Studentische Riesen-WG Leben in der Luxus-Lagerhalle

870 Quadratmeter, ein eigener Kinoraum und ein begehbarer Kühlschrank: Der Student Lars Roth und sein Mitbewohner Marc Bruch bauen sich eine WG im XXL-Format. Künftige WG-Mitglieder sind mit ihren Matratzen schon mal in die ehemalige Lagerhalle eingezogen - bis die Leute vom Amt klingelten.

Bernd Kramer

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Als dann noch der Billardtisch kam, wurde es endgültig zu eng für Marc Bruch, 24, und seinen Mitbewohner Lars Roth, 25. Die Küche mussten sich die beiden bereits mit einem Tischkicker teilen. Der hatte schon so viel Platz eingenommen, dass Marc rückblickend lieber von "einer Bar mit Küchenfunktion" spricht. Und dann waren da noch die 340 DVDs, die auch ihren Raum brauchten.

Klarer Fall: Etwas Größeres musste her. Dabei sind 75 Quadratmeter im Mehrparteienhaus eigentlich schon großzügig bemessen für eine Zweier-WG. "Naja", sagt Lars, "75 Quadratmeter sind nicht klein. Aber eben auch nicht riesig."

Jetzt sind es jedenfalls 870 Quadratmeter: Unter sieben Meter hohen Decken stehen Billardtisch, Kicker, ausgesessene Sofas, Flachbildfernseher, Regale mit Cornflakes-Packungen und Nudeltüten, die etwas angestaubt sind von den häufigen Bohrmaschinen-Einsätzen. Außerdem Farbeimer, Umzugskisten, leere Pizzakartons und mehrere Paletten weißer Mauersteine. Hier, in einer alten Wuppertaler Lagerhalle mit angrenzendem Bürotrakt, wollen Marc und Lars ihre neue WG gründen - eine Riesen-WG. Oder "ein Wohnheim mit WG-Charakter", wie Marc sagt. Auf eigene Faust hochgezogen. Noch ist alles eine Baustelle, aber eines Tages soll es dann so aussehen:

  • 14 Zimmer für die 14 Bewohner, zwischen 12 und 27 Quadratmeter
  • ein Gästezimmer mit zehn Betten
  • Vier Bäder
  • Geschlechtergetrennte Klos
  • eine Küche, 30 Quadratmeter, mit vier Küchenzeilen
  • außerdem ein Kinoraum, 60 Quadratmeter, HD-Beamer, sechs Quadratmeter Leinwand, 16 Sitzplätze
  • ein Seminarraum, 30 Quadratmeter, mit 14 Arbeitsplätzen inklusive Präsentationsmöglichkeit
  • und als Unterschlupf für den Billardtisch bleiben noch 230 Quadratmeter der Halle übrig.

Größenwahnsinnig? "Einfach nur total geil", sagt Marc. Die Idee kam ihnen zufällig, als Lars und Marc am Kaffeetisch einer Freundin den Immobilienteil der Zeitung durchblätterten und auf diese Anzeige stießen: "Gewerbehalle auch als Wohnraum zu vermieten."

Ab da ließ die Vorstellung sie nicht mehr los. Industrieschick, meint Marc, gefalle ihm sowieso besser als Stuck an den Decken. Und dann waren da ja noch diese Probleme mit der Polizei in der alten Wohnung. Die kam immer gerade dann vorbei, wenn die beiden feierten. Und mal etwas lauter einen Film zu sehen, erzählt Lars, ist ebenfalls tückisch, wenn drüber und drunter Leute zu schlafen versuchen.

Das Riesen-WG-Duo gibt sich professionell

Und hier? Kein Problem. Sie haben es direkt ausprobiert, mit "Death Race", einem Film, dessen Handlung vor allem darin besteht, dass Autos möglichst geräuschvoll ineinander fahren. In einem der Zimmer durfte währenddessen jemand Probe schlafen - was problemlos funktionierte.

Marc und Lars führen über ihre Baustelle, fast schon wie die Inhaber eines Immobilienunternehmens mit klarer Rollenverteilung: Marc, der gelernte Kälteanlagenbauer im grauen Overall, der Anpacker, der in allem Rohen das Fertige kommen sieht, stolz an die Rigipsplatten klopft und der WG als besonderes Extra einen doppelseitig begehbaren Kühlschrank bauen will. Lars, der Business Administration studiert, der das Hemd in die Hose gesteckt hat und ein graues Jackett drüber und still alles durchrechnet.

Vor allem das Startkapital, erklärt Lars, um die Halle anmieten und umbauen zu können, sei nicht so einfach aufzutreiben gewesen. "Die Banken wollten uns keinen Kredit geben", sagt er. "Die kennen entweder Immobilienkredit oder Existenzgründerkredit, da passten wir mit der WG nicht richtig ins Schema." Also haben die beiden Geld bei Verwandten, Freunden, Bekannten geliehen.

