Glückliche Studienabbrecher Dann eben ohne Uni

Studium abgebrochen - das klingt nach Scheitern. Doch für viele ist das Uni-Aus ein Befreiungsschlag. Vier Ex-Studenten erzählen, wie sie ihr Glück jenseits der Hochschule gefunden haben.

Von Tanja Mokosch

Simon Joßberger

Vielleicht hätte ich mich vorher besser informieren sollen. Oder wird das erst noch interessant? Ich zieh das jetzt durch. Aber wozu? Ich schaff das nicht. Ich will das nicht mehr. Ich will lieber was anderes machen.

Viele Studenten kennen solche Gedanken, fast jeder Dritte zieht daraus Konsequenzen: 28 Prozent aller Bachelor-Studenten in Deutschland brechen ihr Studium ab. An der Uni schmeißt jeder dritte Student vor dem Abschluss hin, an der FH etwa jeder vierte.

Meistens werden solche Zahlen als schlechte Nachricht gesehen. Studium abgebrochen, das klingt nach Scheitern, nach Lebenslauflücke, nach mangelndem Durchhaltevermögen. Dabei kann die Entscheidung zum Abbruch des Studiums mutiger sein, als es einfach durchzuziehen.

Vier Ex-Studenten erzählen, warum die akademische Laufbahn nichts für sie war - und wie sie jetzt glücklich und erfolgreich durchs Leben kommen:

Georg Tarne

Georg Tarne, 25, Politikwissenschaften abgebrochen, betreibt jetzt eine eigene Firma

"Ursprünglich wollte ich Jazz und Popgesang studieren. Das hat leider nicht geklappt. Mein Plan B war: Ich gehe nach Wien und studiere irgendwas, weil ich gerne nach Wien wollte. Ich habe mich für Politikwissenschaften eingeschrieben, das war 2009. Etwa zwei Wochen nach Semesterstart begann die Audimax-Besetzung, ein Protest gegen das Bologna-System. Ich nenne es mein Seminar in angewandten Politikwissenschaften.

Schnell ging es darum, wie man sich als Bewegung organisiert. Da ich vor dem Studium eine Ausbildung zum Trainer in gewaltfreier Kommunikation gemacht hatte, konnte ich Workshops geben, wie man Konflikte so löst, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt werden. So bin ich in die Social-Entrepreneurship-Szene geraten und habe von der 'Pioneers of Change'-Ausbildung erfahren - ein einjähriges Training zum Thema: Wie setze ich ökologische, nachhaltige Projekte um und mache daraus Unternehmen?

Mir fiel es leicht, abzubrechen

Die Entscheidung, das Studium für die Ausbildung abzubrechen, ist mir relativ leicht gefallen. Das Studium ist nur einer von vielen Lernräumen, und für mich war es nicht der richtige.

Die Idee zu meinem Unternehmen kam mir noch während der Ausbildung. Ich hatte immer alte Wodka- und Weinflaschen mit Wasser dabei und wurde dafür ausgelacht - eine Alternative musste her. Das Grundkonzept von 'Soulbottles' ist, die nachhaltigste Alternative cool, sexy und komfortabel zu machen: Glasflaschen mit schönem Design statt Wasser in Plastikflaschen.

Am Anfang habe ich zusammen mit einem Freund viel selbst gemacht: Folien drucken lassen, per Hand auf Flaschen aufkleben und zum Brennofen fahren. Inzwischen werden unsere Flaschen in Italien produziert und in Deutschland bedruckt. Wir machen hier den Verschluss drauf und verschicken sie. Von den Einkünften kann ich inzwischen einigermaßen leben.

Das beste an der ganzen Sache ist aber, dass wir schon in unserem ersten Jahr mit Soulbottles knapp 600 Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser verschaffen konnten. Und dieses Jahr werden es sogar schon ungefähr 2.500 Menschen sein. Mit jeder verkauften Flasche geht nämlich ein Euro an Trinkwasserprojekte."

Alexandra Tobor

Alexandra Tobor, 33, Soziologie abgebrochen, arbeitet jetzt als freie Autorin

"Ich habe schon die Schule kurz vor dem Abi geschmissen, weil ich dachte: Wenn aus mir irgendetwas werden soll, darf ich nicht diesen klassischen Weg gehen. Meine Erfahrungen in den Medien, als Praktikantin und später als freie Mitarbeiterin bei einer Musikzeitschrift, waren ziemlich unbefriedigend. Mir wurde klar, dass ich was Intellektuelles machen muss, etwas, wo ich meinen Kopf sinnvoll einsetzen kann.

