Studentisches Comedy-Duo "Das zahlen wir aus der Pornokasse"

Es ist die schlechteste Band der Welt, ein Musik-Kasperett, die klanghumoristische Entdeckung des Jahres: Das sächsische Studentenduo "Zärtlichkeiten mit Freunden" räumt mit seiner skurrilen Probenraumcomedy bei Humorfestivals ab und erobert die Kabarettbühnen.

Von Christian Fuchs


Lenin trommelt wie ein Musikschüler rückwärts auf sein Schlagzeug ein. Neben ihm steht eine ostalgische Stehlampe mit Fransen, begleitet wird er von einem E-Gitarristen namens Ines Fleiwa. Und was sie da machen, soll Musik sein: "The Joker" von der Steve Miller Band, ein Hit aus den Siebzigern. Die beiden Verrückten auf der Bühne sind "Zärtlichkeiten mit Freunden" - "die bekannte Band", wie sie von sich selbst behaupten. Dabei sind sie weder bekannt noch eine Band. Oder doch?

Ines Fleiwa und Cordula Zwischenfisch, der eben noch Lenin war, sind natürlich Künstlernamen - für zwei Jungs. Sie tragen schlechtsitzende Abiball-Jackets aus Jugoslawien, verwaschene Bermudashorts, dazu eine blonde und eine schwarze Perücke. Ihre E-Mail-Adresse beginnt mit Liebesbrief@, und nach dem Auftritt gibt es Autogrammkarten. Das ist Rock'n'Roll, würden die Unterschriftenvorlagen nicht stark an Plakate von Schlagersternchen erinnern.

Die enthemmten "Zugabe, Zugabe!"-Rufe am Ende ihres Auftritts quittieren sie mit einem gelangweilten: "Na schönen Dank auch. Was das wieder soll!" Oder: "Spielen wir eben ein Scheiß-Lied, wenn sie es nicht anders wollen."

Im richtigen Leben sind Christoph Walther und Stefan Schramm ganz und gar nicht divenhaft, bauen sogar ihre Instrumente selbst auf und ab. Bis zum vergangenen Jahr waren die beiden Sachsen noch vollkommen unbekannt. Stefan studierte Elektrotechnik an der TU Dresden, Christoph Sprechwissenschaft in Halle. Seit sie jedoch in den vergangenen Monaten fast alle Preise abgeräumt haben, die es im deutschen Comedy-Bereich gibt, kommt Christoph nicht mehr dazu, seine Abschlussarbeit über "den nordmeißnisch-obersächsischen Dialekt meiner Oma" zu Ende zu bringen.

Mit Kleinkunstpreisen beworfen

Ein Blick aufs heimische Sideboard spendet ihm Trost. Da steht der Kabarett-Kaktus aus München neben dem Hamburger Comedypokal, dem Silbernern Koggenzieher aus Rostock und dem Cabinet-Kleinkunstpreis - eine der wichtigsten Auszeichnungen der Branche. TV-Dauergäste wie Rainald Grebe oder Olaf Schubert haben den Preis schon gewonnen. Nun sind Christoph und Stefan dran.

Die beiden Studenten aus Riesa haben das Musik-Kasperett erfunden und sind damit so etwas wie die musikhumoristische Entdeckung des Jahres. Ausgestattet mit einer Familienpackung Selbstironie sitzen sie vermeintlich hilflos auf der Bühne, foppen sich gegenseitig und geben vor, ein Konzert spielen zu wollen. Dazu kommt es natürlich nie. Denn die Kalauer ("Das zahlen wir aus der Pornokasse"), Phrasen, Wortdreher und absurden Szenen zwischen den Liedern sind so lustig, dass man sich selbst über die Zuschauerbeleidigungen "bepullert", wie Christoph sagen würde.

Ihr Humor hatte 15 Jahre Zeit zu reifen, seit dem ersten Zusammentreffen des Duos im Garten von Christophs Patentante Renate. Zuerst versuchten es Christoph und Stefan jedoch seriös und lernten artig Gitarre, Flöte, Schlagzeug und Trompete. Aus diesen Musikschultagen haben sie die Probenraumatmosphäre mit auf die Comedybühnen des Landes gebracht. Aufgeblasenes Muckergequatsche über Mikrofoneinstellungen, inszenierte Streitereien, wer welches Solo spielen darf, ein bis ins Detail parodierter Soundcheck und Eselsbrückengedichte aus dem Musikunterricht zeigen, woher sie ihre Ideen nehmen.

"Plötzlich waren wir in einer anderen Liga"

Manchmal möchte man sich mitschämen für die beiden, zumindest bis zum nächsten Lacher. Was so ungeprobt und sympathisch dilettantisch wirkt, ist ihr Kapital. "Wir kommen von Dorffesten und Silberhochzeiten und sind eigentlich ja mit Bierzelthumor groß geworden", sagt Christoph. Das unterscheidet das Ossi-Duo mit dem schrägen Humor von all den Fließband-Comedians aus einer der sterilen Comedyschulen oder Castingshows.

Schon ihr erster Auftritt klingt wie eine Lachnummer, die man nicht proben kann. Vor sechs Jahren spielten sie auf der Schiffstaufe der Marinekameradschaft Riesa, ihrer Heimatstadt. Christoph war damals die "Witzgranate von Riesa TV"; so kamen sie an den Auftritt. Richtig entdeckt wurden sie jedoch erst auf dem Ei(n)fälle-Festival, dem bundesweiten Treffen der Studentenkabaretts. "Plötzlich waren wir in einer anderen Liga", erinnert sich Christoph. Seitdem haben sie sich über Auftritte bei Autohausfesten und in der Jugendstrafvollzugsanstalt Zeithain in die renommierten Humorburgen gespielt - die Lach- und Schießgesellschaft, Schmidts Tivoli oder das BKA-Theater.

Die Komik entsteht vor allem aus dem, was sie nicht sagen, aus Blicken und überzogenen Posen. Mit arg bemühtem politischen Kabarett können sie nichts anfangen: "Ich hasse diesen lauwarmen Scheiß, wo das Publikum nur das zu hören bekommt, was es hören will", grenzt sich Christoph humortechnisch ab. Sie machen eher Witze über Witze. Ihre Perücken tragen die zärtlichen Chaoten auf der Bühne beispielsweise als "Metaperücken" - weil es Menschen gibt, die sich eine Perücke aufsetzen und meinen, sie wären schon deswegen lustig. Natürlich haben das blonde und das schwarze Toupet noch einen pragmatischen Grund. Mit vertauschten Perücken geben "Zärtlichkeiten mit Freunden" vor jedem Auftritt stets ihre eigene Vorband.

Stark verstellen müssen sich die beiden nicht. "Wir sind auf der Bühne wie im richtigen Leben, potenziert mit vier", sagt Christoph. Darum dürfen sie auch während ihrer Auftritte proben. Aus Fehlern, die sie genüsslich ausspielen, werden oft neue Nummern. So wie damals, beim Auftritt vor angetrunkenen Bankkaufleuten. Weil die das Comedy-Duo partout nicht gehen lassen wollten, baute Christoph sein Schlagzeug einfach während des letzten Liedes ab. Heute bildet diese Nummer, bei der er die Becken im Takt der Melodie von Neils Youngs "Heart of Gold" von der Bühne schmettert, das furiose Finale ihrer skurrilen Probenraumcomedy.



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