefült und der lässt jeden Nieser (und mehr) der Nachbarn deutlich hören. Das Innere des Bungalows ist gewöhnungsbedürftig. Einige Wände sind wohl aus ästhetischen Gründen "naturbelassen" - nackter, grauer, löchriger Beton, der dort, wo versucht wurde, die größern Löcher zuzuspachteln, Flecken hat - trés chic. Zudem hätte man aus dem Hochhaus lernen können und den Teppichboden weglassen sollen - die Treppe und das obere Geschoß sind mit graublauer Auslegeware geziert. Die nächste Chance, die sich bietet, pack ich beim Schopfe und bin hier raus - just in diesem Moment ist Lernen schier unmöglich, da eine Reihe weiter im Gang eine Grillparty gefeiert wird und meine Nachbarin dermaßen laut Musik hört, das ein Konzentrieren auf Unitexte Utopie ist... Perfekt. Es ist, wohl gemerkt, mitten in der Woche um 10 Uhr abends. Vielen Dank, liebe Nachbarn, vielen Dank Olydorf. Hofentlich bin ich bald raus...
Heinzrüdiger, 25.05.2011
2. Und die Frau Paula ....
... könnte nach sechs Jahren mal langsam über ihren Abschluss nachdenken. Lehramt sollte ja noch zu schaffen sein.
crocodil 25.05.2011
3. Oly
Zitat von ljueIch wohn seit Sep 10 in einem Bungalow - zugegeben, es ist viel besser als im Hochhaus (mit Grausen denk ich daran zurück) und man hat seine eigene Wohnungstür, und eigenes Klo, Dusche, Küche... da hört es aber auch auf. Denn die Privatsphäre gibt man mit dem Einzug ab und auch Ruhe zum Lernen ist ein seltener Luxus. Hinterm Balkon nämlich ist die komplette Wand Fenster - wer keine dichten Gardinen hat bietet seinem Gegenüber eine Peep-Show oder muss permanent das Rollo unten lassen. Zudem ist die obere Etage sehr hellhörig. Zwar trennen einen dicke Betonwände vom Nachbarn - so scheint es! Aus mir unerfindlichem Grund ist ein daumendicker Spalt zwischen Fensterrahmen und Betonwand lediglich durch Schaumstoff gefült und der lässt jeden Nieser (und mehr) der Nachbarn deutlich hören. Das Innere des Bungalows ist gewöhnungsbedürftig. Einige Wände sind wohl aus ästhetischen Gründen "naturbelassen" - nackter, grauer, löchriger Beton, der dort, wo versucht wurde, die größern Löcher zuzuspachteln, Flecken hat - trés chic. Zudem hätte man aus dem Hochhaus lernen können und den Teppichboden weglassen sollen - die Treppe und das obere Geschoß sind mit graublauer Auslegeware geziert. Die nächste Chance, die sich bietet, pack ich beim Schopfe und bin hier raus - just in diesem Moment ist Lernen schier unmöglich, da eine Reihe weiter im Gang eine Grillparty gefeiert wird und meine Nachbarin dermaßen laut Musik hört, das ein Konzentrieren auf Unitexte Utopie ist... Perfekt. Es ist, wohl gemerkt, mitten in der Woche um 10 Uhr abends. Vielen Dank, liebe Nachbarn, vielen Dank Olydorf. Hofentlich bin ich bald raus...
Na, hast es dir doch selbst ausgesucht. Also warum jammern. Wenn du eine Frau bist, kann ich nur vorschlagen. einen Mann zu finden der dir dann eine geeignete Bleibe verschafft!!!
evacorona 25.05.2011
4. Grandios
Zitat von crocodilNa, hast es dir doch selbst ausgesucht. Also warum jammern. Wenn du eine Frau bist, kann ich nur vorschlagen. einen Mann zu finden der dir dann eine geeignete Bleibe verschafft!!!
Wie überaus lustig! Mussten Sie lange nachdenken, oder ist Ihnen der spontan eingefallen? Respekt!
rolfme 25.05.2011
5. Und was soll das bedeuten?
Irgendwie faellt es mir schwer, diese Informationen zu verstehen. Arme Studenten!!!! Muessen lernen und arbeiten und dann sogar noch einen Anschluss machen. Und mussen sich auf 19qm Einparken. Wenn ich da so zurueckschaue: 9qm Zimmer direkt zum Treppenhaus (aber ich wusste immer, wer wann heimkommt oder ausgeht) Badezimmer in der Nachbarwohnung von 4 indonesischen Studenten (da die immer irgendetwas kochten, was sehr indonesisch roch, haette ich mir meistens das Duschen sparen koennen, ich roch dann auch so) Arbeiten neben dem Studium (aber selbstverstaendlich, und 6 Monate kostenlose Praktika, und nix Internet, nein lange Abende in der Bibliothek) 10 Semester fuer ein Diplomstudium Elektrotechnik einschliesslich aller Studien- und Diplomarbeiten, so wie viele Kommilitonen (weil trotz Arbeit das geld nicht laenger reichte) Kein Problem bei der Parkplatzsuche (Fahrrad passte ueberall hin, wurde nur manchmal geklaut und daher immer billiger) Wo ist heute Euer Problem? Schon mal nachgedacht?
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