Also habe ich das Abi doch nachgeholt und mich an der Uni für Soziologie eingeschrieben. Für zehn Semester war ich die ideale Studentin: Bestnoten, Stipendium, eine Stelle als studentische Hilfskraft, die akademische Karriere vor Augen. Aber auf Dauer hat es mich aufgeregt, wie wenig die Soziologie bewirken kann draußen in der Welt. Ich wollte die wissenschaftliche Erkenntnis nutzen, um Geschichten zu erzählen, mit denen jeder was anfangen kann.

Plötzlich Autorin

Dann habe ich vollkommen überraschend einen Buchvertrag bekommen. Eine Agentin ist über Twitter auf mich aufmerksam geworden. Damit ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Aber ich hatte gerade meine Diplomarbeit angemeldet, erst ein paar Kapitel des Buches fertig und ein Jahr Zeit für den Rest. Das hat mich total unter Druck gesetzt. Irgendwann wagte ich zu denken: Wie wäre es, wenn ich jetzt das Studium schmeiße? Und so kam es dann.

Für meine Eltern war das schwer zu verstehen. Sie gehören zu einer Generation, die noch etwas auf akademische Titel gibt. Ich persönlich habe davon nichts. Mich treibt nicht soziale Anerkennung an, sondern Neugier. Bildung lässt sich nicht abschließen. Wer die Uni verlässt und nie wieder ein Buch in die Hand nimmt, hat umsonst studiert. Inzwischen arbeite ich an meinem zweiten Buch. Reich gemacht hat mich die Entscheidung nicht, und ich werde es wahrscheinlich auch nicht. Aber die Arbeit als Autorin macht mich glücklich und gibt mir das gute Gefühl, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben."

Simon Joßberger

Simon Joßberger, 28, Technische Informatik, Maschinenbau und Wirtschaftsmathematik abgebrochen, macht jetzt eine Ausbildung zum Elektroniker

"Technische Informatik und Maschinenbau, das waren meine ersten Versuche, zu studieren. Beide Male hatte ich mir die Inhalte anders vorgestellt und war in manchen Fächern überfordert, also habe ich abgebrochen. Klar, ich habe auch gemerkt: Das Konzept Uni ist nichts für mich, all die Theorie, das viele Herumsitzen im Hörsaal. Aber man bekommt auf dem Gymnasium vermittelt: Du machst Abitur, dann hast du auch zu studieren. Das war der Anspruch, den ich hatte.

Ich habe einen dritten Versuch gestartet: Wirtschaftsmathematik. Vorher dachte ich vor allem an Karrierechancen, diesmal wollte ich etwas machen, das mir schon immer Spaß gemacht hat. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, jemals bei einer Bank, Versicherung oder Unternehmensberatung zu arbeiten. Ich war schon immer mehr Praktiker.

Wie werde ich als Handwerker angesehen?

Mein Onkel hat mich dann auf ein Programm aufmerksam gemacht, das Studienabbrechern Ausbildungen in Handwerksberufen vermittelt. Obwohl ich das Programm spannend fand, war es für mich unvorstellbar, zum dritten Mal abzubrechen. Und dann war da noch der gesellschaftliche Druck: Ein "einfacher Handwerker" genießt nicht das größte Ansehen.

Andererseits waren so viele Leute in meinem Umfeld mit ihrem Job unzufrieden - trotz Uni-Abschluss. Also habe ich doch ein Praktikum in meinem jetzigen Betrieb gemacht, dann war die Entscheidung schnell gefallen: Ich unterschrieb den Vertrag für die Ausbildung zum Elektroniker. Trotz Angst vor den Reaktionen meiner Freunde und Familie hielt ich daran fest. Die meisten haben es dann auch gut aufgenommen, vor allem meine Eltern. Heute bin ich endlich glücklich mit dem, was ich tue."

