Studiengebühren Boykott und Blasmusik

"Mir gäbbet nix", sagen Freiburger Studenten und wollen die Campusmaut boykottieren. "Wer die Zeche prellt, der fliegt", kontert die Universität. Gestern feierte sie ihr 550-jähriges Bestehen. Frühlingssinfonie mit Pomp, Pfiffen, Protest: Ein Jubiläum endete im Eklat.

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Als die Universität Freiburg vor 550 Jahren ihr Domizil im Stadtkern fand, war vom heutigen Campus noch nicht viel zu sehen. Überschaubare 234 Studenten begingen im Spätsommer 1457 ihr erstes Semester, befreit von Steuern und anderen Abgaben. Selbst die Unterkunft gab es fast geschenkt: Uni-Gründer Albrecht VI. von Österreich mahnte schon im Stiftungsbrief die Freiburger Bürger, "die studentischen Mieter nicht auszunutzen".

Von so viel Kulanz können Freiburger Studenten heute nur noch träumen. Baden-Württemberg treibt jetzt Studiengebühren ein, bis zum 15. Februar muss jeder Student 500 Euro überweisen. Nur dann ist die Rückmeldung zum Sommersemester rechtsgültig. Dazu gibt das Uni-Rektorat die schlichte Parole aus: Wer nicht zahlt, fliegt raus. Doch genau das provozieren Studentenvertreter. Ihr Kalkül: Verweigern Studenten massenhaft die Campusmaut, werden es Land und Universität nicht wagen, sie allesamt zu exmatrikulieren.

Drei kleinere Hochschulen in Karlsruhe haben die nötige Beteiligung bereits erreicht. Mit Hilfe eines einfachen Systems ruft der Freiburger u-AStA zum Boykott auf: Von den 605 Euro Rückmeldegeld soll man nur die 105 Euro Semesterbeitrag an die Uni zahlen. Die 500 Euro Studiengebühr wandern auf ein Treuhandkonto, das sich bis zum Ende der Zahlungsfrist mit den Moneten der Rebellen füllt. Liegt dann ein Betrag von 2,75 Millionen auf dem Boykottkonto, ist das nötige Quorum erreicht: 5500 Studenten, also jeder Vierte, haben die Zeche geprellt. Sind es weniger, fließt das Geld noch passgenau auf das Unikonto - dann ist der Boykott gescheitert, aber die Akteure sind aus dem Schneider.

Dazu werde es nicht kommen, prophezeit Hermann Schmeh, Mitorganisator des Boykotts. "Wir erwarten, dass die Zahlungen erst in der letzten Woche so richtig reinrauschen", so der Vorsitzende des u-AStA optimistisch, "schließlich müssen 500 Euro auch erst zusammengekratzt werden". Die Gebührenverweigerer betreiben voller Eifer Aufklärung, stehen vor jedem Eingang, verteilen Flyer, Anstecker und Hefte.

Dementi-Duell im Netz

Auf der Homepage meldet der u-Asta täglich die aktuelle Abweichler-Zahl. Und kritisiert energisch die Verwendung der Gelder: Anhand einer Kostenauflistung der Univerwaltung wird errechnet, dass nach Abzug sämtlicher Rücklagen, Verwaltungskosten und Umschichtungen lediglich rund 240 der ursprünglichen 500 Euro pro Semester übrig bleiben. Alles Quatsch, konterte am letzten Freitag das Rektorat und monierte "viele Falschmeldungen". Seitdem übertreffen sich beide Seiten im Internet mit Vorwürfen und Richtigstellungen.

"Studiengebühren sind nicht ungerecht", lässt da die Hochschulleitung verlauten - einen "abschreckenden Effekt" für kommende Studenten prognostiziert dagegen u-AStA-Chef Hermann Schmeh. Ein erheblicher Teil der Gelder könnte buchstäblich in Rauch aufgehen, nämlich für Heizkosten, menetekelt die Studentenvertretung - das Rektorat antwortet, dass "die Studiengebühren vollständig für das Studium und die Lehre eingesetzt werden". Und appelliert an den verwirrten Normalstudenten: "Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung". Der u-AStA klebt derweil die Flure mit klarer Botschaft zu: "Der Rektor lügt. Wie gedruckt."

