Studienabbrecherin Judith Holofernes Werde du mal Popstar, Kind!

Sie begann mit Straßenmusik und hätte am liebsten in Liverpool Gesang gelernt. Heute ist Judith Holofernes Sängerin der Erfolgsband Wir sind Helden. Auf der Suche nach Plan B für den besorgten Vater verirrte sie sich einst ins Studium - und lernte vor allem, was sie nicht will.

Von Jan Hauser


Die junge Judith singt und strahlt und spielt. Sie klampft und trällert "Knockin' on heaven's door", während die Menschen in Freiburgs Fußgängerzone an ihr vorbeihasten. Mit 14 Jahren verdient sie zum ersten Mal Geld mit Musik, mit der Gitarre in der Hand und vor wildfremden Menschen.

So war das damals, so ähnlich ist das auch noch heute. Nur viel größer. Judith Holofernes jetzt 31 Jahre alt, verheiratet, Popstar und die Galionsfigur ihrer Band Wir sind Helden. Ein paar Stunden vor ihrem nächsten Konzert sitzt sie im Künstler-Raum und sagt, dass sie auch als Straßenmusikerin hätte irgendwie leben können.

Ein Sofa weiter liegt ihr Mann, Pola Roy, der Helden-Schlagzeuger mit langen schwarzen Haaren und Vollbart. Bassist Mark Tavassol sitzt auf einem Sofa daneben, Gitarrist und Keyboarder Jean-Michel Tourette wartet draußen auf Bierbänken mit Crew und Vorband auf den Auftritt. Die Helden sind entspannt und so locker, als würden sie kegeln gehen, aber nicht demnächst für und mit Tausenden rocken, tanzen, singen.

Holofernes trägt ihre langen braunen Haare zum Pferdeschwanz gebunden und erzählt von ihrer Schulzeit und einem Sommerkurs beim Liverpool Institute for Performing Arts. Davon war sie so begeistert, dass sie fast dort geblieben wäre.

Nach ihrem Abi in Freiburg versuchte Judith Holofernes, zurück nach in Liverpool zu kommen. Weil sie fürchtete, keinen der sechs Gesangsplätze zu ergattern, bewarb sie sich für Performance Management. Auch damit könnte sie Gesangskurse an der Paul McCartneys Musikakademie belegen, so Judiths Kalkül. Der Plan ging nicht auf: "Am Schluss haben sie gemerkt, dass ich eigentlich doch nur singen will. Dann war ich durchgefallen und mein Herz fast gebrochen."

Studium als Plan B

Sie stand mit leeren Händen da, doch vor allem der Vater sollte einen Plan B präsentiert bekommen. Also ab ins Berufsinformationszentrum: "Ich habe gesagt, ich mag irgendwie gern schreiben und vielleicht irgendwie so Journalismus, das war total wirr."

Judith hörte vom Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Forsch fuhr sie nach Berlin und fragte nach: "Wenn man das macht, kann man daneben ganz viel Musik machen und braucht eigentlich kaum jemals zu kommen?" Sie lacht: "Und die haben gesagt: Ja, das ist so." Ihr Plan B war geboren.

Sie zog also in ihre Geburtsstadt Berlin und studierte an der Hochschule der Künste, aber glücklich machte sie das nicht: "Die anderen Studenten hinterfragten wenig. Die kicherten, wenn jemand fragt, ob ein preisgekrönter Werbespot unethisch ist." Judith suchte den gesellschaftswissenschaftlichen Teil des Studiums, doch oft fand sie nur Wirtschaftskommunikation. Andererseits lernte sie Filme zu analysieren, für eine tägliche Fernsehserie zu schreiben. Und sie fand an der Uni ihre engsten Freunde.

Ein kleiner Terrier namens Holofernes

Allein trat sie in kleinen Berliner Clubs auf. Das änderte erst der Popkurs der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Im Sommer 2000 besuchte sie ihn für zweimal drei Wochen und fand Menschen, die mit ihr Musik machten. Der Startschuss für Wir sind Helden: "Ich hab mich wie ein kleiner Terrier in Polas, Jean-Michels und Stefans Beine verbissen, am Ende waren wir eine Band." Bassist Stefan verließ später die Helden, dafür stieg Mark Tavassol ein.

Ihr letzter Auftritt an der Hochschule in Berlin war eine neunmonatige Gruppenarbeit über Werbe- und Konsumkritik: "Das war ein totales Kuriosum in dem Studiengang und hat für ziemlich viel Aufregung gesorgt." Mit dem Studium war sie danach fertig, das Kapitel für sie abgeschlossen. Sie ging einfach nicht mehr hin.

Damit wurde ein Weg frei, der für sie schon lange klar war - ungefähr seit sie mit acht Jahren die Plattensammlung ihrer Mutter entdeckt hatte. Liverpool, das war schon der rechte Pfad, während das Studium ein Ablenkungsmanöver blieb, sagt sie. "Es war das typische Künstlerding, dass man lange braucht, um den Sprung zu wagen und einzusehen, dass man wirklich nur das machen will." Judith sprang und konzentrierte sich fortan ganz auf die Musik.

"Mach das mit der Musik, aber lern was Anständiges"

Und was sagte der Vater, für den sie sich den Plan B zurechtgelegt hatte? "Klar, dass der nicht sagt: Ist eine geile Idee mit der Musik, werde du mal Popstar, Kind", erinnert sich Holofernes. "Er hat gesagt: Mach das mit der Musik, aber lerne noch was Anständiges." Inzwischen hat er sich bei der Tochter entschuldigt und findet es super. "Das war mehr meine Sorge, dass ich das Gefühl hatte, etwas beweisen zu müssen", sagt sie.

Aus ihrem Studium ist nichts geworden.Judith Holofernes bereut nichts: "Ich bin überhaupt nicht unglücklich, den Irrweg über das Studium genommen zu haben. Ich habe viel gelernt, zum Beispiel was ich nicht will und was Leute wollen, die Sachen wollen, die ich nicht will." Und sie hat sich auch amüsiert, sagt sie, während sie aufsteht, um sich vor dem Auftritt noch um ihren kleinen Sohn Friedrich zu kümmern.

Drei erfolgreiche Alben, viele Singles, ein Buch - es läuft gut für die Helden: "Richtig reich sind wir nicht, aber wir verdienen auf jeden Fall mehr, als wir jemals dachten." Später am Abend spielt sie auf der großen Bühne, mit Gitarre, mit ihren drei Bandkollegen, mit Trompetern und Verstärkern. Sie spielt und strahlt und singt. Fast wie damals auf der Straße - nur ein paar Nummern größer.

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