Studienabbrecher "Staat setzt jährlich 2,2 Milliarden Euro in den Sand"

Fast jeder dritte Student lässt den Abschluss sausen. Nach dem Motto "Ein bisschen Schwund ist immer" lässt das die Hochschulen kalt. Der Stifterverband dagegen hält es für einen "Skandal": Der hohe Anteil an Uni-Deserteuren komme den Staat viel zu teuer zu stehen.

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Die deutschen Hochschulen haben über die Jahrzehnte viel Routine darin entwickelt, die schwindelerregend hohen Studienabbrecher-Quoten einfach zu ignorieren. In stark verschulten Studiengängen wie Medizin ist der Abbrecher-Anteil noch am geringsten; in den Ingenieurwissenschaften gibt es eine starke Tradition, die aus Sicht der Professoren untauglichen Studenten in den ersten Semestern "herauszuprüfen". Informatiker wiederum zeigen einen gewissen Hang, bei attraktiven Jobangeboten noch im Studium schnell zuzugreifen und der Uni-Theorie Lebewohl zu sagen.

Studenten in der Bibliothek: Den Unis sind die Abbrecher nahezu egal
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Studenten in der Bibliothek: Den Unis sind die Abbrecher nahezu egal

Richtig verheerend ist die Lage bei den Geisteswissenschaftlern: In manchen Disziplinen erreicht nicht einmal die Hälfte der Anfänger das Studienziel. Die Professoren schieben's dann gern nonchalant auf die angeblich intellektuell überforderten Studenten. Denn die sind aus ihrer Sicht im Zweifel schlicht zu dumm für die Uni - und ein bisschen Schwund ist doch immer.

Die Hochschulen und die Bildungspolitiker machen es sich zu einfach, meint der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Seinen Berechnungen zufolge sind Studienabbrecher aus volkswirtschaftlicher Sicht teure Blindgänger - 2,2 Milliarden Euro kosteten sie den Staat pro Jahr.

Diese Summe berechnete der Verband aus den Abbrecherquoten an Unis und Fachhochschulen, den Durchschnittskosten pro Studienplatz sowie der Verweildauer der Abbrecher. Rechnet man die privaten Investitionen und das entgangene Einkommen der Hochschul-Deserteure noch hinzu, komme man sogar auf jährliche Kosten von fast acht Milliarden Euro, so der Stifterverband.

"Dass fast 30 von 100 Studienanfängern die Hochschulen ohne Abschluss verlassen ist ein Skandal", sagte Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär. Im internationalen Vergleich seien die Abbrecherquoten in Deutschland viel zu hoch, dagegen müssten Bund, Länder und die Hochschulen entschlossen vorgehen.

Hochschulen für viele Examensteilnehmer belohnen

Warum so viele Studenten der Hochschule früher oder später ohne Examen den Rücken kehren, haben die Forscher des Hannoveraner Hochschul-Informations-Systems in mehreren Untersuchungen herausgefunden. Es ist meist eine Mischung mehrerer Gründe - von Enttäuschung über Praxisferne und Überfüllung über Probleme bei der Studienfinanzierung bis zu Motivationslöchern und Scheitern bei Prüfungen.

Abbrecher nach Fächern: Philologie vorn, Medizin hinten

Abbrecher nach Fächern: Philologie vorn, Medizin hinten

Das Studienabbruch-Problem hat inzwischen auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan entdeckt und will die hohen Schwundquoten in Schulen und Hochschulen auf die Reformagenda setzen, wenn die "Nationale Qualifizierungsoffensive" im Herbst ins Kabinett kommt. Konkrete Vorschläge nannte die CDU-Politikerin aber bisher nicht.

Klar ist: Die Wirtschaft trommelt bereits lautstark, weil es der Wirtschaft an Ingenieuren und anderen Fachkräften fehlt. Abbrecher-Quoten um die 30 Prozent wollen dazu nicht passen.

Die Umstellung der Studiengänge auf die neue Bachelor- und Masterstruktur allein werde das Problem nicht lösen, sagte Meyer-Guckel. Der Stifterverband schlägt drei Punkte vor:

  • Die Hochschulen sollen hohe Abbrecherquoten im Etat spüren. Die Höhe der Landesmittel müsse sich nicht mehr in erster Linie an der Zahl der Studiengänge bemessen, sondern an der Zahl der zur Abschlussprüfung geführten Studenten. "Das Modell belohnt Hochschulen, die sich ehrlich um den Studienerfolg der Studenten kümmern, ohne das Niveau der Prüfungen zu senken", so Meyer-Guckel.
  • Die Lehre brauche eine "nationale Qualitätsoffensive". Nach Auffassung des Stifterverbandes würde sich das gleich doppelt lohnen: "Eine Eine-Milliarde-Programm zur spürbaren Verbesserung der Lehre und der Betreuung der Studierenden wäre am Ende sogar kostenneutral, wenn es die Abbrecherquoten halbiert."
  • Zudem sollten alle Hochschulen Eignungstests verankern, damit Studienanfänger früh erfahren, was in den nächsten Semestern auf sie zukommt und welche Fähigkeiten sie mitbringen müssen. Andernfalls sei "das Scheitern in vielen Fällen programmiert", sagte Meyer-Guckel.

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