Studiengebühren in Münster "Der Mann muss um sein Leben fürchten"

Die Uni Münster hat die Einführung von Studiengebühren beschlossen, die entscheidende Stimme kam dabei von einem Studenten. Dieser hat jetzt kein leichtes Leben mehr: In der Community StudiVZ lassen Protestler ihrem Zorn gegen den Kommilitonen bedrohlich freien Lauf.

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Der junge Mann hat Recht behalten. Am 14.03.2007 um 23.11 Uhr platzierte er folgenden Pinnwandeintrag auf Max Brüggemanns Seite in StudiVZ, einer Internetplattform für Studenten: "Dein Name fällt in einem SPIEGEL ONLINE Artikel, der seit circa 15 Minuten im Netz ist. Ich denke Du wirst eine Menge neue Freunde bekommen…"

SPIEGEL ONLINE hatte am vergangenen Mittwoch über die Einführung von Studiengebühren berichtet. Die Wahl wurde mit zwölf zu elf Stimmen entschieden - ab dem kommenden Wintersemester müssen die Studenten in Münster 275 Euro Studiengebühren bezahlen.

Das Ergebnis ist pikant. Der Senat der Uni besteht aus zwölf Professoren, sieben Mitarbeitern und vier Studenten - hätten alle Professoren für Studiengebühren entschieden, wären die anderen überstimmt. Offenbar kam die entscheidende Stimme bei der Abstimmung aber ausgerechnet von einem Studenten, mutmaßlich von eben jenem Max Brüggemann.

Direkt nach der Abstimmung ging der Protest gegen den Studenten los. Telefonterror und E-Mail-Spam halten sich bei Max Brüggemann zwar in Grenzen. Stattdessen nutzen seine Kommilitonen die Internetcommunity StudiVZ, um ihre Wut abzulassen und Argumente auszutauschen.

In eineinhalb Tagen haben sich rund 400 Einträge auf seiner Pinnwand angehäuft, auf der Mitglieder virtuelle Nachrichten hinterlassen können. Manche beneiden ihn sogar um diesen zweifelhaften Ruhm. So schreibt ein Student aus Bayreuth am Donnerstagabend: "Hey, endlich einmal eine belebte Pinnwand! Hurra, was hast du dafür gemacht? Wo muss ich meine Seele verkaufen, damit das bei mir auch so aussieht? Echt toll!"

"Dank dir wird meine Freundin arm"

Dieser Student beliebt zu scherzen oder hat sich die Einträge noch nicht genau zu Gemüte geführt. Denn neben sachlichen Pro- und Contra-Argumenten nutzen Studenten das Forum auch, um Max zu bedrohen: "Wir wissen, wie du aussiehst (Hahaha), denk immer dran, wenn du über die Straße gehst..." Oder: "Schließ dich am besten ein, da du bestimmt nicht mehr viele Freunde in Münster haben wirst! Dank dir wird meine Freundin arm! Wixer!" Andere Studenten wiederum fordern Max dazu auf, die protestierenden Studenten anzuzeigen. So käme "die Zwangsexmatrikulation noch früher als erwartet".

Es blieb nicht bei der Bedrohung auf Brüggemanns Pinnwand. Die Mitglieder der Community bilden Gruppen, um ihre Abneigung oder Sympathie für den BWL-Studenten auszudrücken. Eine ist für, zwei gegen Max Brüggemann.

Die Gruppe mit dem Titel "PRO - Max Brüggemann" ist mit 15 Mitgliedern eher mager aufgestellt. Im internen Forum gibt es mickrige zwei Beiträge. "275 Euro Studiengebühren in Münster - Danke an Max Brüggemann" umfasst dagegen 74 Mitglieder und "DANKE Max Brüggemann - endlich 'darf' ich zahlen!" über hundert. Die Diskussion in der letzteren Gruppe ist lebhaft und äußerst kontrovers: Einige Mitglieder rufen beispielsweise dazu auf, Fahndungsplakate zu drucken mit dem Ziel "diesen Unmenschen zu kriminalisieren".

Der Betroffene gibt sich cool

Andere Studenten reagieren fassungslos auf die "Schmähkritik und handfesten Drohungen", die sich sowohl im Forum als auch auf seiner Pinnwand angesammelt haben. Ein Mitglied schreibt: "Wir haben ja echt Grund sauer zu sein, aber einige der Mitglieder und der Leute, die auf seine Pinnwand schreiben, gehen echt zu weit. Er hat mal totale Scheiße gebaut, aber der Mann muss doch schon um sein Leben fürchten! Das kann doch echt nicht sein, oder?"

Und wie findet Max Brüggemann die Aufregung um seine Person? Selbstverständlich habe er mit Reaktionen gerechnet - aber nicht in einem solchen Ausmaß. Selbst vor seiner Freundin machten die Drohungen nicht halt. "Aber ich stehe darüber und freue mich über die Unterstützung, die ich von vielen Leuten erfahre", beteuert er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Solange er nicht körperlich angegriffen werde, habe er kein Problem damit.

Er seit jetzt ohnehin erstmal zwei Wochen in Berlin und baue darauf, dass sich bis zu seiner Rückkehr die studentischen Gemüter wieder etwas abgekühlt hätten. "Ich hoffe auf die Vernunft der Studenten und dass sie es bei Beschimpfungen belassen. Und keinen Schritt weitergehen."

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