Studentin mit Selbstzweifeln Seit dem Tod meines Vaters gelingt mir nichts mehr

Sie will Dolmetscherin werden, startet voller Elan ins Studium. Dann stirbt der Vater unserer Autorin - und plötzlich scheint sich die ganze Uni gegen sie verschworen zu haben.

Studentin (Symbolbild)
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Ich dachte, jeder Dozent würde es verstehen. Würde nachvollziehen können, dass ein Seminar nicht so wichtig ist wie das Begräbnis meines Vaters. Falsch gedacht.

Mein Vater hatte einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall. Fast vier Wochen lag er im Koma, über Weihnachten. Noch vor Silvester starb er. Da waren es noch sechs Wochen bis zu den Prüfungen.

Die Dozentin für Chinesisch hatte nur einen kalten Blick übrig, als ich um meine Freistellung bat, und sagte: "Wenn Sie nicht kommen, lasse ich Sie nicht zur Klausur zu. Offensichtlich sind Sie nicht krank."

Ich war entsetzt, sprachlos, dann wütend. Als ich damit drohte, mich zu beschweren, sagte sie nur: "Machen Sie das! Bis das durch ist, sind Ihre Mitstudenten im Master."

Ich schaffte es bis auf die Toilette mit einem gefassten Gesicht, dann begann ich zu weinen. Saß auf der Kloschüssel und heulte, versteckt wie eine Aussätzige, und sofort kamen die Zweifel: Stelle ich mich an? Kann man von einer ordentlichen Studentin nicht erwarten, dass sie alles hinter dem Studium zurückstellt?

Ich fühlte mich elend, aber meine Familie war mir wichtiger als die Uni.

Also begrub ich meinen geliebten Vater, und die Dozentin machte ihre Drohung wahr. Ich wurde nicht zur Prüfung zugelassen. Ich legte Beschwerde ein und bekam Recht - aber zu spät. Die Klausur findet nur einmal im Jahr statt. Einen Antrag auf Härtefall lehnte die Uni ab. Ich solle es im nächsten Jahr probieren. Okay.

Ich hatte mein Studium gleich nach dem Abitur begonnen, motiviert, voller guter Vorsätze. So schnell lasse ich mich nicht entmutigen.

Doch dann der nächste Rückschlag: Mir wurde nicht erlaubt, den Kurs noch einmal zu besuchen. Für Wiederholer gebe es keinen Platz, hieß es. Also lernte ich eigenständig.

Dumm nur, dass der Prüfungsraum kurzfristig geändert wurde - was aber nur den Teilnehmern im Kurs, nicht aber den Wiederholern mitgeteilt wurde. Zu viert kamen wir zu spät, und alle vier wurden wir der Klausur verwiesen. Durchgefallen, ohne einen Bogen überhaupt gesehen zu haben.

Nächster Versuch, sechs Wochen später.

Ich trat an, und fiel durch. Wieso? Weil in dem Kurs, dem ich nicht hatte beiwohnen dürfen, ganze sechs Lektionen mehr behandelt worden waren als im Jahr zuvor. Auf Nachfragen hatte niemand ein Wort darüber verloren.

"Ich wünschte mir, ein Bus würde mich überfahren"

Mittlerweile im fünften Semester und gezwungen, noch mindestens zwei weitere zu studieren - die entscheidende Prüfung ist ja immer nur im Frühling - versuchte ich, das Beste draus zu machen und mir schon mal einen Bachelor-Vater zu suchen. Das Vorhaben entwickelte sich zum Spießrutenlauf.

Dozent 1: Sie überziehen die Regelstudienzeit, Faulpelze brauche ich nicht.

Dozent 2: Sie waren nicht im Ausland, Ihnen fehlt wohl Motivation.

Dozent 3: Sie studieren außer Chinesisch noch Japanisch? Das kann ja nichts werden.

Dozent 4: Wenn's unbedingt sein muss, mach ich das als Zweitkorrektor, aber passen Sie auf, ich gebe grundsätzlich nur eine Vier in Bachelor-Arbeiten.

Bin ich einfach nicht klug oder fleißig genug, um an einer Uni zu überleben? Bin ich zu dumm?

Mit jedem neuen Fehlschlag kamen neue Zweifel. Irgendwann wünschte ich mir, mich würde ein Bus auf dem Weg zur Uni überfahren. Ein Kampf, morgens überhaupt aufzustehen. Wozu denn? Um wieder zu scheitern?

Ich tat das einzig Mögliche, kratzte mein Erbe zusammen und machte ein Auslandssemester in China auf eigene Kosten - für Fälle wie meinen bringen Stipendiengeber schließlich wenig Verständnis auf.

Motiviert kehrte ich zurück, betrachtete mich als sprachlich nun gut vorbereitet für meine Klausur des Grauens. Ich hatte in dem Land gelebt, mit Menschen gearbeitet und gelacht - und wieder fiel ich durch. Dieses Mal angeblich mit einem halben Punkt an der Vier vorbei.

Am Boden zerstört wollte ich die Klausur einsehen. Der Termin wurde wegen Krankheit der Dozentin abgesagt. Einen neuen bekam ich nicht, trotz acht E-Mails. Eine Beschwerde blieb unbeantwortet. Damit war ich endgültig durchgefallen.

Es hat lange gedauert, bis ich das verwinden konnte. Und noch länger, bis mir klar wurde, dass es nicht ausschließlich mein Versagen war, das dazu geführt hat.

Ich studiere jetzt wieder, ein anderes Fach an einer anderen Uni. Es läuft gut. Noch ist aber lediglich das erste Semester geschafft.

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Seite 1
MartinBuchbaum 14.04.2017
1. Eine Rechtsschutzversicherung gibt es für knappe 200 Euro im Jahr
Was nutzt einem ein Recht das man nicht durchsetzen kann? Diese Dozentin, Fakultät und Uni haben versagt und hätten vor Gericht keine Chance. Sie war nach dem Tod ihres Vaters erkrankt, man nennt das Belastungsstörung. Jeder Arzt hätte es ihnen wohl bestätigt. Es ist schlimm, dass Verständnis in solchen Ausnahmesituationen des Lebens fehlt und man ein Attest benötigt. Aber psychische Probleme sind auch eine Krankheit.
paulpuma 14.04.2017
2.
Der Tod des Vaters ist ein schwerer Schlag. Arme Studentin. Und doch hilft ihr nichts: Sie muss da durch. Es mag noch so bitter sein. Bei jedem Erfolg aber darf sie denken, dass Ihr Vater stolz auf sie wäre.
Take it or leave it 14.04.2017
3.
Sie haben nichts falsch gemacht. Nicht jeder Weg, der zum Ziel führt, ist gerade. (Ist das nicht ein chinesisches Sprichwort? ;-)
Kerze der Freiheit 14.04.2017
4.
Die junge Frau scheint ziemlich viel Pech mit ihrer Uni gehabt zu haben, dummerweise so viel Pech, dass man denken könnte, die Geschichte sei erfunden, obwohl ich mir solche Zustände bei staatlichen Einrichtungen durchaus vorstellen kann, aber dies in der Häufung? An welcher Uni hat sie denn Chinesisch und Japanisch studiert? Die Angabe könnte ja zukünftigen Studenten helfen, die Uni zu meiden.
Frittenbude 14.04.2017
5. Hilfreiche Information
Schade, dass die Universität nicht namentlich genannt wird, an der der bedauernswerten Autorin das ganze widerfahren ist. Für andere potentielle Studenten wäre diese Information hilfreich, und für die Verantwortlichen an der Uni ebenfalls....
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