Untersuchung zur Studienfinanzierung Bafög reicht immer weniger zum Leben

Ein Studentenzimmer für 325 Euro warm? Lehrbücher, Fahrtkosten und Lebensmittel für höchstens 420 Euro im Monat? Die Bafög-Sätze sind realitätsfern, sogar noch nach der geplanten Erhöhung. Das zeigt eine neue Studie.

Studentin (Archivbild)
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Weder die aktuellen Bafög-Sätze noch die für 2019 geplanten höheren Fördersummen reichen aus, um die durchschnittlichen Studienkosten zu decken. Das zeigt eine Studie des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, die am Dienstag veröffentlicht wurde. (Die Studie kann hier als PDF heruntergeladen werden.)

Die Differenz zwischen den Bafög-Zahlungen und den realen Kosten ist teilweise so groß, "dass das Bafög seinen Zweck nur noch begrenzt erfüllt", sagt Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts. Daran ändere auch die für Herbst 2019 geplante Reform nichts.

"Zwar ist die Erhöhung der Mietpauschale von 250 auf 325 Euro beträchtlich", sagt Dohmen, "allerdings können viele Studierende damit die zuletzt stark gestiegenen Mieten trotzdem nicht vollständig finanzieren." Auch die angekündigte Erhöhung des Bafög-Grundbedarfs von 399 auf 420 Euro gehe an der Realität vorbei und bleibe hinter der Preisentwicklung seit der vorigen Anhebung im Herbst 2016 zurück.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

  • Die durchschnittlichen Gesamtausgaben der Studenten sind - ebenso wie die Mieten - zwischen 2012 und 2016 um bis zu 55 Prozent gestiegen.
  • Ausgaben für Fahrtkosten und Gesundheit haben sich im selben Zeitraum teilweise sogar verdoppelt.
  • Von den Steigerungen besonders betroffen sind einkommensschwächere sowie jüngere Studierende.

Durch die Steigerungen "liegen die Lebenshaltungskosten auch bei einkommensschwachen Studierenden fast immer über den Förderungshöchstsätzen des Bafög", stellen die Autoren der Studie fest.

Für die Untersuchung haben die Bildungsökonomen die Studenten in Kategorien eingeteilt und deren durchschnittliche Lebenshaltungskosten ermittelt. So lagen 2016 die Ausgaben von einkommensschwachen, allein wohnenden 18 bis 24 Jahre alten Studenten bei durchschnittlich 800 Euro - das waren 250 Euro mehr als noch vier Jahre zuvor.

Einzelheiten zur Studie
Wer hat die Studie in Auftrag gegeben?
Die Studie wurde vom Deutschen Studentenwerk (DSW) in Auftrag gegeben, dem Dachverband der Studentenwerke an den Hochschulstandorten. Durchgeführt wurde sie vom Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs).
Welche Daten wurden erhoben?
Die Fibs-Autoren haben bereits vorliegende Erhebungen ausgewertet, unter anderem Daten des Statistischen Bundesamts zur allgemeinen Preisentwicklung sowie die 21. Sozialerhebung des DSW. In der Sozialerhebung wurden Daten von über 55.000 Studenten berücksichtigt. Die Berechnungen beziehen sich auf das Jahr 2016, enthalten aber auch eine Prognose für die Preisentwicklung seit 2016 bis 2019.
Was war das Ziel der Untersuchung?
Mit der Studie sollte überprüft werden, ob das Bafög seinen Anspruch erfüllt, bedürftigen Studenten ein materiell abgesichertes Studium zu ermöglichen. Die Antwort: Dieser Anspruch wird allenfalls teilweise eingelöst.

Größter Kostentreiber sind demnach die Mieten mit einem Anstieg um 53 Prozent von 235 auf 360 Euro. Als "besonders dramatisch" bezeichnen es die Autoren der Studie, dass viele Studenten gleichzeitig die Ausgaben für Ernährung, Freizeit, Kleidung und Lernmittel zurückschrauben - hier sehen sie offenbar noch Sparpotenzial.

Während die Grundsicherung von Ernährungskosten in Höhe von 145 Euro ausgeht, geben Studenten hierfür tatsächlich oft weniger als 120 Euro aus. Manche der Befragten haben dabei auch deutlich weniger als die durchschnittlichen 800 Euro zur Verfügung. Sie hätten teilweise gerade einmal 80 Euro im Monat für Lebensmittel, so Dieter Dohmen: "Diese Ausgaben für Ernährung sind oft so niedrig, dass sie unterhalb des physiologischen Existenzminimums liegen dürften."

Wenn die Bundesregierung die von ihr angekündigte Trendumkehr bei der Bafög-Förderung schaffen will, reichen die bisherigen Pläne bei Weitem nicht aus, so das Fazit der Forscher. Bei der anstehenden Reform im Herbst 2019 müsse es deshalb "eine deutlich überproportionale Erhöhung geben", fordert Dieter Dohmen - sonst sei das Bafög bald ein wirkungsloses Instrument.



insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
baerenfreund-tim 08.01.2019
1.
und wenn man Geld dazu verdient wird das vom Bafög abgerechnet. Außerdem gilt für Studenten kein Mindestlohn.
Gut Reden 08.01.2019
2. Differenzieren
Fahrtkosten sind idR im Semesterticket für fast nix drin. Kostet eine Schülerkarte schon monatlich so viel wie dort ein Semester. Von Wohnung zur Uni. "Fernreisen" zu den Eltern etc. muß man halt selbst finanzieren, Ponyhof und so. Fachbücher kann man scih oft leihen und sind auch je nach Studiengang ganz unterschiedlich. Insgesamt sollte man halt langsam unterscheiden, welche Studiengänge da überhaupt und wie hoch gefördert werden um das nach Bedarf (und Aufwand) ein wenig zu steuern. Auch muß nicht jeder möglichst in die In-Städte.
je_pense 08.01.2019
3. Es kann doch klappen.
Ich habe während meines Studiums keinen Anspruch auf Bafög gehabt. Lehrbücher etc zählten meine Eltern, ebenso in dringenden Fällen etwas Kleidung. Dennoch bin ich mit 600€ gut zurecht gekommen und habe mit dem ein oder anderen Nebenjob auch regelmäßig Urlaub machen können. Das war vor ca. 10Jahren, da denke ich es sollte auch mit dem neue. Satz des Bafögs gehen.
m.m.s. 08.01.2019
4. Traumhöhe
Von einer derartigen Höhe des pro Monats zur Verfügung stehenden Geldes hätte ich während des Studiums gar nicht zu träumen angefangen. Da mussten umgerechnet 200,- bis 250,- im Monat reichen, mit eigener Unterkunft am äußersten Stadtrand selber zu bezahlen. Selbst mit Inflation und höheren Kosten sind das Bafög für mich deshalb Luxusbeträge. Kann nur staunen, was heute alles so als selbstverständlich angesehen wird.
Sonia 08.01.2019
5. Jobben
so viele freie Jobs wie noch nie; so studierten die Eltern u. ggf. Großelterngenerationen erfolgreich unter viel schwierigeren Bedingungen. Heute wird sofort nach staatlicher Rund-um-Versorgung gerufen. Ja, es ist wenig Geld; aber es ist zumutbar, sich etwas dazuzuverdienen und Kontakt zum wahren Leben zu behalten.
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