Studienabbrecher Wer schmeißt hin - und warum?

Die Abbrecherquote in Deutschland ist hoch: Knapp jeder dritte Student verlässt die Uni ohne Abschluss. Warum? Und welche Studenten sind besonders betroffen?

Studenten an der Universität Köln - bundesweit brechen rund 29 Prozent ihr Studium ab
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Studenten an der Universität Köln - bundesweit brechen rund 29 Prozent ihr Studium ab


Deutschland verbucht zwar Rekordzahlen bei den Studienanfängern, aber bis zum Abschluss halten längst nicht alle durch. 29 Prozent aller Bachelorstudenten brechen ihr Studium vorzeitig ab, hat eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ergeben. Die Forscher untersuchten umfassend, welche Studenten am ehesten zum Studienabbruch neigen, wann sie ihr Studium beenden - und vor allem warum.

An Universitäten ist die Abbrecherquote mit 32 Prozent demnach etwas höher als an Fachhochschulen mit 27 Prozent. Die Mehrheit dieser Studenten beißt sich nicht jahrelang durch, um das Studium dann hinzuschmeißen, vielmehr entscheiden sich viele frühzeitig für den Abbruch. Knapp die Hälfte verlässt die Hochschule bereits in den ersten beiden Semestern, knapp ein Drittel im dritten oder vierten Semester.

Die wichtigsten Gründe:

  • 30 Prozent der Bachelorstudenten gingen von der Uni ab, weil sie die Leistungsanforderungen im Studium nicht bewältigen konnten, kam bei einer Befragung der Forscher heraus.
  • 17 Prozent der Studienabbrecher verwiesen auf mangelnde Motivation.
  • 15 Prozent stellten während des Studiums fest, dass sie nicht weiter über Texten brüten, sondern lieber "eine praktische Tätigkeit" ausüben wollten.

Weitere Ergebnisse: diejenigen, die ihr Studium abbrechen, hatten im Schnitt auch im Abitur schon schlechtere Noten, vor allem in Mathematik, Deutsch und Englisch. Wer vorher eine Ausbildung abgeschlossen hat, bricht das Studium häufiger ab als andere: 23 gegenüber 17 Prozent.

Außerdem ist wieder einmal die Herkunft entscheidend: Von den Studienabbrechern kommen nur 16 Prozent aus Elternhäusern, in denen beide Eltern Akademiker sind. Dagegen stammen 27 Prozent der Studenten, die ihr Studium abschließen, aus einer solchen Familie.

Für die Studie hatten Forscher die Studienabbruchquote auf Basis des Absolventenjahrgangs 2014 berechnet. Zusätzlich wurden 6000 Exmatrikulierte, darunter mehr als 1000 mit Migrationshintergrund, sowie Uni-Vertreter befragt.

Wer sind die Studienabbrecher?

Welche Studenten am ehesten dazu neigen, das Studium abzubrechen, ergab eine Teilstudie, gefördert von der Stiftung Mercator. Studenten, die ihre Hochschulreife nicht an einem Gymnasium, sondern auf anderem Wege erworben haben, beenden ihr Studium öfter vorzeitig - insbesondere aufgrund von Leistungsproblemen.

"Es wird deutlich, dass nicht-gymnasiale Schulen, die zur Hochschulreife führen, nicht so gut auf ein Studium vorbereiten wie das Gymnasium", schreiben die Autoren der Studie. Dieses Problem betreffe in besonderem Maße Jugendliche mit Migrationshintergrund, da sie nach der Grundschule häufig kein Gymnasium besuchen, sondern ihre Hochschulzugangsberechtigung an einer anderen weitführenden Schule oder über den zweiten Bildungsweg erwerben.

Studenten mit Migrationshintergrund brechen ihr Studium der Studie zufolge überdurchschnittlich häufig ab: Im Bachelorstudium sind es 43 Prozent. Die Gründe für das Uni-Aus sind teilweise ähnlich wie bei allen anderen, es gibt aber Unterschiede.

Wichtigste Ursache sind auch bei Studienabbrechern mit Migrationshintergrund Leistungsprobleme. Diese sind bei ihnen häufig unter anderem durch Schwierigkeiten mit der deutschen Wissenschaftssprache bedingt, heißt es in der Studie.

Exmatrikulierte aus zugewanderten Familien geben allerdings überdurchschnittlich häufig an, dass finanzielle Sorgen ausschlaggebend für ihr Uni-Aus waren. 45 Prozent brechen deshalb ihr Studium ab. Sonst liegt die Quote bei 34 Prozent.

Studienergebnis: Vielen fehlt die intrinsische Motivation

"Migranten können von ihren Eltern seltener im Studium unterstützt werden und berichten häufiger von einer ungesicherten Studienfinanzierung", heißt es in der Studie. Besonders stark seien jene betroffen, die aus Nichtakademikerfamilien stammen. Wenn Studenten mit Migrationshintergrund aus einem akademischen Elternhaus stammen, hätten sie kaum größere Probleme bei der Bewältigung eines Studiums als andere.

Ein weiteres Ergebnis: Junge Menschen mit Migrationshintergrund richten sich bei der Wahl ihres Studienfaches seltener als andere danach, welches Fach sie interessiert, sondern schauen viel mehr, welches Studium gute Arbeitsmarktchancen und ein gutes Einkommen verspricht. Dies geht "häufig mit einer fehlenden Identifikation für das Studium einher und gefährdet den Studienerfolg erheblich", heißt es in der Studie.

Das Fazit der Autoren: "Erste entscheidende Hürden werden schon beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule aufgebaut, da viele Schüler mit Migrationshintergrund kein Gymnasium besuchen." Mit dem Erwerb der Hochschulreife sei dann ihr Wunsch meist sehr groß, durch ein Studium den sozialen Aufstieg zu schaffen. Zugleich fehlten jedoch Orientierung und Vorbilder, um das gewünschte und passende Studienfach auszuwählen.

Was folgt aus all dem?

Die Autoren der Mercator-Studie empfehlen unter anderem:

  • Nicht-gymnasiale Schulen müssten sich besser auf ein Studium vorbereiten.
  • An den Hochschulen sollten Angebote zur fachlichen Studienvorbereitung weiter ausgebaut und stärker auf heterogene Zielgruppen - unter anderem Studieninteressierte mit Migrationshintergrund und/oder aus Nichtakademikerfamilien - ausgerichtet werden.
  • Sozial benachteiligte Studenten sollten bei der Sicherung ihrer Studienfinanzierung mehr Unterstützung erhalten.
  • Der Bezug von BAfög stelle in vielen Städten keine ausreichende Grundlage zur Finanzierung des Lebensunterhalts dar.Der Umgang mit Deutsch als Wissenschaftssprache sollte in der schulischen Oberstufe und auch zu Studienbeginn gefördert werden.

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler, empfiehlt ein Orientierungsjahr als Option: "Gerade in den Ingenieurwissenschaften, wo Mathematik bisher die große Bremse und oft verantwortlich für Studienabbruch war, hat sich das bewährt. Solche Orientierungsphasen kosten Geld, aber es würde sich lohnen."

fok



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