"Es muss funktionieren, das ist ja das Geile!"

Wie viel genau, möchten sie zwar nicht sagen, aber durchaus fünfstellig ist die Summe, die die beiden vorschießen und über die Jahre über die Mieten wieder reinholen wollen; verdienen wollen sie an ihrem Projekt ausdrücklich nicht, sagt Marc. Ein Risiko. "Aber es wird funktionieren, weil…" Weil? "Weil halt! Es muss funktionieren, das ist ja das Geile."

Bisher läuft alles nach Plan. Die Zimmer waren schon weg, bevor es sie überhaupt gab. Die künftigen Bewohner sind zwischen 18 und 39 Jahre alt, Studenten, aber auch Berufstätige, Deutsche, eine Holländerin und ein Kalifornier.

Alex, 21, der Sicherheitstechnik studiert, hat eben die Wand in seinem Zimmer glatt gespachtelt, um sie mit der Silhouette Wuppertals bemalen zu können. Nebenan, im Zimmer von Jonathan, 23, stehen auf dunkelbraunem Laminat bereits Bett und Schränke. Die meisten hatten einfach irgendwo Matratzen in die Ecke geworfen, um noch während der Bauphase in der WG wohnen zu können.

Bis dann vor zwei Wochen drei Herren von der Bauaufsicht auf die provisorische Funkklingel am Halleneingang drückten und den Bewohnern erklärten, dass noch niemand den Bau beziehen dürfe, ehe die Nutzungsänderung von Gewerbe- auf Wohnfläche genehmigt sei. Nutzungsänderungsgenehmigung? Lars und Marc mussten sich erst einmal bei einem Architekten erkundigen, was das heißt. Der überarbeitet ihre Pläne jetzt so, dass alle Vorschriften eingehalten werden. "So lange können wir leider nichts Großes am Bau machen", sagt Lars.

Ärgerlich für die beiden. Dafür soll die Einweihungsparty umso größer werden. In ihrer alten WG mussten Lars und Marc damals 70 Mann auf 75 Quadratmeter quetschen. Diesmal sollte der Platz für alle halbwegs reichen. Auch für den Billardtisch.



insgesamt 69 Beiträge
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M_arcellus 19.10.2011
1. Super
Viel Spaß bei der ersten Betriebskostenabrechnung. Heizen ist sicher günstig bei 870 m². Vermutlich wird dann ja auch mit Elektroheizungen Wärme in die Halle gebracht.
+.+ 19.10.2011
2. http://forum.spiegel.de/newreply.php?do=newreply&noquote=1&p=8950265
Super Idee gerade unter dem Aspekt, dass bekannterweise Wohnungsmangel herrscht siehe auch hier: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,790527,00.html Aaaaaber wieder mal typisch deutsch: ---Zitat--- ...dass noch niemand den Bau beziehen dürfe, ehe die Nutzungsänderung von Gewerbe- auf Wohnfläche genehmigt sei. ---Zitatende--- Eigeninitiative bitte nur mit vorheriger Genehmigung!
Paul Panda 19.10.2011
3. Großartig
Großartige Idee! Da hätte ich direkt Lust, mitzuwerkeln, wenn ich noch Student wäre und Geld keine Rolle spielte. Wohnen in zweckentfremdeter Umgebung mit ausreichend Platz hat mich immer schon begeistert. Am liebsten würde ich dann die ganze Halle in einen Wohnraum mit verschiebbaren Trennwänden umwandeln und alleine drin wohnen: Musik-Ecke, Mal- und Zeichen-Ecke, PC-Ecke, Löt-Ecke, Fitness-Ecke, Holzbearbeitungs-Ecke ... ich bekäme die Halle schon voll. Neben einem begehbaren Kühlschrank müsste natürlich noch ein begehbarer Kleiderschrank eingerichtet werden. Typisch ist leider das Verhalten von Banken und Bauamt: Durch engstirnige, phantasielose Bürokraten und Gesetze ist wahrscheinlich schon so manch bahnbrechende Innovation ins Leere gelaufen.
Pupsie 19.10.2011
4. Völlig abgefahren......
.....sowas will ich auch!
fleischwurstfachvorleger 19.10.2011
5. Hört sich geil an!!
Zitat von sysop870 Quadratmeter, ein eigener Kinoraum und ein begehbarer Kühlschrank: Die Studenten Marc Bruch und Lars Roth bauen sich eine WG im XXL-Format. Künftige Mitbewohner*sind mit ihren Matratzen schon mal*in die ehemalige Lagerhalle*eingezogen*- bis die Leute vom Amt klingelten. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,792219,00.html
Natürlich nur wenn strikt die Deutsche Bauordnung eingehalten wird!!
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