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Ben Paul

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Ben Paul, 23, Jura abgebrochen, betreibt jetzt ein eigenes Blog

"Ich habe an der Bucerius Law School studiert. Nach einem Jahr habe ich mich beurlauben lassen. Ich war mir nicht sicher, ob ich mein Leben lang Jura machen will. Mir fehlte eine Vision. Darum bin ich nach Nicaragua, um einen Freiwilligendienst zu machen. So esoterisch das klingt: Da hatte ich zum ersten Mal Zeit, mich ohne Druck mit mir selbst, meinen Interessen und meinen Werten auseinanderzusetzen.

Nach einigem Hin und Her entschied ich mich dann, das Studium abzubrechen. Es war mehr eine Bauch- als eine Kopfentscheidung. In langen Diskussionen überzeugte ich auch meine Eltern. Sie erwarteten aber, dass ich schnellstmöglich den nächsten Studiengang finde. Auch für mich war es keine Option, nicht zu studieren. Ich habe mich hingesetzt und überlegt, was ich wirklich machen will: Verantwortung übernehmen und eigene Ideen umsetzen, mein eigener Chef sein. Dann muss ich irgendwas mit 'Business' studieren, dachte ich zuerst.

Als ich zurück nach Deutschland kam, habe ich mich an ein paar Unis beworben, bis Semesterbeginn war noch Zeit. Ich habe mir ein Praktikum beim 'Idea Camp' in Berlin besorgt: ein Netzwerk, das Leuten hilft, Geschäftsideen umzusetzen.

Der Semesterbeginn rückte näher, ich habe mich in BWL-Vorlesungen gesetzt und es kaum ausgehalten. Ich hatte den Eindruck, die Professoren hätten von der Praxis weniger Ahnung als ich. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass es noch viele andere junge Leute gibt, die mit dem Studium unzufrieden sind und lieber etwas anderes machen würden.

So ist die Idee zu meinem 'Anti-Uni-Blog' entstanden. Das Blog soll zeigen, wie man ohne Uni lernen kann und setzt schon bei der Suche nach dem an, was man machen möchte - diese Selbstfindungsphase kommt meiner Meinung nach in unserem Bildungssystem viel zu kurz. Ich will um das Blog herum eine Community mit Kursen schaffen, eine alternative Online-Universität, die den Leuten hilft, ihre wahren Potenziale zu entdecken und ihr eigenes Ding zu machen. Und ich will auch offline eine alternative Uni schaffen. Mit dem Blog verdiene ich inzwischen sogar ein wenig. Ich bin überzeugt, dass sich da noch einiges tun wird."

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 08.09.2014
1. Na...
...ist doch schön...wenn sie was produktives leisten und sich dabei auch noch wohl fühlen...leider ist für viele Jobs heute ein akademischer Abschluss Voraussetzung....
a.weishaupt 08.09.2014
2.
Diese "ich habe abgebrochen und bin stolz drauf"-Artikel sind merkwürdig, zumal man sie hier schon einige Male sah. Man bekommt den Eindruck, jemand wolle sich seine Entscheidung (oder sein Scheitern?) schönreden.
kprangenberg 08.09.2014
3. I love Studienabbrecher
Es muss ja noch Leute geben, die Jobs MACHEN indem sie Firmen gründen und sich trauen "ihr Ding" zu machen. Studienabbrecher verlassen ihre Komfortzone und betreten Neuland. Studienbeender richten sich viel stärker nach dem Arbeitsmarkt aus und dienen sich bereitwilliger als Arbeitskraft an.
moobzi 08.09.2014
4. jedem das seine
ich studiere auch gerade, aber ich würde es nie hinschmeisen auch wenn ich oft gelangweilt bin, aber wer es machen möchte und wer gut ist schaft es auch so! ich habe auf meinem weg einige Menschen kennengelernt die nichts gelernt haben und manche von ihnen brauchen sich für ihre nächsten 3 Generationen keine sorgen machen! gerade heute ist es einfacher denn je sich selbst zu verwirklichen, es sind vielleicht einige Dinge schwieriger geworden, aber andere erheblich leichter, gerade wegen Medien wie dem Internet. das einzige was man wirklich braucht ist Mut seinen weg zu gehen, egal wie er aussieht und was andere davon halten!
HWGerlacher 08.09.2014
5.
Ist mir auch aufgefallen, Artikel über glückliche Studienabbrecher erscheinen hier regelmäßig...
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