Studiengebühren in Finnland Vertreibung aus dem Bildungsparadies

Beim notorischen Pisa-Champion Finnland geht es ans Eingemachte. Bisher gibt es für Studenten eine Rundumversorgung und keinerlei Studiengebühren, doch bald sollen ausländische Studenten zahlen. Und danach vielleicht auch die Finnen selbst.


Finnland-Fans: Studiengebühren für ausländische Studenten schrecken ab
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Finnland-Fans: Studiengebühren für ausländische Studenten schrecken ab

Im Hauptgebäude der Universität Helsinki im Herzen der finnischen Hauptstadt herrscht Hektik vor dem Semesterstart. Gedränge vor Info-Tafeln, Gespräche, Gelächter. Aber der Studentenbund der Uni befasst sich bereits mit hochschulpolitischem Sprengstoff - mit der geplanten Einführung von Studiengebühren für ausländische Studenten aus Ländern, die nicht zur EU oder EFTA gehören. Geht es nach den Vorstellungen der Arbeitsgruppe des Bildungsministeriums, so sind ab August 2007 je nach Fachdisziplin zwischen 3500 und 12.000 Euro Studiengebühren fällig.

"Wir sind der Auffassung, dass das Studium sowohl für finnische als auch ausländische Studenten kostenlos sein muss. Keine Gruppe darf gegenüber einer anderen Gruppe benachteiligt werden", sagt Anne Kettunen, Sekretärin für internationale Fragen im Studentenbund. Sie verweist auf eine Umfrage unter ausländischen Studenten: "Die Kostenfreiheit ist das wichtigste Motiv, in Finnland zu studieren."

Mit Nachdruck befürwortet dagegen Kari Raivio, Kanzler der Universität Helsinki, den Vorschlag. Sein Wort hat Gewicht. Kanzler finnischer Universitäten ernennen sämtliche Professoren und Dozenten und überwachen die Gesetzlichkeit des universitären Betriebs. Ausländische Studenten sollten mit der qualitativ hochwertigen Ausbildung angelockt werden, sagt Raivio. "Studenten, die nur nach Billigläden suchen, brauchen wir nicht."

Unis mit Haushaltssorgen

Auch das finnische Hochschulwesen steht unter Modernisierungsdruck und den Zwängen der Internationalisierung. Zwar bieten die insgesamt 22 Universitäten eine niveauvolle Ausbildung und die Studienzeit wurde per Gesetz auf fünf plus zwei Jahre begrenzt. Aber zugleich haben die Unis Haushaltssorgen und müssen sich dem Ausland stärker öffnen. Unter Austauschstudenten ist Finnland sehr beliebt. Aber in Bezug auf die Zahl ausländischer Studenten, die einen Abschluss machen, liegt Finnland weit hinten.

Finnische Studentinnen:
Florian Englmaier

Finnische Studentinnen:

Bis 2008 will man die Zahl ausländischer Studenten verdoppeln. Der Zuwachs soll mit Hilfe der Studiengebühren teilweise finanziert werden. Aber der Gebührenvorschlag sei auch ein Signal an die eigenen Hochschulen, sagt Esko Koponen, Koordinator für internationale Ausbildung an der Staatswissenschaftlichen Fakultät. Studienangebote für ausländische Studenten würden immer mehr zum Produkt: "Es geht um Markt und Wettbewerb. Rekrutierungs- und Vermarktungsanstrengungen sind notwendig. Die Lehrpläne müssen stärker darauf ausgerichtet werden. Bringt eure Läden in Ordnung."

Woran es im Moment vor allem hapert, weiß aus eigener Erfahrung die Weißrussin Alina Belskaya, Studentin in der Fachrichtung Politische Geschichte. Sie meint, dass die Ausbildung auf Englisch deutlich unter dem Niveau der Ausbildung auf Finnisch liege. Finnisch-Kurse würden zwar angeboten, aber danach reiche das sprachliche Niveau längst nicht aus, um Vorlesungen auf Finnisch zu besuchen, geschweige denn eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. Auch der Service für ausländische Studenten sei unzureichend. "Weil es noch relativ wenig ausländische Studenten gibt, wissen viele Mitarbeiter nicht, wie sie mit ihnen umgehen sollen", sagt Belskaya.

Studiengebühren hält sie aber im Moment für den falschen Weg, um die Internationalisierung der Universitäten voranzutreiben: "Anstatt zu kassieren sollte man zunächst in Rekrutierung, Marketing und Studienangebote investieren." Auch die Chancen auf einen Arbeitsplatz in Finnland müssten besser werden. In der Einstellung vieler Firmen zu ausländischen Arbeitnehmern besonders aus Nicht-EU-Ländern gebe es viele Probleme.

Studiengebühren auch für finnische Studenten

Ob Studiengebühren dazu beitragen, mehr Studenten nach Finnland zu locken, bezweifelt Koordinator Koponen - zumal Finnlands Attraktivität vor allem auf der kostenlosen Ausbildung beruht. Schließlich sei Finnland als Hochschulland verglichen mit den USA, Großbritannien oder Australien ziemlich unbekannt. "Wir müssen also irgendwo besser sein. Aber Wettbewerbsvorteile entstehen nicht über Nacht. Was haben wir anzubieten?", fragt Koponen.

Kanzler Kari Raivio versichert, dass es bei Master-Programmen im Rahmen des Bologna-Prozesses bereits im nächsten Studienjahr einen starken Boom geben werde. Zwei Drittel der Master-Studiengänge seien auf Englisch. Dass Studiengebühren für ausländische Studenten kommen werden, davon ist Raivio auch überzeugt. Und auch davon, dass das kostenfreie Studieren irgendwann ganz abgeschafft wird. "Es wird höchste Zeit, Studiengebühren für alle Studenten, auch für finnische Studenten einzuführen", sagt Raivio.

Die Befürchtung von Anne Kettunen: Zunächst werden Gebühren für eine kleine Gruppe eingeführt. Wenn dies läuft, werde der nächste Schritt folgen. Aber man werde sich zur Wehr setzen, versichert die Sekretärin für internationale Angelegenheiten des Studentenbundes. "Wir werden auf die Parlamentsabgeordneten aktiv einwirken. Sie entscheiden über die Einführung von Studiengebühren. Und wir werden die Diskussion über Werte und Kostenfreiheit der finnischen Hochschulausbildung stärker in die Öffentlichkeit tragen."

Von Stefan Tschirpke, Campus & Karriere / Deutschlandfunk



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