Tafeln an US-Unis "Es gibt Studenten, die hungrig ins Bett gehen"

Ein Studium in den USA ist teuer, manchen Studenten fehlt es deshalb sogar am Geld für die nächste Mahlzeit. An einigen Universitäten entstehen nun Tafeln. Ehrenamtliche Helfer verteilen dort Essenspakete an ihre Kommilitonen.

Essensausgabe der Studententafel an der Michigan State University in East Lansing
DPA/MSU Food Bank

Essensausgabe der Studententafel an der Michigan State University in East Lansing


Noch 50 Dollar im Geldbeutel, für eine Woche. Das könnte knapp werden. Dieses mulmige Gefühl kennt Paul Vaughn, Student an der George Mason University im US-Staat Virginia. Es gab Zeiten, da hatte er parallel zwei Nebenjobs - und selbst damit reichte das Geld kaum für das Allernötigste, erinnert er sich. "Fast so schlimm wie der Hunger selbst ist der Stress, dass man hungrig sein wird", erzählte Vaughn kürzlich der "Washington Post".

"Es gibt tatsächlich Studenten, die hungrig ins Bett gehen oder nicht wissen, was sie morgen essen sollen", sagt Nate Smith-Tyge. Er ist Leiter der Studententafel an der MSU-Universität im Staat Michigan. 30 bis 40 ehrenamtlich engagierte Studenten verteilen hier alle zwei Wochen Essenspakete an bedürftige Kommilitonen. Über die Theke gehen dann unter anderem Brot, Nudeln und Früchte - alles finanziert durch Spenden. "Wir bitten die Leute darum, alles mitzunehmen, was sie brauchen - aber nicht mehr, als sie brauchen", sagt Smith-Tyge. Das funktioniere in der Regel auch gut. Er hofft dennoch, dass diese Form der sozialen Hilfe keine Dauerlösung wird.

Mehr als 4000 Studenten versorgt die Tafel so jährlich, bis zu 300 allein bei einer einzelnen Essensausgabe - und sie ist mittlerweile nicht mehr allein. "Langsam realisieren auch andere Universitäten, dass immer mehr Studenten nicht wissen, wo sie ihre nächste Mahlzeit herbekommen", sagt Smith-Tyge. An mehr als 120 US-Hochschulen gebe es mittlerweile Studententafeln, zum Beispiel an der University of Missouri im Mittleren Westen der USA oder an der Oregon State University an der Westküste - noch vor fünf Jahren habe es bundesweit gerade einmal neun Studententafeln gegeben.

1500 Dollar für 75 Mahlzeiten in der Washingtoner Mensa

Wie verbreitet existenzielle Sorgen unter US-Studenten sind, zeigen Umfragen: So gaben an der City University New York im Jahr 2011 knapp 23 Prozent der Studenten an, aus finanziellen Gründen manchmal hungrig zu sein. An der ländlich gelegenen Western Oregon University an der US-Westküste teilten laut einer aktuellen Umfrage sogar fast 60 Prozent der Studenten die Sorge, nicht genügend Geld für Lebensmittel zu haben.

Der große Ansturm auf die Studententafeln mag nicht zuletzt an den hohen Studiengebühren in den USA liegen. Dem Verband College Board zufolge stiegen sie in den vergangenen zehn Jahren an Privatuniversitäten um 25 Prozent, an staatlichen Hochschulen um 51 Prozent. So kostet ein Studium in den USA zwischen 3000 bis mehr als 40.000 Dollar im Jahr. Wer keine wohlhabende Familie oder ein Stipendium hat, muss sich dafür extrem verschulden: Rund 70 Prozent der US-Absolventen studierten im Jahr 2013 auf Kredit, zeigt eine Umfrage des Finanzunternehmens Fidelity; sie verließen die Universität im Schnitt mit 35.000 Dollar Schulden (etwa 25.000 Euro).

Hinzu kommt, dass auch die Essensangebote auf dem Campus häufig teuer sind. Viele Universitäten verkaufen im Vorfeld eines Semesters sogenannte "meal plans" (Menüpläne). Diese Essenspakete funktionieren ähnlich wie eine Prepaid-Karte fürs Handy: Die Studenten erwerben eine bestimmte Anzahl von Mahlzeiten, die sie im Laufe des Semesters einlösen können. An der American University in Washington zum Beispiel kostet das günstigste Essenspaket rund 1500 Dollar (1100 Euro) und umfasst 75 Mahlzeiten - für eine unlimitierte Anzahl von Gerichten muss man knapp 3000 Dollar (2200 Euro) auf den Tisch legen.

Auch in Deutschland nutzen mehr Studenten die Tafeln

Auch in Deutschland versorgen immer mehr Ausgabestellen der Deutschen Tafel mittlerweile auch Studenten. "Die Zahl der Studenten, die zu uns kommen, ist in den vergangenen Monaten sehr stark gewachsen", sagt Manfred Baasner, Vorsitzender der Wattenscheider Tafel, die sich auch um Menschen im benachbarten Bochum kümmert. Dort studieren etwa 40.000 junge Männer und Frauen. Studentische Kundschaft vermelden unter anderem auch Tafel-Ehrenamtliche aus den Unistädten Berlin, Leipzig und Paderborn.

In Münster wird sogar darüber nachgedacht, eine Ausgabestelle direkt an der Uni zu eröffnen: Damit wäre die Hemmschwelle deutlich niedriger, das Angebot von Gratis-Lebensmitteln anzunehmen, glaubt der Vorstand des münsterschen Tafel-Vereins.

In Deutschland verfügt der Durchschnittsstudent laut der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks über 864 Euro im Monat - und gilt damit nach den Kriterien des Bundes genauso als "armutsgefährdet" wie viele Hartz-IV-Empfänger oder ältere Menschen mit Mini-Renten. Die Grenze ist für einen alleinlebenden Menschen momentan dann unterschritten, wenn er mit weniger als 980 Euro pro Monat auskommen muss.


 

Geht es Ihnen finanziell besser oder schlechter als den anderen Studenten? Der Vergleichsrechner verrät es:

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Louisa Klink/dpa/lgr



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insgesamt 79 Beiträge
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Maria-Galeria 11.05.2014
1. Je mühseliger
unsere Kopfarbeiter ihre Doktorgrade erwerben, desto elitärer wird wohl deren Bewußtsein wenn sie es endlich geschafft haben, so kann man auch Hierarchien festigen. Alles Kalkül
mchunter 11.05.2014
2. 20 US Dollar
pro Mahlzeit sind auch zu viel!
KeineIdee100 11.05.2014
3. 1100€
1100€ für 75 Mahlzeiten??? Ist das richtig? Das sind ja über 14€ pro Mahlzeit, da kann man aber gut und reichhaltig für kochen.
fessi1 11.05.2014
4. Hungrig ins Bett...
Grüße nach Nordkorea aus dem "Land of the Free". Unsere Geschichtslehrerin redete bezüglich den USA immer von "Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten". Das hielt ich immer für sozialistische Propaganda...
Nilsemann 11.05.2014
5. 3. Welt Land USA
Dieses Land ist so grenzenlos kaputt. Auf einer Ebene wie Indien, Brasilien, China, Russland. Milliarden fuer Ruestung, aber der Grossteil der Bevoelkerung ist "white trash". Ueberall gleich: Aussenpolitisch wirken wie die Axt im Wald, um von innenpolitischer Misere abzulenken. Nach mehrjaehrigem Aufenthalt in Laendern rund um den Globus, ist mir unsere deutsche Puppenstube trotz "Mutti" und Luxusdiskussionen um 3-Liter Autos immer wieder am Liebsten!!
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