Karl-Reinhard Volz, Prorektor der Universität, hatte vor einigen Wochen noch öffentlich darüber nachgedacht, Teile der Gebühreneinnahmen für uniinterne Heizkosten zu verprassen. Schnee von gestern, versichert er jetzt: "Heizkosten können Sie streichen", die übernehme komplett das Land. Für die erwarteten Einnahmen von 17 Millionen Euro jährlich formt Volz zwei Töpfe: 70 Prozent der Gebührengelder sollen direkt für reine Verbesserungen der Lehre bereitstehen und die restlichen 30 Prozent Sonderprogramme finanzieren. Die Aufregung um die Campusmaut kann Volz daher nicht verstehen und sieht den Boykott als gescheitert. "Ein Viertel unserer Studenten zu exmatrikulieren, würden wir sehr bedauern", sagt der Prorektor - aber "hart bleiben", dass müsse die Uni trotzdem.

Auf dem Univorplatz haben die Freiburger Studenten derweil als Infostand einen strammen Holzverschlag aufgebaut, klein, leicht windschief und signalgelb. Auf allen Seiten steht die Botschaft: Boykott! Davor rüstete sich gestern eine Handvoll Boykotteure in Schals und gelben T-Shirts für den Festabend.

Sturmklatschen statt Debatte

Am Mittwochabend nämlich eröffnete die Universität Freiburg ihr Festjahr zum 550-jährigen Bestehen. Der Rektor Professor Wolfgang Jäger sollte sprechen, auch u-AStA-Vorstand Hermann Schmeh, danach das Akademische Orchester Schumanns Frühlingssinfonie spielen - der Komponist selbst nannte sein Stück, erfüllt von starker Blasmusik, "in feuriger Stunde geboren".

Anlauf zum feierlichen Jubiläum: Das Audimax füllt sich mit einem Anzugmeer von bordeauxrot bis anthrazitgrau, viel auffälliger sind die knallgelben Klamotten der Boykottstudenten. Mit dem ersten Rektor-Wort bricht der Krawall los: Seine Worte gehen im Klatschen und Pfeifen der Gelbhemden unter. Gut 50 Studenten in den letzten Reihen erfüllen das Audimax mit Geschrei. Das Jubiläum müsse einen "Platz zur Diskussion" bieten, kämpft Jäger noch für Versöhnung - die Studenten hauen mit ihren Fäusten auf die Bänke und johlen, als könnten sie einen 40 Jahre alten Zeitgeist beleben. Den Festgästen bleiben nur hilflose Gesten.

Wenige Minuten beschämendes Sturmklatschen reichen aus, um die Fronten endgültig zu verhärten. Beim Empfang nach dem Konzert kündigt der Rektor jedwede Gespräche mit dem Studentenvorstand. Studenten wie Professoren versuchen noch mit "Könnte"- und "Hätte"-Sätzen, das Ereignis kleinzureden. Doch eine groß geplante Jubiläumsnacht verschwindet in eisiger Distanz. Die Chance auf einen erfolgreichen Boykott sei hinüber, ärgert sich nach der zerschossenen Zeremonie eine Studentin, selbst im gelben T-Shirt gewandet: Durch diese "Radikalisierung bekommen wir nie das Vertrauen der Zögerlichen".

Als die Instrumente verstaut werden und die letzten Gäste das Unigebäude verlassen, liegt das gelbe Boykotthäuschen vor der Uni im Dunkeln. Gegenüber thronen zwei schwere Statuen - Homer und Aristoteles glitzern im Scheinwerferlicht herausfordernd gen Holzverschlag. Der Boykott legt sich schlafen. Eines hat er seinen stummen griechischen Nachbarn entgegenzusetzen, in bestem Latein: Dum spiro, spero - solange ich atme, hoffe ich.

Frei nach Cicero ist auch hier an der Uni die Hoffnung länger als der Atem. Bis Donnerstagnachmittag haben sich 637 Studenten am Gebührenboykott beteiligt. Es fehlen noch 4863.



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