Studienberatung Was, wie, wo studieren?

Mehr als 18.000 Studiengänge bieten Hochschulen in Deutschland derzeit an. Ein Studienberater erklärt, wie Abiturienten das passende Fach finden - und warum die ersten Semester oft die schwierigsten sind.

Studenten im Audimax der Leibniz Universität Hannover
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Studenten im Audimax der Leibniz Universität Hannover

Ein Interview von


Kaum ist der Abi-Stress überstanden, steht für viele die nächste Nervenprobe an: die Wahl des Studiengangs. Noch bis Mitte Juli läuft an vielen Universitäten die Bewerbungsfrist.

Aber wie findet man das passende Fach? Etwa jeder Dritte bricht sein Bachelorstudium ab - meist in den ersten beiden Semestern. Wie sich das vermeiden lässt, weiß Martin Scholz. Er berät seit 2004 Studenten bei der Studienwahl.

SPIEGEL ONLINE: Im Wintersemester 2016/2017 gab es in Deutschland mehr als 18.000 Studiengänge. Wie sollen sich Abiturienten da entscheiden können?

Scholz: Bei dieser Masse an Studiengängen ist es unmöglich, den Überblick zu behalten. Ich kann Sie allerdings beruhigen: Sie müssen nicht alle Studiengänge kennen, um den passenden zu finden. Eine erste Orientierung bietet beispielsweise der Hochschulkompass. Als Erstes sollten sich Schüler für ein Wissenschaftsfeld wie zum Beispiel Naturwissenschaften entscheiden und sich erst dann über die jeweiligen Studiengänge informieren. Nach der Recherche folgt das Ausprobieren. Viele Hochschulen bieten beispielsweise Infotage oder ein "Schnupperstudium" an. Die sollten Kurzentschlossene unbedingt besuchen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich mich für einen Studiengang entschieden habe. Wie kann ich sicher sein, dass es auch der richtige ist?

Scholz: Eigentlich müssen sich angehende Studierende zwei Fragen beantworten können: Warum will ich genau dieses Fach studieren? Und wer entscheidet mit? Es ist wichtig zu hinterfragen, warum ich genau das Fach gewählt habe. Habe ich mich selbst dafür entschieden oder haben mich vor allem Freunde oder die Familie beeinflusst? Wer darauf gute Antworten hat, hat gute Chancen, sich für den richtigen Studiengang zu entscheiden.

Wichtig ist auch, möglichst genau zu wissen, worum es in einem Fach geht. So lassen sich Enttäuschungen vermeiden. Ein Beispiel ist der Studiengang Medieninformatik. Viele Bewerber denken da nur an den ersten Begriff und glauben, sie lernen etwas über Social Media. Wenn es dann im Studium vor allem um Algorithmen und Mathe geht, sind viele enttäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Einer von drei Bachelorstudenten wirft sein Studium vorzeitig hin. Was raten Sie, damit das nicht passiert?

Scholz: Anders als in der Schule ist die Lernpyramide in der Universität oft umgekehrt. Die ersten Semester sind beispielsweise in den Ingenieurwissenschaften am anspruchsvollsten, da die Studierenden erst die Grundlagen lernen müssen. Deshalb zweifeln viele gerade in dieser Zeit, ob sie das richtige Fach gewählt haben. In diesem Fall sollte man sich fragen: Bin ich bereit, mehr Zeit in das Studium zu investieren? Kann ich mir vorstellen, ein Semester dranzuhängen? Kann ich vielleicht effektiver lernen? Helfen kann auch, realistisch zu planen, nicht nur über Tage oder Wochen, sondern über Monate: Wann muss ich was gelernt haben, wann steht welche Prüfung an? Das gibt Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Viele Studienabbrecher sagen, ihnen habe die Motivation gefehlt. Geht es den Studenten nur noch um Spaß?

Scholz: Im Gegenteil: Sie haben oft zu wenig Spaß an ihrem Studium. Viele sehen es als eine Investition mit Rendite. Dabei sollte Begeisterung einer der wichtigsten Aspekte sein. Ein Beispiel ist Stephen Hawking. Wenn jemand Spaß an Physik hat, dann er. Das macht ihn erfolgreich und das ist es, was uns an ihm begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkenne ich überhaupt, was mir Spaß macht?

Scholz: Viele Studierende wissen keine Antwort, wenn ich sie nach ihren Stärken frage. Ich bitte sie dann oft, sich vorzustellen, was die beste Freundin oder der beste Freund sagen würde. Diese Distanz hilft vielen, sich besser einzuschätzen.

Es hilft auch, Menschen genau zu beobachten, wenn sie erzählen, was sie begeistert. Ich erinnere mich an eine Medizinstudentin, die mir von ihrem Studium erzählt hat. Ihre Körpersprache blieb dabei eher ausdruckslos. Als sie aber von einem Biologieseminar erzählte, lächelte sie plötzlich und ihre Augen leuchteten. Ich sprach sie darauf an. Das hat sie dazu angeregt, weiter darüber nachzudenken, an welchen Dingen sie Freude hat und was ihr im Studium dadurch leichter gefallen ist.



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Seite 1
derduke.. 12.06.2017
1. Wichtiges vergessen
Viel wichtiger als "Spass" am Studium sind die Berufsaussichten. Es lohnt sich heutzutage einfach nicht BioX oder Chemie zu studieren, es gibt einfach keine Stellen. Viele Studienberatungen haben Angst davor ihre "Kunden" mit den durchaus niederschmetternden Berufsaussichten ihres Wunschfaches zu konfrontieren.
Thomas Schröter 12.06.2017
2. Studiendesinformation
Entscheidende Informationen erhalten die Interessenten allerdings nicht: Die verschleierten Studienabbruchquoten und was das für den Lebenslauf bedeutet. Und zu guter Letzt welche tatsächlich für die Praxis relevanten Kompetenzen tatsächlich persistent erworben werden können.
irgendeinleser 12.06.2017
3.
Zitat von derduke..Viel wichtiger als "Spass" am Studium sind die Berufsaussichten. Es lohnt sich heutzutage einfach nicht BioX oder Chemie zu studieren, es gibt einfach keine Stellen. Viele Studienberatungen haben Angst davor ihre "Kunden" mit den durchaus niederschmetternden Berufsaussichten ihres Wunschfaches zu konfrontieren.
Ich finde es viel problematischer, wenn sich die Studis durch ungeliebte Fächer quälen. Schon 15 Jahren bekam ich (damals Wiss. Mitarbeiter) von Informatikstudierenden Gesprächsinhalte wie "ich hätte ja viel lieber Germanistik studiert, aber da bekommt man ja keinen Job". Es mag stimmen, aber mit den betreffenden Absolventen kann ich meist auch nicht viel als Informatiker anfangen, so sie ihr Studium überhaupt beenden. Ich bin allerdings noch von Zeiten geprägt bin, wo noch nicht die Mehrheit studiert hat. Entsprechend ist meine Erwartung immer noch, dass man für sein Studienfach "brennen" sollte -- vermutlich bin ich diesbezüglich einfach hoffnungslos altmodisch. Abgesehen davon nennen Sie mit Chemie ja einen noch einen Bereich mit langfristig eher "handfesten" Aussichten. Momentan mag der Arbeitsmarkt schlecht sein (Chemie ist fern meiner Gebiete), aber meiner Erfahrung nach lohnt es sich nicht, nach dem aktuellen Stand solcher "Schweinezyklen" zu richten. Bis man mit dem Studium durch ist, sieht es oft ganz anders aus. Da lohnt sich m.E. mehr, sich zu fragen a) ob man in den Bereich gut genug sein wird und b) ob man in dem Bereich auf Dauer glücklich sein wird. Ich gebe Ihnen aber völlig Recht, dass die Studienberatungen die Berufsaussichten offen ansprechen müssen.
MartinS. 12.06.2017
4. ...
Zitat von Thomas SchröterEntscheidende Informationen erhalten die Interessenten allerdings nicht: Die verschleierten Studienabbruchquoten und was das für den Lebenslauf bedeutet. Und zu guter Letzt welche tatsächlich für die Praxis relevanten Kompetenzen tatsächlich persistent erworben werden können.
Eine Abbruchquote pro Fach wäre durchaus hilfreich, um ganz schlicht und einfach auch mal eine quantifizierbare Aussage zur Schwierigkeit eines Studiengangs zu erhalten. (ist zwar auch nicht ganz so einfach zu vergleichen, da die Abbruchquote durchaus auch abhängig von der gewählten Hochschule/Uni ist, und man noch mit einbeziehen müsste, ob es einen NC zur Zulassung gibt... aber so ganz grundlegend würde das mit Sicherheit zumindest einen ersten Eindruck vermitteln) Der Auswirkungen eines Abbruchs auf den Lebenslauf sollte sich nun wirklich jedermann bewusst sein. Warum dies wirklich jedem Studenten nochmals vorgekaut werden müsste, sehe ich eigentlich nicht. Und die Frage nach den für die Praxis relevanten Kompetenzen lässt sich nicht beantworten. Wann was genau aus welchem Studiengang später tatsächlich praktisch relevant werden könnte.... darauf gibt es keine befriedigende Antwort. Es gibt zwar einiges, was so ziemlich jeder mal brauchen könnte, aber der Großteil der Studieninhalte wird später vermutlich jeweils nur von vereinzelten benötigt. Und je nach der später ausgeübten Tätigkeit können dies halt auch vollkommen unterschiedliche Kompetenzen und Inhalte sein. (wenn man innerhalb eines Studienganges nur genau die Inhalte bearbeiten würde, die anschließend von allen Studenten dann auch benötigt werden, dann könnte man das Ganze auch einfach Ausbildung nennen)
cabeza_cuadrada 12.06.2017
5. Studienberatungen
Zitat von derduke..Viel wichtiger als "Spass" am Studium sind die Berufsaussichten. Es lohnt sich heutzutage einfach nicht BioX oder Chemie zu studieren, es gibt einfach keine Stellen. Viele Studienberatungen haben Angst davor ihre "Kunden" mit den durchaus niederschmetternden Berufsaussichten ihres Wunschfaches zu konfrontieren.
da reicht es auch schon sich auf Stepstone und Co. zu informieren. Oder einfach mal bei Xing Mitglieder in diesen Branchen anfragen.
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